TERRITORIUM

Äußerlich wechselte mit der Annexion ein Stück Erde seinen mit Gewalt eingesetzten Verwalter. Das ist die Oberfläche. Denn Verwaltung ist kein Besitz – nur seine Behauptung.

Aber auch die Geschichte der Krim lässt sich nicht so einfach erzählen, wie es später getan wurde.

Arm?

Die Krim war nie einfach arm. Sie war reich an anderem: an Lage, Häfen, Handel, Wein, Obst, Fischerei, später an Tourismus. Sewastopol war strategisch von enormer Bedeutung, Jalta und die Südküste wurden zu Kur- und Ferienorten. Wer nur auf die trockene Steppe im Norden blickte, sah eine andere Krim als jemand, der auf ihre Häfen und Küsten blickte.

Und doch gab es diese andere Krim. Nach Krieg und Besatzung war die Halbinsel verwüstet. 1944 ließ Stalin die Krimtataren deportieren. Mit ihnen verschwand ein Teil jener Bevölkerung, die dort über Generationen gelebt und gearbeitet hatte. Dörfer wurden entvölkert, Ortsnamen verändert, Menschen ersetzt. Die Krim war nicht einfach arm geworden. Sie war verwundet worden.

Die Steppe blieb trocken, Wasser war knapp, Landwirtschaft stieß an natürliche Grenzen. Vieles, was später selbstverständlich erschien, existierte noch nicht.

Dann kam 1954.

Moskau übertrug die Krim von der Russischen an die Ukrainische Sowjetrepublik. Später wurde daraus gern eine Laune Chruschtschows gemacht, ein Geschenk, beinahe eine sentimentale Geste. Doch die Halbinsel war geografisch und wirtschaftlich eng mit dem ukrainischen Festland verbunden. Straßen, Eisenbahn und Versorgung führten dorthin, und auch die großen Infrastrukturprojekte der folgenden Jahrzehnte banden sie enger an die Ukraine.

Vor allem das Wasser veränderte die Halbinsel. Der Nord-Krim-Kanal brachte Wasser aus dem Dnipro in die trockene Steppe. Bewässerte Flächen entstanden, Ernten wurden möglich, wo Trockenheit zuvor Grenzen gesetzt hatte. Städte wuchsen, die Versorgung wurde ausgebaut. Gleichzeitig entwickelte sich die Krim weiter als Ferienregion. Millionen kamen in Sanatorien, Hotels und an die Strände; Wein, Obst und Handel gehörten ebenso zu dieser Entwicklung.

Das ist wichtig, weil es eine spätere Erzählung stört. Die Krim war nicht einfach ein verarmtes Stück russischer Erde, das 2014 endlich nach Hause geholt wurde. Ein wesentlicher Teil jener Krim, die Russland übernahm – ihre Infrastruktur, Landwirtschaft, Wasserversorgung und touristische Entwicklung –, war in den Jahrzehnten entstanden, in denen sie zur Ukrainischen Sowjetrepublik und später zur unabhängigen Ukraine gehörte.

Gerade daran zeigt sich, was Territorium wirklich ist. Nicht nur Erde, Geschichte oder die Farbe auf einer Karte, sondern das, was Menschen mit einem Raum verbinden: Wasserleitungen und Straßen, Häuser und Häfen, Felder, Strom, Arbeit, Erinnerung, Gräber, Eigentum und Sprache. Jahrzehnte des Lebens.

Ein Staat kann eine Grenze verschieben. Diese Verbindungen kann er nicht rückwirkend auslöschen.

Mit der Annexion geschah deshalb mehr, als dass eine Verwaltung durch eine andere ersetzt wurde. Russland erklärte, eine ältere historische Behauptung könne schwerer wiegen als die bestehende politische und rechtliche Wirklichkeit. Aus ukrainischer Staatlichkeit wurde ein historischer Irrtum, aus Annexion Heimkehr. Wo aber Geschichte zum Eigentumstitel wird, verliert die Gegenwart ihre Gültigkeit.

Gerade weil auf der Krim 2014 die Bilder eines großen offenen Krieges ausblieben, konnte diese Verschiebung so wirksam werden. Gestern Ukraine, heute Russland. Eine unter russischer militärischer Kontrolle abgehaltene und international weitgehend nicht anerkannte Abstimmung wurde zum „Volkswillen“, die Anwesenheit russischer Soldaten zunächst geleugnet und später eingeräumt. Die Wirklichkeit sollte aussehen, als hätte sie sich selbst verändert.

Man musste die Menschen dafür nicht massenhaft vertreiben. Im Gegenteil, man brauchte sie. Häuser mussten bewohnt, Geschäfte geöffnet, Straßen benutzt werden. Alltag wurde Teil der Legitimation. Je gewöhnlicher das Leben danach aussah, desto leichter ließ sich behaupten, eigentlich sei nichts geschehen.

Damit wurde die Krim zum Test. Nicht nur für die Frage, ob man ein Territorium nehmen konnte, sondern auch dafür, wie schnell das Genommene normal wurde. Wie lange hielt die Empörung? Wann begann das Verhandeln, wann die Gewöhnung?

Es ging deshalb nie nur um Land. Es ging auch um die Rechtfertigung einer Vergangenheit, die nicht vergehen durfte. Aus russischer imperialer Perspektive war die Krim kein fremdes Territorium, sondern verlorenes Eigenes. Nicht Eroberung, sondern Heimkehr.

Doch diese Erzählung war nie die einzige Wirklichkeit. Für die Krimtataren lag unter dem Wort Heimkehr eine andere Erinnerung: ihre Deportation und die jahrzehntelange Verweigerung der eigenen Rückkehr. Für Ukrainer bedeutete 2014 den Verlust eines Teils ihres Staates. Für Eigentümer konnten sich Rechtsordnung und Besitzverhältnisse verändern. Für Menschen dagegen, die sich Russland zugehörig fühlten, konnte derselbe Vorgang tatsächlich wie die Korrektur eines historischen Fehlers erscheinen.

Dasselbe Territorium konnte verschiedene Erinnerungen tragen. Daraus entstanden aber nicht verschiedene Rechte auf Annexion.

Diese Unterscheidung ist entscheidend: Geschichte kann erklären, warum Menschen etwas wollen. Sie entscheidet nicht, was ihnen gehört.

Nach 2014 wurde sichtbar, was geschieht, wenn diese Grenze fällt. Recht wird verhandelbar, Eigentum Verschiebemasse und Loyalität wichtiger als die Grundlage, auf der eine neue Ordnung entstanden ist. Dahinter stand eine Vorstellung, die weit über die Krim hinausreichte: Russkij Mir, eine Welt, deren gedachte Grenzen nicht dort enden, wo der Staat endet, sondern dort, wo Geschichte, Sprache und Erinnerung als die eigenen beansprucht werden.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Unterschied zwischen Territorium und Besitz.

Territorium kann man kontrollieren.

Besitz muss man begründen.

Und Geschichte allein genügt dafür nicht.