SALTO MORTALE
Jugoslawische Möbel.
Deutsche Maschinen.
Italienische Schuhe.
Tschechisches Kristall.
Japanische Fernseher.
Levi’s-Jeans aus Amerika.
Alles hatte seinen Ort. Seine Herkunft. Seinen Ruf.
Es genügen diese Begriffe, und eine ganze sowjetische Generation weiß sofort, wovon die Rede ist. Es waren keine Marken. Es waren Versprechen. Wer so etwas besaß, hatte es geschafft.
Heute wirken diese Maßstäbe fast nostalgisch. Die Welt produziert längst woanders. China, Vietnam, Polen oder die Türkei fertigen Produkte, deren Qualität sich oft nicht mehr hinter den alten Namen verstecken muss. Doch die Bilder sind geblieben. Wie Nägel im Kopf.
Das gilt nicht nur für Möbel oder Maschinen. Auch unser Blick auf Länder verändert sich langsamer als die Länder selbst. Deutschland steht noch immer für Präzision. Amerika für Freiheit. Russland für Größe. Und die Ukraine erscheint vielen bis heute als Teil Russlands. Nicht weil die Wirklichkeit so wäre. Sondern weil Bilder langlebiger sind als Tatsachen.
In Russland haben sich manche dieser Bilder besonders hartnäckig gehalten. Nicht nur die Erinnerung an die Sowjetunion, sondern auch die Vorstellung, ihre Ordnung könne eines Tages wiederhergestellt werden. Aus Erinnerung wurde Sehnsucht. Aus Sehnsucht ein politisches Versprechen. Und schließlich der Glaube, Geschichte lasse sich bis zu einem bestimmten Punkt zurückdrehen.
Nur welcher Punkt das ist, bleibt erstaunlich beweglich. Mal ist es die Sowjetunion. Mal das Russische Reich. Mal Peter der Große. Mal der Sieg von 1945. Die Vergangenheit wird nicht erinnert. Sie wird ausgewählt. Und mit jeder Auswahl verschiebt sich zugleich das Ziel der Rückkehr.
Mit diesen Erinnerungen blieben auch Denkweisen. Jahrzehntelang hatte die sowjetische Führung die Welt in Gegensätze geteilt: hier wir, dort der Westen. Freund oder Feind. Dazwischen gab es wenig.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion verschwand der Staat. Nicht aber die Vorstellung eines gemeinsamen historischen Raumes. Jede ehemalige Republik, die sich dauerhaft davon löste, stellte diese Vorstellung ein Stück weiter infrage.
Die Entwicklungen in Georgien 2003 und später in der Ukraine 2004 und 2013/2014 waren deshalb mehr als außenpolitische Ereignisse. Sie wurden zu Prüfsteinen des eigenen Selbstverständnisses.
Mit der Ukraine erreichte diese Entwicklung ihren empfindlichsten Punkt, Schließlich war sie Gründungsmitglied der Sowjetunion, fester und wichtigster Teil.
Denn mit der Ukraine ging es um mehr als um Territorium. Gelingt es ihr, sich dauerhaft aus diesem historischen Raum zu lösen, gerät auch das russische Selbstverständnis ins Wanken. Wenn die Sowjetunion nicht mehr als Vorstufe Russlands erscheint, sondern als ein Staat, aus dem viele Staaten hervorgegangen sind, verändert sich auch die Vorstellung ihrer Nachfolge.
Russland versteht sich bis heute gern als Erbe der Sowjetunion. Tatsächlich blieb nach ihrem Zerfall der größte Teil ihres Territoriums zurück. Aber eben nicht das Ganze.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zumutung.
Russland wäre dann nicht mehr das Ganze, das kleiner geworden ist. Sondern nur noch eines von mehreren Nachfolgestaaten. Das größte – aber eben nur eines.
Damit geriete auch das Selbstverständnis ins Wanken, die natürliche Fortsetzung der Sowjetunion und ihres historischen Einflussraums zu sein.
Es wäre ein Russland.
Nur das.
Als der Ruf „Goida!“ wieder durch Russland hallte, klang darin deshalb mehr als Kriegsbegeisterung. Er war der Jubel über den Glauben, Geschichte lasse sich zurückdrehen. Nicht als Erinnerung. Sondern als selbstsicheren Anspruch, die Wirklichkeit dem eigenen Bild anzupassen.
„Goida“ war der Ruf zum Sprung.
Zum Versuch, dorthin zurückzukehren, wo das eigene Selbstverständnis noch unangefochten gewesen war.
Nicht der Salto machte ihn tödlich. Sondern der Glaube, auf einem Boden landen zu können, den es längst nicht mehr gab.
Vielleicht liegt genau darin das Mortale.
Nicht im Sprung.
Nicht in der Drehung.
Sondern in der Überzeugung, dass die Vergangenheit noch immer dort auf einen wartet, wo man sie verlassen hat.
Genau in diesem Irrtum beginnt der Sturz.