OSTANKINO
Der Turm steht seit 1967.
Ostankino. Mehr als ein Fernsehturm in Moskau – hoch, statisch, weithin sichtbar. Gebaut in einer Zeit, in der wenige sendeten und Millionen empfingen. Das Zentrum sprach, das Land hörte zu.
Die Technik veränderte sich. Das Prinzip blieb.
Irgendwann stand auf fast jedem Haus eine Satellitenschüssel. Still, unscheinbar, auf den Himmel gerichtet.
Sie brachte Empfang. Und mit dem Empfang die Welt. Bilder von Bewegung, von Möglichkeiten, von einem Leben anderswo. Die Schüssel öffnete den Blick, nicht den Weg.
Empfang ohne Rückkanal.
Das bewegte Bild war bald überall. In Wohnungen, Cafés, Werkstätten, Geschäften. Oft lief irgendwo ein Fernseher, auch wenn niemand wirklich hinsah. Er musste nicht betrachtet werden, um anwesend zu sein.
Und es gab Auswahl. Viele Kanäle, verschiedene Stimmen, verschiedene Tonlagen. Manche schriller, manche staatstragender, manche religiöser, manche scheinbar nüchtern. Fast wie Dialekte. Man konnte wechseln und blieb doch erstaunlich oft innerhalb derselben Sprache.
2014 hatte mich Kostja – Konstantin – eines Tages angerufen. Für eine Maschine fehlte Zubehör, nichts Besonderes. Fünfzehn Kilometer, ein Katzensprung.
Als ich ankam, stand er in seiner Garage. Eigentlich war es längst eine Werkstatt: modern, präzise, bis ins Detail durchdacht. Alles darin war Bewegung, Verbesserung, Kontrolle.
Im Hintergrund lief der Fernseher. Groß, flach, gestochen scharf. Russische Nachrichten in Endlosschleife. RT auf Englisch.
Warum gerade das?
Er wolle wissen, was sie ins Ausland schickten.
Ich fragte, ob er ihn nicht ausschalten wolle.
Er winkte ab.
Vielleicht zeigen sie etwas Neues.
Politik war Kostja egal. Ihn interessierte, wie Dinge funktionierten – oder besser funktionieren konnten. Materialien, Toleranzen, Lösungen. Ein Tüftler, nüchtern genug, um nichts zu romantisieren.
Ich sagte, dass ich es kaum noch ertrage, ständig vor dem Fernseher zu sitzen und zuzusehen, was hier geschieht.
Er schwieg kurz. Dann sagte er fast beiläufig, er glaube inzwischen, dass im Fernsehen ein Code stecke. Etwas, das einen festhalte. Dass man hängenbleibe. Und irgendwann alles glaube.
Ich lachte. Mehr aus Reflex als aus Überzeugung.
Wenn es so etwas gäbe, sagte ich, hätte man es längst gefunden.
Du kennst die Russen nicht, meinte er. Die haben immer etwas Eigenes. Geheime Entwicklungen. Seit Jahrzehnten. Dinge, die man nicht sieht.
Ich musste fast wieder lachen. Nicht aus Spott, sondern aus Erleichterung. Wenn es Strahlung wäre, dachte ich, könnte man sie messen. Abschirmen. Abschalten.
Doch das hier brauchte keine Frequenz.
Es brauchte Wiederholung.
2015 kam Zargrad. Schon der Name trug das Programm: die alte russische Bezeichnung für Konstantinopel, zurückgeholt für einen Sender, in dem Orthodoxie, Geschichte und imperialer Anspruch zusammenfanden.
Natürlich gab es politisches Fernsehen auch anderswo. In den Vereinigten Staaten banden Sender ihre Zuschauer an Weltbilder, Parteien und Milieus. Dort schien mir die Spaltung die Folge zu sein. Hier etwas anderes: die Sammlung.
Die Kanäle mussten nicht dasselbe sagen. Es reichte, wenn ihre Unterschiede innerhalb derselben Deutung blieben.
Später sah ich Aufnahmen, in denen Menschen vor dem Fernseher knieten und sich bekreuzigten, während Putin sprach.
Der Mann dort war nicht mehr fern.
Er war Teil des Hauses, der Wohnung, des Containers, der Baracke. Seine Stimme stand zwischen Tisch, Schrank und Sofa, hing in Cafés über den Köpfen der Gäste, lief in Werkstätten neben den Maschinen.
Man musste nicht einmal zuhören.
Es durfte nur nicht still werden.
Vielleicht hatte Kostja mit seinem Code gar nicht so unrecht. Er suchte ihn nur an der falschen Stelle.
Früher bestimmte das Zentrum, wie etwas zu heißen hatte.
Nun lieferte es mit, wie es zu deuten war.
Das war ein Unterschied. Man musste keine Nachricht erfinden, wenn man ihre Bedeutung bestimmen konnte. Ein Ereignis konnte tatsächlich geschehen sein und trotzdem in eine fertige Ordnung treten: Der Westen handelte, weil er Russland schwächen wollte. Die Ukraine widersetzte sich, weil sie gelenkt wurde. Russland griff an und verteidigte sich dennoch. Stärke wurde notwendig, Zweifel verdächtig.
Nicht jeder musste alles glauben.
Darauf kam es nicht an.
Man konnte zweifeln, über einzelne Nachrichten lachen, widersprechen und sich dennoch innerhalb derselben Erzählung bewegen.
So entstand keine Gleichschaltung im alten Sinn.
Eher ein Takt.
Wahrheit musste nicht mehr als einzelner Satz vorgeschrieben werden. Sie konnte zur Atmosphäre werden.
Und Atmosphäre widerspricht man schwer.
Vielleicht lag darin die eigentliche Veränderung. Der Zuschauer wurde nicht nur erreicht. Ihm wurde eine Position angeboten, von der aus die Welt wieder zusammenpasste. Er musste dafür nichts tun, nichts riskieren, nichts verändern.
Es genügte, einverstanden zu sein.
Zustimmung auf Empfang.
Der Turm stand noch immer in Moskau.
Aber Ostankino war längst überall.