WORTE UND PHRASEN
Wer das Meer beschreiben will, braucht die Küste. So ist es auch mit Macht. Wer verstehen will, wie etwas genommen werden konnte, muss hören, wie vorher gesprochen wurde – lange bevor jemand glaubte, dass überhaupt etwas zur Disposition stünde.
Meine Frau erzählte mir vor kurzem, dass man ihr gern zuhört, wenn sie Ukrainisch spricht. Nicht aus Höflichkeit oder Exotik, sondern aus Interesse. Ich war ein wenig stolz auf sie. Und auf dieses Land.
Vielleicht begann ich deshalb wieder darüber nachzudenken, was Sprache eigentlich erzählt. Nicht ihre Grammatik, nicht ihren Klang, sondern die Gewohnheiten, die sich in ihr ablagern. Ich bin kein Sprachforscher. Ich höre nur zu, wenn sich in kleinen, scheinbar harmlosen Sätzen etwas Größeres zeigt.
Wie das Meer: Es kann schlagen oder sich anschmiegen. Beides sagt etwas über die Küste.
Im Russischen begegnete mir über Jahre eine Wendung immer wieder: Нам сказали – uns wurde gesagt. Natürlich kann der Satz vollkommen harmlos sein. Ein Termin, eine Anweisung, eine Information. Mich begann etwas anderes zu interessieren: die Momente, in denen niemand mehr fragte, wer dieses unsichtbare Gegenüber eigentlich war.
Uns wurde gesagt.
Von wem?
Oft blieb das offen. Irgendwo wusste jemand mehr, hatte entschieden, angeordnet oder erklärt. Der Sprecher gab weiter, was zu ihm gekommen war. Nicht unbedingt aus Angst und nicht einmal aus Gehorsam. Vielleicht nur aus Gewohnheit.
Gerade darin lag für mich etwas Merkwürdiges. Verantwortung bekam keinen Namen. Man konnte sich auf etwas berufen, ohne selbst dafür einstehen zu müssen. Sag du mir, was richtig ist, damit ich mich später auf dich berufen kann.
Ich habe das oft erlebt, im Beruf und im Alltag. Eine Stimme aus einem Raum ohne Gesicht. Ordnung ohne Absender. Die eigene Position blieb scheinbar offen, während man längst nach etwas handelte, das anderswo entschieden worden war.
Vielleicht hinterlassen politische Verhältnisse solche Spuren in der Sprache. Nicht als Code und schon gar nicht als Eigenschaft einer Sprache selbst. Eher als Gewohnheit ihrer Sprecher. Wo eigenes Sprechen lange riskant war und Wiederholen sicherer, kann auch die Form des Sprechens etwas davon bewahren.
Die Sprache hat die Macht nicht geschaffen.
Aber manchmal hört man in ihr, dass sie da war.
Auch im Ukrainischen gibt es selbstverständlich solche Formen. Keine Grammatik schützt vor Gehorsam, keine Sprache macht ihre Sprecher freier. Was sich verändert, ist der Zusammenhang, in dem Wörter gebraucht werden – und vielleicht der Raum, den eine Gesellschaft zwischen einer Stimme und ihrer Befolgung lässt.
Manchmal hört man darin auch Zugehörigkeit: naschi ljudi – unsere Leute. Ein unscheinbarer Ausdruck, der überall vorkommen könnte und doch eine Grenze zieht. Unsere. Die anderen.
Später genügt manchmal nasch.
Unser.
Einer von uns.
Das Wort entscheidet noch nichts. Aber es ordnet. Man weiß, auf welcher Seite jemand steht, bevor geklärt ist, worum es überhaupt geht. Zugehörigkeit kommt vor dem Urteil.
Vielleicht war das die bequemere Position. Man war nicht allein, musste sich aber auch nicht jedes Mal entscheiden. Die Welt draußen wurde erklärt, vereinfacht, sortiert. Im Fernsehen bekam sie Bilder, Stimmen und einen Takt.
Man konnte darin liegen wie in einer Hängematte. Das Lagerfeuer brannte auf dem Bildschirm. Man sah zu, wärmte sich am Bild, fühlte sich gemeint und blieb doch außerhalb dessen, was geschah.
Bis etwas geschah.
Als die Annexion kam, war diese Sprache längst da. Sie hatte sie nicht verursacht. Sie hatte keine Grenzen verschoben und keine Soldaten geschickt. Aber manche ihrer Gewohnheiten passten erstaunlich gut zu dem, was nun verlangt wurde.
Jemand hatte entschieden.
Jemand wusste mehr.
Uns wurde gesagt.
Man musste nicht alles verstehen und nicht einmal alles gutheißen. Es reichte oft, die Entscheidung dort zu lassen, wo sie getroffen worden war.
Vielleicht ist Sprache deshalb tatsächlich wie eine Küste. Sie verursacht das Meer nicht. Sie entscheidet nicht, wann die Welle kommt.
Aber an ihr wird sichtbar, was das Wasser über lange Zeit getan hat.