WOLJA

Wer lange als Gast in einem Land lebt, beginnt manche Wörter anders zu hören. Man versteht sie nicht mehr nur über das Wörterbuch, sondern über die Menschen, die sie aussprechen.

Dazu gehört für mich das Wort Wolja, ein altes slawisches Wort, verwandt mit unserem „Willen“. Eigentlich ist es mehr als ein Wort. Es beschreibt eine Haltung.

Auf der Krim hörte ich häufig einen Satz. Wenn etwas nicht funktionierte, ein Vorhaben scheiterte oder wieder einmal alles seinen gewohnten Gang ging, zuckte man mit den Schultern und sagte:

„Sila jest, wolja jest, a sily i woli net.“

Die Kraft ist da. Der Wille ist da. Aber Kraft und Wille zusammen fehlen.

Es war weniger eine Erklärung als eine Haltung. Die Dinge waren, wie sie waren. Man nahm sie hin.

Lange verstand ich diesen Satz nicht. Er klang wie ein Widerspruch: Wie können Kraft und Wille vorhanden sein, wenn am Ende doch beides fehlt? Erst später begriff ich, dass nicht von Muskeln oder Entschlossenheit die Rede war, sondern von der Fähigkeit, Kraft und Willen im entscheidenden Moment zusammenzuführen.

Der Satz ließ mich nicht los. Ich begann, mich mit dem Wort Wolja zu beschäftigen, weil es in Gesprächen mehr zu bedeuten schien, als ein einzelnes Wort eigentlich bedeuten kann. Dabei stellte ich überrascht fest, dass es keineswegs nur ein ukrainisches Wort ist. Auch das Russische kennt воля.

Und doch hörte es sich anders an.

In Russland begegnete mir Wolja häufig als Ungebundenheit, als Weite, als Leben außerhalb aller Regeln. Man war „auf Wolja“, wenn man aus dem Gefängnis entlassen wurde. Man sprach von der endlosen Steppe, von einer Freiheit ohne Grenzen.

In der Ukraine klang dasselbe Wort für mich anders. Tiefer, persönlicher. Weniger grenzenlos. Es ging nicht nur darum, frei zu sein, sondern darum, selbst über das eigene Leben bestimmen zu dürfen.

Dasselbe Wort, zwei Erfahrungen. Nicht die Sprache hatte sich verändert. Die Geschichte hatte dem Wort etwas anderes eingeschrieben.

Als ich später im übrigen Teil der Ukraine lebte, hörte ich den Spruch von Kraft und Wille kaum noch. Dafür begegnete mir immer wieder dieses eine Wort: Wolja. Nicht als politische Parole oder philosophischer Begriff, sondern als etwas Selbstverständliches.

Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger ließ es sich für mich einfach mit Freiheit übersetzen. Wolja bedeutet Freiheit, aber darin liegt zugleich der eigene Wille. Nicht nur die Frage, was ein Mensch darf, sondern ob die Entscheidung über sein Leben ihm selbst gehört.

Als Schewtschenko von „воля святая“ – der heiligen Wolja – schrieb, war das Wort längst größer geworden als seine bloße sprachliche Bedeutung. Wörter altern nicht nur. Sie sammeln Erinnerung. Und manchmal erzählen sie mehr über eine Gesellschaft als ganze Archive.

Gerade die ukrainische Geschichte gab diesem Wort Gewicht. Herrschaften wechselten, Grenzen wurden verschoben, politische Ordnungen kamen und gingen. Doch Wolja blieb und konnte etwas bezeichnen, das sich diesen Wechseln entzog: die Vorstellung, mehr zu sein als ein Untertan.

Man kann einem Menschen Besitz nehmen, seine Sprache verbieten, ihn einem fremden Willen unterwerfen. Schwerer ist es, ihm den eigenen Willen zu nehmen.

Vielleicht liegt darin etwas, das mich an der Ukraine immer wieder beschäftigt hat. Nicht die Freiheit, alles tun zu dürfen, sondern der Anspruch, selbst entscheiden zu können.

Vielleicht unterscheiden sich Gesellschaften weniger durch die Wörter, die sie benutzen, als durch die Geschichte, die sie denselben Wörtern eingeschrieben haben.

Freiheit beschreibt, was ein Mensch darf.

Wolja, wem sein Wille gehört.