DIE DATIERUNG EINES KRIEGES

Der größte Irrtum besteht vielleicht darin, den Anfang eines Krieges dort zu suchen, wo er sichtbar wird. Manchmal verrät ein Staat mehr über diesen Anfang, als ihm lieb sein kann.

Am 24. März 2014 wurden die ersten Medaillen „Für die Rückkehr der Krim“ verliehen. Auf ihrer Rückseite standen zwei Daten: 20.02.2014–18.03.2014. Darüber der Schriftzug des russischen Verteidigungsministeriums.

Bemerkenswert ist vor allem das erste Datum.

Am 20. Februar war Wiktor Janukowytsch noch Präsident der Ukraine. Er verließ Kyjiw erst zwei Tage später. Das sogenannte Referendum auf der Krim fand überhaupt erst am 16. März statt.

Und doch begann die „Rückkehr der Krim“ nach der Datierung des russischen Verteidigungsministeriums bereits am 20. Februar.

Das ist kein ukrainisches Dokument. Keine westliche Einschätzung. Keine spätere Rekonstruktion eines Geheimdienstes.

Es ist eine russische Medaille.

Vielleicht liegt gerade darin ihre Bedeutung. Sie sagt nicht, wann die Welt bemerkte, was geschah. Sie sagt, wann jene, die daran beteiligt waren, den Beginn selbst ansetzten.

Natürlich beweist ein Datum auf einer Medaille nicht, wann der endgültige Entschluss zur Annexion fiel. Es sagt auch nicht, wie lange zuvor geplant worden war. Aber es verschiebt den Blick. Denn wenn die spätere Erzählung das Referendum zur entscheidenden Willensäußerung der Bevölkerung machte, stellt sich eine einfache Frage: Warum begann die militärische „Rückkehr“ in der eigenen Datierung bereits Wochen davor?

Damals gab es auch auf der Krim Gerüchte. In Militärkreisen hörte man Sätze wie: Bald wird es besser. Oder: Bald wird sich etwas verändern. Sie wirkten rätselhaft. Man nahm sie nicht besonders ernst. Erst später bekamen manche Bemerkungen einen anderen Klang.

Das ist das Tückische an solchen Erinnerungen. Im Augenblick ihres Entstehens bedeuten sie wenig. Erst das spätere Ereignis ordnet sie. Aus einem Satz wird ein Hinweis, aus einer Beobachtung ein mögliches Puzzleteil. Man muss dabei vorsichtig sein, weil Erinnerung rückwärts Zusammenhänge herstellen kann, die damals niemand erkennen konnte.

Bei der Medaille braucht es diese Erinnerung nicht.

Das Datum ist eingeprägt.

Vielleicht erkennen wir Geschichte grundsätzlich erst, wenn ein Teil von ihr bereits Vergangenheit geworden ist. Wir sehen Ereignisse, aber selten ihre Entstehung. Was sichtbar wird, ist oft nur der letzte Abschnitt einer Entwicklung, die vorher mit Entscheidungen, Vorbereitungen und Befehlen begonnen hat.

Geschichte datiert Ereignisse. Macht datiert Entscheidungen.

Bei der Krim erschienen bewaffnete Männer ohne Hoheitsabzeichen, Gebäude wurden besetzt, Kommunikationswege kontrolliert, politische Tatsachen geschaffen. Für die Öffentlichkeit begann damit etwas Neues. Doch was sichtbar wurde, setzte Entscheidungen voraus, die niemand auf der Straße sehen konnte.

Genau deshalb ist die Frage nach dem Beginn mehr als eine Frage des Kalenders. Beginnt ein Krieg mit dem ersten Schuss? Mit dem ersten Soldaten? Mit dem Befehl? Mit der Planung? Oder bereits mit der Entscheidung, die bestehende Ordnung nicht mehr anzuerkennen?

Vielleicht gibt es darauf kein einziges Datum.

Aber manchmal hinterlässt Macht selbst eines.

20. Februar 2014.

Vierundzwanzig Tage vor dem Referendum.

Manchmal datiert Macht ihre Geschichte genauer, als ihr lieb sein kann.