60 GRAVITATION HINTER DEM VORHANG

HINTER DEM VORHANG

Unlängst erinnerte ich mich an die achtziger Jahre in Wien. An die Nächte im U4, in der Blue Box. An Falco, an die Neue Deutsche Welle. An neue Ideen und eine Kultur, die plötzlich in Bewegung geriet. Kleine Lokale entstanden, oft irgendwo im Keller. Chilenische, arabische, später immer mehr. Die Welt schien in Wien anzukommen.

Für einen Moment verlor ich mich darin. In meiner Jugend. Berlin, London, Paris – alles schien in Bewegung zu geraten. Es gab Reibung, und Reibung schafft Energie. Wien war zuvor oft grau gewesen, etwas düster, als läge die Stadt im Tiefschlaf einer alternden Welt. Dabei hätte sie schon damals so viel mehr sein können, als sie sich selbst zutraute.

Und plötzlich fragte ich mich: Wie war es zur selben Zeit in Baku? In Jerewan, Tiflis, Minsk, Taschkent, Riga, Kyjiw? Was geschah dort in den Nächten? Welche Musik hörte man? Worüber stritt man? Wovon träumten die Jungen? Wo trafen sie sich? Was war verboten, was modern? Und gegen wen oder was rebellierte man?

Wir wussten fast nichts darüber. Für uns lagen diese Städte hinter dem Eisernen Vorhang. Manche waren älter als Wien, manche größer. Jede besaß eine Geschichte, die weit über jene Ordnung hinausreichte, unter deren Namen wir sie kannten. Und trotzdem waren sie für uns vor allem eines: Sowjetunion.

Vielleicht war das bereits der erste Irrtum. Wir hielten eine politische Ordnung für eine kulturelle. Baku, Tiflis, Jerewan, Riga, Kyjiw – all diese Städte wurden durch ein einziges Wort miteinander verbunden. Als müsste zwischen einem Letten und einem Georgier, einem Armenier und einem Ukrainer zwangsläufig mehr Gemeinsamkeit bestehen als zwischen einem Wiener und einem Pariser.

Wir kannten Tschaikowski. Wir kannten das Bolschoi, Tolstoi und Dostojewski. Aber kannten wir die anderen?

Vielleicht war der Eiserne Vorhang nicht überall gleich undurchsichtig. Durch Moskau konnten wir erstaunlich gut hindurchsehen. Durch Tiflis sehr viel schlechter. Das Zentrum blieb sichtbar, während vieles an den Rändern dahinter verschwand. Selbst unser Blick auf die Sowjetunion folgte ihrer Gravitation.

Natürlich waren diese Städte sowjetisch geprägt. Es gab die Partei, die Verwaltung, die Armee, dieselben Institutionen und Rituale der Macht. Moskau war das Zentrum, Russisch die Sprache, mit der man sich über die Grenzen der Republiken hinweg verständigen konnte. Aber darunter lag etwas anderes.

Für die Menschen waren diese Städte nicht Außenposten eines geopolitischen Gebildes. Sie waren Heimat. Universitäten, Theater, Märkte, Friedhöfe. Familien und Straßen, in denen schon die Großeltern gelebt hatten. Kirchen, Moscheen, Synagogen. Sprachen, Gerüche, Lieder, Speisen, Erinnerungen.

Und natürlich Jugend.

Vieles, was ich später darüber hörte, klang gleichzeitig fremd und vertraut. Man trug Jeans, hörte westliche Musik, überspielte Kassetten. Platten, Kleidung und Geräte wechselten die Besitzer. Man kannte jemanden, der jemanden kannte. Vieles war teuer, manches kam über den Schwarzmarkt, über Seeleute, Diplomaten, Verwandte oder jene Wege, die in Mangelgesellschaften fast von selbst entstehen.

Vielleicht lief irgendwo in einer Wohnung in Kyjiw zur selben Zeit dieselbe Musik wie bei uns in Wien. Nur hatte die Kassette einen anderen Weg hinter sich. Bei uns ging man in ein Geschäft. Dort musste man wissen, wen man fragen konnte. Eine Jeans war dann nicht nur eine Hose, eine Platte nicht nur Musik. Es waren kleine Öffnungen, durch die eine andere Welt hereindrang.

Auch die Reibung musste sich andere Räume suchen. Vieles spielte sich, soweit ich später verstand, in Wohnungen, Ateliers und kleinen Kreisen ab. Bilder wurden gezeigt, die in keine offizielle Ausstellung gehörten. Texte weitergegeben, die nicht gedruckt werden sollten. Musik wurde kopiert, Bücher verliehen, Gedanken ausgesprochen, bei denen man wissen musste, wer noch im Raum saß.

Auch dort gab es die Jungen, die anders sein wollten. Nur war Anderssein nicht dasselbe. Bei uns konnte eine Subkultur provozieren. Dort konnte sie verdächtig machen.

Vielleicht hätte ich deshalb gar nicht nach ihrem U4 suchen dürfen.

Ich hätte nach den Wohnungen fragen müssen.

Manchmal frage ich mich, wie sich der Morgen danach angefühlt haben musste. In der Nacht hatte man zusammengesessen, Musik gehört, geredet, gelacht, vielleicht Dinge gesagt, die nur in diesem Raum gesagt werden konnten. Am nächsten Morgen ging man zur Universität, setzte sich in einen Hörsaal und hörte wieder die andere Sprache.

Nicht Russisch. Die Sprache des Systems.

Geschichte, wie sie erzählt werden sollte. Gesellschaft, wie sie zu verstehen war. Marxismus-Leninismus als Wissenschaft. Sätze, die man lernen und wiedergeben musste, um eine Prüfung zu bestehen. Was dachte ein Zwanzigjähriger dabei? Glaubte er das eine und hörte heimlich das andere? Oder glaubte er längst gar nichts mehr?

Vielleicht lernte man etwas viel Grundsätzlicheres: dass zwei Wirklichkeiten gleichzeitig existieren konnten. Die eine begann, wenn die Wohnungstür ins Schloss fiel. Die andere, wenn sie sich am nächsten Morgen wieder öffnete.

Vielleicht war der Eiserne Vorhang deshalb komplizierter, als wir ihn uns vorstellten. Musik kam hindurch. Jeans kamen hindurch. Bilder und Vorstellungen davon, wie man aussehen, leben und vielleicht sogar denken konnte. Nur langsamer, teurer und auf Umwegen.

Was viel schlechter hindurchkam, war ihre Wirklichkeit.

Wir wussten, dass es Kyjiw gab, Tiflis, Riga, Baku, Jerewan. Aber wir wussten kaum, wer dort lebte. Die Sowjetunion hatte nicht nur ihre Außengrenzen gezogen. Sie hatte auch unseren Blick auf das Innere geprägt.

Das verstand ich erst viel später. Als der Vorhang verschwunden war und ich selbst in diesen Raum kam, stellte ich fest, dass die Wirklichkeit nicht in die Bilder passte, die ich mitgebracht hatte. Ich erlebte es auf der Krim und später anderswo.

In Georgien konnte man vor jahrhundertealten Kirchen und Türmen stehen und Menschen begegnen, die so gar nicht jenem Bild entsprechen wollten, das wir uns vom »Sowjetmenschen« gemacht hatten. Plötzlich stand man etwas verloren da. Nicht weil diese Menschen sich verändert hatten, sondern weil unser Bild zerbrach.

Vielleicht waren wir nicht getäuscht worden. Vielleicht hatten wir einfach nie genau hingesehen.

Wir hatten die gemeinsame Oberfläche gesehen und sie für das Ganze gehalten: dieselben Behörden, dieselben Uniformen, ähnliche Betonbauten, eine gemeinsame politische Sprache. Darunter lagen Städte, die einander manchmal kaum ähnlicher waren als Wien, Paris oder London.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb heute weniger die Frage, wie diese Welt auseinandergehen konnte. Mich beschäftigt, warum wir so lange glaubten, sie sei eine gewesen.

Ich hatte an Wien gedacht. An das U4, die Blue Box, an Musik und Nächte. An dieses Gefühl, jung zu sein und zu glauben, die Welt beginne gerade neu. Und plötzlich stellte ich mir eine Wohnung in Kyjiw vor.

Vielleicht saß dort zur selben Zeit jemand in meinem Alter. Neben einem Kassettenrekorder. Eine mehrfach überspielte Kassette darin, irgendwoher gekommen, über jemanden, der jemanden kannte. Vielleicht hatte er am nächsten Morgen an seiner Universität gesessen und Sätze gelernt, an die er längst nicht mehr glaubte.

Vielleicht hörten wir in der Nacht dieselbe Musik.

Nur wusste ich nichts von ihm.

Er aber möglicherweise sehr viel mehr von uns.