RUSSKIJ UND ROSSIJSKIJ

Lange glaubte ich, selbst einen Fehler zu machen. Ich sagte: Ja govorju po-russki – ich spreche Russisch. Irgendwann fragte ich mich, ob es nicht eigentlich po-rossijski heißen müsste: Ich spreche die russische Sprache.

Natürlich ist das sprachlich falsch. Richtig heißt es po-russki. Niemand sagt po-rossijski, wenn er meint, dass er Russisch spricht.

Und doch ist die Frage nicht so abwegig, wie sie zunächst klingt. Denn die russische Sprache kennt zwei Begriffe, die im Deutschen fast zwangsläufig in einem einzigen Wort zusammenfallen: russkij und rossijskij.

Die Sprache heißt russkij jazyk, man spricht po-russki. Ein Bürger der Russischen Föderation dagegen kann rossijskij graždanin sein, ein Staatsbürger rossijanin. Das eine verweist vor allem auf Sprache, Kultur und ethnische Zugehörigkeit, das andere auf den Staat. Ein Tatar kann rossijanin sein, ohne russkij zu sein. Ein Burjate ebenso.

Warum also heißt die gemeinsame Staatlichkeit rossijskij, die gemeinsame Sprache aber russkij?

Nicht weil die Grammatik einen Fehler gemacht hätte. Die Wörter tragen unterschiedliche Geschichten.

Russkij reicht weit hinter die heutige Russische Föderation zurück. Das Wort führt in einen historischen Raum, der nicht mit dem heutigen Russland identisch war: zur Rus, zu Fürstentümern, Handelswegen, wechselnden Zentren und Loyalitäten. Auch Kyiv gehört in diese Geschichte. Gerade deshalb lässt sie sich nicht sauber in eine moderne nationale Abstammungslinie verwandeln, an deren Ende zwangsläufig Moskau steht.

Moskau wurde später zum Zentrum eines Reiches, das immer weiter wuchs. Gebiete, Völker, Sprachen und Religionen kamen hinzu. Das Zarenreich war kein Nationalstaat im heutigen Sinn. Loyalität galt dem Herrscher und dem Reich, nicht einer ethnisch homogenen Gemeinschaft.

Je größer dieses Reich wurde, desto weniger konnte russkij allein beschreiben, wer zu ihm gehörte. Dafür gewann rossijskij an Bedeutung. Der Begriff bezeichnete nicht notwendig Herkunft, sondern Zugehörigkeit zu einem politischen Raum. Gerade ein Imperium brauchte diese Unterscheidung.

Das Imperium war größer als sein größtes Volk. Und dieses größte Volk war zugleich so eng mit ihm verbunden, dass beides von außen kaum noch auseinanderzuhalten war.

Russisch.

Darin liegt das Problem unserer Übersetzung – und vielleicht auch ein Teil des russischen Selbstverständnisses. Russkij und rossijskij lassen sich unterscheiden, historisch aber nie vollständig voneinander lösen. Der Staat griff weit über den Raum russischer Kultur hinaus, während die russische Sprache immer stärker zum Bindemittel dieses Staates wurde.

Staat und Volk waren nicht dasselbe. Aber das eine sprach immer häufiger in der Sprache des anderen.

Die Sowjetunion gab diesem Widerspruch eine neue Form. Es gab den sowjetischen Bürger, sovetskij čelovek, und daneben Russen, Ukrainer, Georgier, Armenier, Kasachen, Tataren und viele andere Nationalitäten. Auf dem Papier wurde unterschieden. Im Zentrum aber blieb Russisch die Sprache der Macht, des Militärs, großer Teile der Verwaltung und des gemeinsamen politischen Raumes.

Nach 1991 stand die Russische Föderation erneut vor der Frage, was einen Staat verbindet, dessen Bevölkerung aus vielen Völkern besteht. Dafür war rossijanin eigentlich ein bemerkenswertes Wort. Es konnte sagen: Bürger dieses Staates, ohne zugleich ethnischer Russe zu sagen. Ein politischer Begriff statt eines ethnischen.

Daneben blieb russkij ungleich stärker emotional aufgeladen. Das Wort trug Sprache, Literatur, Orthodoxie, Geschichte, Kriegserinnerung, Größe – und zunehmend auch die Vorstellung einer Gemeinschaft, die nicht an den Grenzen der Russischen Föderation endete.

Genau dort wird aus einer sprachlichen Unterscheidung eine politische.

Eine Sprache kennt keine Staatsgrenze. Menschen sprechen Russisch in Odesa, Riga, Almaty, Berlin oder New York, ohne deshalb Bürger Russlands zu sein und ohne sich als ethnische Russen verstehen zu müssen.

Sprache ist kein Pass.

Und doch kann aus ihr ein Anspruch gemacht werden. Dort, wo aus der Tatsache, dass Menschen po-russki sprechen, eine besondere Zuständigkeit Russlands für diese Menschen abgeleitet wird, verändert sich die Bedeutung. Aus kultureller Nähe wird politische Nähe, aus politischer Nähe Schutzbedürftigkeit, aus Schutzbedürftigkeit schließlich ein Anspruch.

Dann beginnt russkij über rossijskij hinauszugreifen.

Darin liegt eine der Voraussetzungen des Russkij Mir, der „Russischen Welt“. Ihre gedachten Grenzen müssen nicht mit denen der Russischen Föderation übereinstimmen. Gerade das macht den Begriff politisch brauchbar. Wo russische Sprache, russische Kultur oder russische Geschichte gefunden werden, lässt sich eine Verbindung behaupten, die älter und tiefer sein soll als die bestehende Staatsgrenze.

Die Sprache wird dadurch nicht zur Ideologie. Sie wird von einer Ideologie beansprucht.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Millionen Menschen sprechen Russisch, ohne daraus irgendeinen politischen Anspruch Russlands abzuleiten. Die Ukraine hat das deutlicher gezeigt als beinahe jedes andere Land. Russischsprachigkeit bedeutete weder automatisch russische Identität noch Loyalität gegenüber Moskau. Spätestens der Krieg machte sichtbar, wie falsch diese Gleichsetzung war.

Vielleicht liegt gerade darin die Schwäche des imperialen Gedankens. Er verwechselt Nähe mit Zugehörigkeit, Sprache mit Loyalität und Geschichte mit Besitz.

Eigentlich ist die russische Sprache hier erstaunlich präzise. Sie unterscheidet zwischen Dingen, die politische Erzählungen immer wieder zusammenführen wollen.

Vielleicht war deshalb nicht po-russki mein Fehler. Mein Fehler war zu glauben, die beiden Wörter müssten dasselbe bedeuten.

Sie tun es nicht.

Gefährlich wird es erst, wenn die Politik so tut, als täten sie es doch.