RUSSISCHE KULTUR
Wer in der Ukraine lebte, verstand, dass russische Kultur lange als die vorrangige galt. Man erlebte es über Jahre, im Tonfall, in Erwartungen, in den stillen Hierarchien des Alltags. Wer sich danach richtete, gewann Spielraum: Zugang, Schutz, Möglichkeiten. Wen wundert es, dass viele sich dafür entschieden.
Doch was war diese russische Kultur, der ich dort begegnete?
Nicht die Literatur, nicht die Kunst, nicht jene ungeheure Vielfalt, die sich über Jahrhunderte gebildet hatte. Es war eine Gebrauchsversion davon. Sprache, Disziplin, Loyalität, Gesang, Erinnerung. Schwer, geschlossen, vergoldet. Sie erschien weniger als Angebot denn als Ordnung. Sie versprach Dauer, wo anderes wechselte, und Verlässlichkeit, wo Aushandlung mühsam war.
Manchmal erinnerte sie mich an eine Ikone. Frontal, unbeweglich, fest in ihrer Ordnung. Nicht weil russische Kultur so wäre, sondern weil sie mir in dieser Form begegnete. Wer davorstand, wusste, wo sein Platz war.
Dabei war und ist russische Kultur keine Einheit. Sie besteht aus vielen Zeiten, Völkern, Landschaften und Widersprüchen. Gerade deshalb lässt sie sich kaum definieren – so wenig wie österreichische, ukrainische oder französische Kultur. Es gibt Sprache, Lieder, Rituale, Literatur, Landschaften, Epochen. Bilder im Kopf. Aber das Ganze entzieht sich.
Vielleicht lag gerade darin die Möglichkeit ihrer politischen Verwendung.
Was unscharf bleibt, lässt sich leichter ausdehnen. Man muss nicht erklären, wo Kultur beginnt und wo sie endet. Es genügt, dass Menschen Russisch sprechen, dieselben Lieder kennen, dieselben Filme gesehen haben, dieselben Erinnerungen teilen.
Kultur wirkt dann nicht als Inhalt, sondern als Atmosphäre.
Man weiß, wann man richtig steht, lange bevor man erklären könnte, warum.
Ich begegnete diesem Muster immer wieder, oft bei Menschen, die kaum andere Kulturen kannten – manchmal nicht einmal die der eigenen Nachbarschaft. Manche waren nie im Westen des eigenen Landes gewesen, dafür auf der Krim oder in der Türkei, wo ihnen dieselbe russischsprachige Welt erneut begegnete.
Viele trugen einen ähnlichen Satz mit sich: Man hat wenig, also muss man nehmen, was man bekommen kann. Man fügt sich. Man sucht Sicherheit. Und natürlich will man mehr.
Die Zugehörigkeit zu dieser größeren Kultur konnte dabei zu einer geliehenen Größe werden. Man musste selbst nicht mächtig sein, um sich als Teil von etwas Mächtigem zu empfinden.
Darin lebte etwas Sowjetisches weiter.
Die Sowjetunion war verschwunden, aber vieles, was Zugehörigkeit hergestellt hatte, war geblieben: Sprache, Lieder, Hierarchien, das Zentrum, der Sieg, die Vorstellung eines gemeinsamen Raumes. Russische Kultur konnte sich darüberlegen, ohne bei null beginnen zu müssen.
Auf der Krim, später im Donbass und in Cherson, zeigte sich, wie anschlussfähig diese Verbindung war. Russische Kultur und russische Verwaltung erschienen als Teile desselben Versprechens: Ordnung, Zugehörigkeit, Sicherheit – und schließlich ein Pass.
Der Pass regelte.
Er verlieh Anspruch. Er machte aus kultureller Nähe eine politische Zugehörigkeit. Man war Teil. Man sprach Russisch. Man kannte die Lieder. Mehr musste zunächst nicht bewiesen werden.
Je geringer die kulturelle Bestimmung, desto reibungsloser der Zugang.
Nicht als Offenheit, sondern als Reduktion.
Denn diese Form der Zugehörigkeit verlangte durchaus etwas: Anpassung, Loyalität, die Anerkennung eines Zentrums. Was sie nicht verlangte, war eine tiefere Auseinandersetzung mit jener Kultur, auf die sie sich berief.
So konnte politische Zugehörigkeit dort als Bestätigung erscheinen, wo tatsächlich eine Grenze überschritten wurde.
Während der Annexion hörte ich vieles. Patriotische Lieder, Katyusha, militärische Gesänge, Chöre zwischen Folklore und Aufmarsch. Die kulturellen Zeichen waren überall.
An ein Gedicht von Alexander Puschkin kann ich mich nicht erinnern.
Dabei wäre gerade Puschkin interessant gewesen. Afrikanische Vorfahren, europäisch sozialisiert, geprägt von französischer Literatur, Aufklärung, Klassik und Romantik – kaum geeignet für die Vorstellung einer russischen Kultur, die immer schon eindeutig gewesen sei und sich selbst genügt habe.
Vielleicht liegt darin der Unterschied.
Die Kultur, die ich während der Annexion sah, musste nicht tief sein. Sie musste erkennbar sein.
Ein Lied genügte.
Eine Fahne.
Ein Pass.
Puschkin hätte etwas anderes geöffnet.
Nicht weniger Russland.
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