DAS GEGENBILD
Die NATO ist nicht Ursache dieses Konflikts. Sie ist sein Gegenbild.
Ein leicht vermittelbares Feindbild, nicht nur wegen ihrer militärischen Macht, sondern wegen einer Ordnung, die sich russischer Kontrolle entzieht. Wer verstehen will, warum dieses Narrativ trägt, muss deshalb nicht nur auf Truppenstärken und Raketen schauen, sondern auf die Frage, wer über Sicherheit entscheiden darf.
Dass Russland die Erweiterung der NATO als sicherheitspolitisches Problem wahrnahm, muss man nicht bestreiten. Staaten betrachten Bündnisse auch danach, was sie für die eigene Macht bedeuten. Daraus folgt jedoch weder ein Recht auf Einflusszonen noch die Notwendigkeit eines Krieges.
Denn die NATO ist kein Staat, der sein Territorium erweitert. Neue Mitglieder treten ihr auf eigenen Antrag bei, und ihre Aufnahme verlangt die Zustimmung aller Bündnispartner. Gerade darin liegt ein Unterschied, der in der russischen Erzählung beinahe verschwindet.
Aus Moskauer Perspektive rückte die NATO näher.
Aus der Perspektive Polens, der baltischen Staaten und anderer rückten diese Länder von Russland weg.
Beides beschreibt dieselbe Bewegung.
Aber nur eines erkennt ihre Entscheidung als eigene an.
Genau darin liegt der Konflikt zweier Vorstellungen von Sicherheit. Die eine denkt stärker in Einflussräumen, strategischer Tiefe und der Kontrolle des eigenen Umfelds. Die andere beruht zumindest ihrem Anspruch nach darauf, dass souveräne Staaten selbst wählen, welchen Bindungen sie beitreten.
Für Russland bedeutete das einen Verlust an Einfluss, obwohl kein russisches Territorium verloren ging.
Vielleicht war gerade das schwer zu akzeptieren.
Denn ein Bündnis wie die NATO zeigt etwas, das einem imperialen Verständnis von Sicherheit widerspricht: Staaten können sich aneinander binden, ohne sich einem von ihnen zu unterwerfen. Der kleinere Staat muss nicht zum Vorfeld des größeren werden, nur weil er an dessen Grenze liegt.
Natürlich ist auch diese Ordnung nicht frei von Macht. Die Vereinigten Staaten besitzen innerhalb der NATO ein Gewicht, das Estland oder Montenegro niemals haben werden. Interessen verschwinden nicht, nur weil Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.
Aber Macht und Unterwerfung sind nicht dasselbe.
Auch Russland stand dieser Ordnung nach dem Ende der Sowjetunion nicht einfach nur als ausgeschlossener Gegner gegenüber. Es gab Kooperation, gemeinsame Gremien, Abkommen und Versuche, eine europäische Sicherheitsordnung zu schaffen, in der Russland und die NATO miteinander arbeiteten.
Der Weg führte nicht zwangsläufig zur Mitgliedschaft. Aber er hätte zu einer anderen Form von Beziehung führen können.
Stattdessen wurde die NATO zunehmend zum Gegenbild. Nicht nur militärisch, sondern politisch. Sie verkörperte eine Bindung, deren entscheidende Eigenschaft darin bestand, dass Moskau über sie nicht verfügen konnte.
Mit dem Krieg bekam diese Erzählung eine neue Qualität.
Heute heißt es in Russland immer wieder, man kämpfe längst nicht mehr nur gegen die Ukraine. Man kämpfe gegen die NATO, gegen den Westen, gegen dessen Waffen, Aufklärung, Ausbildung und wirtschaftliche Macht.
Tatsächlich unterstützen zahlreiche NATO-Staaten die Ukraine massiv. Sie liefern Waffen, bilden Soldaten aus, stellen Informationen bereit und finanzieren ihre Verteidigung. Das Bündnis selbst ist jedoch nicht als Kriegspartei in den Krieg eingetreten.
In der Erzählung verschwimmt dieser Unterschied.
Und gerade dadurch kann sie sich selbst bestätigen.
Die NATO wurde zur Bedrohung erklärt. Russland griff die Ukraine an. NATO-Staaten begannen, die angegriffene Ukraine immer umfangreicher zu unterstützen. Diese Unterstützung konnte anschließend als Beweis dafür dienen, dass Russland von Anfang an recht gehabt habe:
Wir kämpfen gegen die NATO.
Der Kreis schließt sich.
Die Bedrohung legitimiert das Handeln. Das Handeln erzeugt die Reaktion. Und die Reaktion bestätigt nachträglich die ursprüngliche Bedrohung.
Je mehr Waffen NATO-Staaten liefern, desto leichter lässt sich behaupten, der Krieg sei nie wirklich gegen die Ukraine geführt worden. Je stärker die Unterstützung wird, desto größer kann auch der Gegner erzählt werden.
Damit verändert sich sogar die Bedeutung eines möglichen Scheiterns.
Gegen die Ukraine zu verlieren wäre schwer zu erklären.
Gegen den gesamten Westen zu kämpfen, erlaubt eine andere Geschichte.
Plötzlich stehen nicht mehr zwei Staaten einander gegenüber. Auf der einen Seite steht Russland, auf der anderen eine angeblich geschlossene westliche Welt mit ihrer wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Übermacht.
Der Gegner wächst mit dem Krieg.
Und mit ihm wächst die Möglichkeit, die eigene Verantwortung zu verkleinern.
Dabei geschieht etwas Bemerkenswertes: Gerade der Angriff hat die NATO wieder zu jener Bedeutung geführt, die ihr zuvor teilweise abhandengekommen war. Verteidigung wurde wieder zum Zentrum des Bündnisses, Militärausgaben stiegen, Truppen wurden an der Ostflanke verstärkt. Finnland und Schweden, die jahrzehntelang außerhalb geblieben waren, beantragten die Mitgliedschaft und traten dem Bündnis bei.
Die behauptete Bedrohung brachte damit Handlungen hervor, die sie anschließend als Beweis ihrer selbst verwenden konnte.
Seht, die NATO rückt näher.
Dass die eigene Gewalt diese Bewegung beschleunigt hatte, verschwindet aus dem Bild.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Kraft dieses Gegenbildes. Es muss nicht erfunden sein. NATO-Staaten besitzen Waffen, verfolgen Interessen und unterstützen inzwischen den militärischen Widerstand der Ukraine. Die Erzählung braucht nur Ursache und Wirkung neu zu ordnen.
Dann wird aus Reaktion Absicht.
Aus Unterstützung Angriff.
Aus Abschreckung Einkreisung.
Und aus einem Krieg, den Russland begonnen hat, ein Krieg, den Russland angeblich immer schon führen musste.
Damit wird die NATO mehr als ein Feindbild. Sie wird zum notwendigen Gegenüber einer Erzählung, die ohne Gegner schwerer zu halten wäre.
Und dennoch bleibt unter all dem der ursprüngliche Widerspruch bestehen.
Die NATO zeigt, dass Staaten Schutz suchen können, indem sie sich miteinander verbinden. Gerade jene Staaten, die russische Macht aus eigener Geschichte fürchten, haben diese Möglichkeit besonders entschieden gesucht.
Schutz ohne Unterwerfung.
Bindung ohne Zugehörigkeit zu einem Imperium.
Eine Grenze, die nicht der größere Nachbar bestimmt.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Unverträglichkeit.
Nicht allein in den Waffen der NATO.
Sondern darin, dass Staaten zu ihr gehören wollen.
Und dass Russland darüber nicht entscheidet.