DIE VERDAMMTE ÄHNLICHKEIT

In unseren frühen Jahren, als meine Kinder noch nicht einmal richtig gehen konnten, hatte ich ein Gespräch mit einem amerikanischen Freund. Er meinte, man müsse die Kinder schützen, gerade hier in der Ukraine. Das sei doch Russland. Hier gebe es alles an Krankheiten, was man sich nur ausdenken könne, und dann dieses Gesundheitssystem.

Ich ließ das mit Russland stehen. Etwas trotzig entgegnete ich ihm, vielleicht sei es gerade gut, wenn die Kinder früh mit allem Möglichen in Berührung kämen. Nicht nur mit Krankheiten. Auch mit der Wirklichkeit. Je früher ihr Immunsystem lernte, desto stärker würde es später widerstehen.

Der Satz gefiel mir. Vielleicht weil er sich so leicht auf andere Dinge übertragen ließ.

Mein Freund erzählte mir, in den USA sei das ganz anders, besonders in der Mittel- und gehobenen Mittelschicht. Dort werde sehr darauf geachtet, womit Kinder in Berührung kämen. Er erzählte von Büchern, die aus Schulen oder Bibliotheken genommen wurden, von Listen, von Drogen, Sexualität, manchmal schon einem Kuss. Das ginge nicht.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Das war doch Amerika. Von dort kamen die Filme, in denen geschossen und gestorben wurde, und gleichzeitig musste man Kinder vor einer erzählten heißen Liebesnacht in einem Buch schützen.

Prüdes Amerika.

Aber irgendetwas daran kam mir bekannt vor. Es nährte eine alte These von mir, dass Russland und die USA vielleicht gar nicht so verschieden waren, wie beide Seiten glaubten. Nicht in ihren politischen Systemen, natürlich nicht. Aber in der Art, wie sie sich selbst sahen – und vielleicht gerade deshalb auch darin, wie sie den anderen sahen.

Ein Russe sagte einmal zu mir:

„Ach, Amerika. Das ist doch nur eine riesengroße Insel. Wir haben wenigstens Land davor.“

Ich musste lachen. Selbst im Vergleich musste noch ein Unterschied her.

Jahre später sagte ein Amerikaner über Russland:

„Diese ewigen Kommunisten.“

Auch da musste ich lachen. Die Sowjetunion gab es längst nicht mehr, aber offenbar spielte das keine große Rolle. Für ihn waren sie noch immer Kommunisten.

Vielleicht waren beide Sätze gar nicht so verschieden. Der eine machte aus Amerika eine Insel, der andere aus Russland die Sowjetunion. Beide reduzierten eine riesige, komplizierte Welt auf etwas, das man bereits kannte. Und beide konnten sich damit beruhigen.

Später fielen mir diese Sätze immer wieder ein. Denn vielleicht beschrieben sie den anderen gar nicht so schlecht.

Vor allem aber beschrieben sie den, der sie sagte.

Beide Länder waren riesig. Beide konnten sich weitgehend selbst genügen. Man konnte Tausende Kilometer reisen, Städte sehen, Landschaften wechseln und war noch immer zu Hause. Man konnte ein ganzes Leben verbringen, ohne die eigene sprachliche und kulturelle Welt wirklich verlassen zu müssen.

Bei einem kleinen Land ist das schwieriger. Ein Österreicher fährt ein paar Stunden und ist irgendwo anders. Eine andere Sprache, andere Nachrichten, eine andere Geschichte. Manchmal sogar eine andere Erinnerung an dieselbe Geschichte. Schon die Geografie zwingt einen gelegentlich, sich selbst von außen zu sehen.

In Russland konnte man tagelang fahren und blieb in Russland. In Amerika war es ähnlich. Erstaunlich viele Menschen, denen ich aus beiden Ländern begegnete, hatten die Welt außerhalb kaum gesehen. Nicht unbedingt, weil sie nicht hinausdurften oder nicht hinauskamen. Die eigene Welt war einfach groß genug.

Vielleicht entsteht in sehr großen Ländern eine eigene Form von Provinzialität, gerade weil sie so groß sind.

An der Größe allein konnte es allerdings nicht liegen. China war noch stärker abgeschirmt und schaute trotzdem sehr genau hinaus. Es schickte Studenten, Ingenieure, Wissenschaftler und Geschäftsleute in die Welt. Man wollte wissen, wie es draußen funktionierte. Offenbar konnte man sich abschirmen und trotzdem hinausschauen.

Bei Russland und Amerika schien mir etwas anderes dazuzukommen. Beide hielten sich auf ihre Weise für etwas Besonderes. Beide redeten viel von Stärke, von Fahne, Militär, Siegen, Helden und der eigenen historischen Aufgabe. Natürlich kamen diese Vorstellungen aus völlig unterschiedlichen Geschichten und politischen Ordnungen.

Aber beide hatten auch ein Zentrum.

Nicht nur eine Hauptstadt, sondern ein Zentrum in der Vorstellung von sich selbst.

Um dieses Zentrum herum ordnete sich die Welt. Bei Russland war das vielleicht offensichtlicher. Moskau war nicht nur eine Stadt. Es war Macht, Entfernung, Richtung. Je weiter man von ihm wegkam, desto mehr spürte man manchmal, dass man sich von etwas entfernte, das trotzdem über einen bestimmte.

Amerika war anders gebaut. Föderaler, beweglicher, mit vielen Zentren. Und doch gab es auch dort dieses unsichtbare Zentrum: die Vorstellung, dass die eigene Geschichte nicht irgendeine Geschichte war, sondern eine besondere. Dass Freiheit, Möglichkeit, Erfolg und Stärke nicht nur Eigenschaften eines Landes waren, sondern etwas über seine Stellung in der Welt sagten.

Vielleicht war das eine andere Form von Gravitation.

Nicht alles musste nach Washington oder Moskau. Es genügte, wenn die Vorstellung vom eigenen Land stark genug war, um anderes auf sich zu beziehen.

Manches davon zeigte sich an Orten, an denen man es nicht erwartete.

Ich kannte die brachliegenden Flächen in Russland. Fabriken, die einmal Tausende Menschen beschäftigt hatten und irgendwann nur noch herumstanden. Fenster fehlten, Dächer fielen ein, Gras wuchs durch Beton. Ganze Industriezweige waren verschwunden. Man erklärte es mit dem Ende der Sowjetunion, mit dem Zusammenbruch, den neunziger Jahren, mit dem Markt.

Später sah ich Ähnliches in Amerika.

Detroit.

Andere Fabriken, eine vollkommen andere Geschichte. Dort war keine Sowjetunion zusammengebrochen. Dort hieß es Strukturwandel, Globalisierung, Wettbewerb, Verlagerung. Die Ursachen hatten wenig miteinander zu tun.

Die Ruinen sahen sich trotzdem erstaunlich ähnlich.

Vielleicht begann mich genau das zu interessieren. Nicht ob die Systeme gleich waren. Das waren sie nicht. Sondern dass vollkommen unterschiedliche Systeme manchmal Bilder hervorbrachten, bei denen man zweimal hinsehen musste, um zu erkennen, auf welcher Seite man sich befand.

Ähnlich ging es mir mit dem Recht. In Russland hatte ich früh gelernt, dass Recht eine Summe haben konnte. Geld konnte eine Entscheidung verändern, einen Vorgang beschleunigen oder überhaupt erst möglich machen. Das war Korruption.

In Amerika begegnete mir etwas völlig anderes: Anwälte, Stundensätze, Prozesskosten, Vergleiche. Ein Rechtsstaat mit Regeln und Verfahren, aber auch dort konnten Menschen und Unternehmen Recht haben und sich trotzdem überlegen müssen, ob sie es sich leisten konnten, dieses Recht durchzusetzen.

Die Systeme waren nicht vergleichbar.

Die Frage des Einzelnen manchmal schon:

Kann ich mir mein Recht leisten?

Vielleicht war es das, was mich an diesen Vergleichen faszinierte. Von oben betrachtet waren die Unterschiede gewaltig. Je weiter man nach unten ging, zum einzelnen Menschen, desto merkwürdiger wurden manche Ähnlichkeiten.

Und beide Länder hatten ihre Erklärungen dafür. Russland konnte selbst aus einer Niederlage noch eine Geschichte seiner Größe machen. Amerika aus einem Scheitern eine Geschichte der Möglichkeit. Nicht immer. Aber oft genug, dass mir irgendwann auffiel, wie gut beide darin waren, sich selbst zu erklären.

Das hieß nicht, dass diese Geschichten falsch waren. Amerika hatte Freiheit, Aufstieg und Möglichkeiten hervorgebracht, die Russland so nicht kannte. Russlands Geschichte von Größe, Opfern und Siegen wiederum war für viele Menschen real. Aber eine Geschichte über sich selbst zeigt immer auch, worauf man schaut.

Und manchmal noch mehr, worauf man nicht schaut.

Eine verlassene Fabrik blieb eine verlassene Fabrik, auch wenn die Erklärung dafür eine andere war. Ein Recht, das man sich nicht leisten konnte durchzusetzen, blieb für den Betroffenen ein merkwürdiges Recht. Und ein Land, das ständig von Stärke sprach, musste sich vielleicht irgendwann fragen, warum es so oft davon sprechen musste.

Vielleicht war es gerade diese verdammte Ähnlichkeit, die das gegenseitige Verständnis erschwerte. Denn beide sahen im anderen vor allem den Gegensatz zu sich selbst. Amerika sah Russland und fand dort vieles von dem, was Amerika nicht sein wollte. Russland sah Amerika und tat dasselbe. Der andere wurde zum Gegenbild, an dem sich erklären ließ, wer man selbst war.

Die Unterschiede waren real. Vielleicht machte gerade das die Sache so einfach. Man musste nur auf sie schauen.

Die Ähnlichkeiten störten.

Und damit war ich wieder bei der Abschirmung.

In Russland hatte ich sie lange für etwas spezifisch Russisches gehalten. Man schützte vor fremden Einflüssen, vor falschen Ideen, vor einer anderen Sicht auf die Geschichte. Nun saß mir ein Amerikaner gegenüber und erzählte, wie sorgfältig Kinder vor bestimmten Büchern geschützt wurden, während sie gleichzeitig in einer Kultur aufwuchsen, in der Gewalt auf dem Bildschirm kaum jemanden überraschte.

Es war nicht dasselbe. Aber der Reflex kam mir bekannt vor: Man schützte etwas Eigenes vor etwas, das es verändern könnte. Die Kinder, die Moral, die Geschichte, die Vorstellung vom eigenen Land.

Vielleicht war das auch der Grund, warum mir dieses viele Reden von Stärke irgendwann merkwürdig erschien. Wer seiner Stärke wirklich sicher ist, müsste Berührung eigentlich aushalten können.

Da kam mir wieder mein Satz vom Anfang in den Sinn.

Je früher ihr Immunsystem lernte, desto stärker würde es später widerstehen.

Damals hatte ich nur an unsere Kinder gedacht. Später fragte ich mich, ob es mit Gesellschaften nicht ähnlich sein könnte. Was hinausgeht, begegnet anderem. Was anderes hereinlässt, muss sich damit auseinandersetzen. Es wird verglichen, ihm wird widersprochen, manchmal wird es verunsichert.

Vielleicht entsteht gerade daraus Widerstandskraft.

Was sich dagegen abschirmt, kann sich sehr lange für stark halten. Es erfährt nur nie, ob es das auch ist.

Und es erfährt wenig über das andere.

Aus fehlender Erfahrung wird dann Deutung. Man kennt den anderen nicht, also erklärt man ihn sich. Irgendwann hält man das Bild, das man sich gemacht hat, für Erfahrung.

Vielleicht waren sich Russland und Amerika auch darin nicht so fremd. Beide hatten sehr genaue Vorstellungen voneinander.

Vielleicht brauchten sie diese sogar. Denn solange der andere weit genug entfernt war, konnte er bleiben, was man aus ihm gemacht hatte: das Gegenbild, der Beweis für die eigene Geschichte, etwas, an dem sich das eigene Zentrum ausrichten konnte.

Auch das war Gravitation.

Solange man sich nicht begegnet, funktioniert das sogar.

Wenn man sich dann trifft, wird alles kompliziert.