BESITZERWECHSEL

Jahrelang hatte man den Menschen erzählt, Russland sei unbesiegbar. Man verfüge über die beste Flugabwehr der Welt, das eigene Territorium sei unangreifbar, die Ukraine schwach, erschöpft und dem russischen Militär hoffnungslos unterlegen. Man führe ohnehin keinen Krieg, sondern lediglich eine militärische Spezialoperation.

Dabei war russische Propaganda selten wirklich kohärent. Vielleicht lag gerade darin eine ihrer Besonderheiten. Sie musste es gar nicht sein. Eine Erklärung konnte heute gelten und morgen verschwinden. Mitunter genügten vierundzwanzig Stunden, und aus derselben Wirklichkeit war eine vollkommen andere Geschichte geworden.

Die einzelnen Versionen widersprachen einander, doch häufig bauten sie auf einem kleinen Kern auf, der plausibel genug erschien, um denken zu können: Irgendetwas wird schon dran sein. Ein tatsächliches Ereignis, ein alter Konflikt, ein Halbsatz, ein Bild, eine historische Kränkung. Um diesen Kern ließ sich beinahe alles bauen. Und wenn die Konstruktion nicht mehr hielt, musste sie nicht unbedingt verteidigt werden. Man stellte eine neue daneben.

Vielleicht war gerade das ihre Beweglichkeit.

Längst kam sie nicht mehr nur aus dem Fernseher. Sie war im Netz, in Telegram-Kanälen, Kommentaren, Botschaften und Gesprächen. Irgendwann wusste man kaum noch, wo eine Behauptung begonnen hatte. Man hörte sie vom Nachbarn, las sie am Telefon, bekam sie von einem Freund geschickt und begegnete ihr abends wieder im Fernsehen. Der Ursprung verschwand, die Behauptung blieb.

Dann kam der Angriff auf Moskau. 2026. Juni.

Plötzlich brannte es an mehreren Stellen der Stadt. Flughäfen stellten den Betrieb ein. Drohnen erreichten Ziele tief im Landesinneren. In manchen Regionen wurde Benzin begrenzt. Das Bild der Unverletzlichkeit bekam Risse.

Und in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges. Dieselben Propagandisten, die jahrelang das Gegenteil behauptet hatten, fragten nun: Habt ihr das wirklich geglaubt? Nur eine Spezialoperation?

Als wäre die Lüge nie ihre gewesen.

Einer der bekanntesten Blogger erklärte plötzlich, man befinde sich im Krieg. Wer das noch immer nicht verstanden habe, müsse zum Psychiater. Noch wenige Jahre zuvor hatte dieselbe Öffentlichkeit gelernt, dass es keinen Krieg gebe.

Nun sah es beinahe so aus, als hätte sie sich die Geschichte selbst erzählt.

Vielleicht liegt darin eine weiterentwickelte Form der Propaganda. Irgendwann geht es nicht mehr darum, Menschen dauerhaft von einer bestimmten Aussage zu überzeugen. Die Aussage darf wechseln, die Begründung ebenso, selbst der Widerspruch ist nicht gefährlich. Nur eines muss gleich bleiben: Wer bestimmt, was gilt.

Gestern konnte etwas unmöglich sein, das heute selbstverständlich ist. Der Widerspruch beschädigt das System nicht, solange das System auch über den Widerspruch verfügen kann.

Und wenn eine Lüge schließlich zusammenbricht, wechselt nicht nur die Geschichte ihren Besitzer. Auch die Verantwortung tut es.

Plötzlich sind nicht mehr jene verantwortlich, die getäuscht haben, sondern jene, die sich täuschen ließen. Es ist die Logik des Betrügers, der seinem Opfer vorhält, vorsichtiger hätte sein zu müssen. Du hättest es erkennen müssen. Du hättest misstrauischer sein müssen. Du hättest uns nicht glauben dürfen.

Man wird nicht nur belogen. Man verliert sogar das Recht, belogen worden zu sein.

Ich bin kein Psychologe. Aber wer lange genug Menschen beobachtet, begegnet diesem Muster immer wieder. Wenn eine Überzeugung mit der Wirklichkeit kollidiert, ist es oft leichter, die Erinnerung zu verändern als das eigene Bild von sich selbst. Aus „Ich habe mich geirrt“ wird „Du hast es falsch verstanden“. Aus „Ich habe getäuscht“ wird „Du warst naiv“.

Vielleicht steckt darin mehr als Selbstschutz. Wer einen Irrtum eingesteht, verliert Autorität. Wer die Verantwortung weiterreicht, kann sie behalten. Mit der Zeit verändert sich dadurch etwas Grundsätzlicheres. Es geht immer weniger darum, welche Aussage wahr ist, und immer mehr darum, wer die Deutungshoheit besitzt.

Nicht: Stimmt das?

Sondern: Wer bestimmt, was morgen als wahr gelten wird?

Das ist kein russisches Phänomen. Man findet es in Politik, Unternehmen, Beziehungen, Religionen und Ideologien, überall dort, wo Menschen Macht, Ansehen oder ihr Selbstbild schützen wollen. Und doch scheint es in Russland auf einen besonderen historischen Resonanzraum zu treffen.

Vielleicht, weil dort über lange Zeit nicht entscheidend war, was wahr war, sondern wer die Macht hatte, eine Wahrheit durchzusetzen. Wenn Menschen immer wieder erleben, dass die offizielle Wahrheit heute gilt und morgen ihr Gegenteil, verändert sich irgendwann ihr Verhältnis zur Wahrheit selbst. Man fragt weniger, ob etwas stimmt, als wem es nützt, wer es sagt und wer sich damit durchsetzen kann.

So entsteht eine bemerkenswerte Fähigkeit, mit Widersprüchen zu leben. Nicht unbedingt, weil man sie nicht bemerkt, sondern weil man gelernt hat, dass ihr Aufdecken wenig verändert. Die Widersprüche der Propaganda wären dann gar kein Konstruktionsfehler. Sie muss keine geschlossene Weltanschauung herstellen. Sie kann heute behaupten, was sie morgen bestreitet, solange etwas Grundsätzlicheres bestehen bleibt: Nicht die Aussage muss Bestand haben. Die Autorität muss es.

In der Ukraine begegnete mir häufiger eine andere Bewegung. Menschen stritten über Nachrichten, Geschichte, Politik und einzelne Formulierungen. Oft anstrengend, oft chaotisch, aber begleitet von dem Versuch herauszufinden, was tatsächlich geschehen war.

In Russland hörte ich häufiger eine andere Frage. Nicht: Ist das wahr? Sondern: Wem soll man überhaupt glauben?

Der Unterschied scheint klein, ist aber entscheidend. Wer nach Wahrheit sucht, kann getäuscht werden. Wer davon ausgeht, dass ohnehin alle lügen, sucht irgendwann nicht mehr nach Wahrheit, sondern nach Orientierung.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke moderner Propaganda. Nicht darin, Menschen dauerhaft von einer bestimmten Lüge zu überzeugen. Das wäre angesichts ständig wechselnder Versionen beinahe unmöglich. Ihre größere Leistung besteht darin, den Widerspruch bedeutungslos zu machen.

Heute dies, morgen das. Irgendetwas wird schon stimmen. Und wenn nichts mehr stimmt, bleibt wenigstens jemand, der sagt, was jetzt gilt.

Dann verliert die Lüge ihren Inhalt und wird zum Werkzeug. Lügen lassen sich widerlegen. Schwieriger wird es, wenn die Erwartung verschwunden ist, dass eine Aussage überhaupt Bestand haben müsse.

Irgendwann braucht die Macht die Geschichte dann nicht einmal mehr selbst zu erzählen. Die Menschen tragen sie weiter. Einer erzählt dem anderen, was er irgendwo gehört hat. Der Ursprung verschwindet, zurück bleibt das Gefühl, dass etwas daran stimmen könnte.

Bis die Geschichte zusammenbricht.

Dann geschieht der Besitzerwechsel.

Nicht der Täuschende steht plötzlich vor Gericht, sondern der Getäuschte. Warum hast du es geglaubt? Warum hast du nicht genauer hingesehen? Warum hast du uns vertraut?

Zurück bleibt das Opfer, nicht nur betrogen, sondern beschämt. Fast so, als hätte es die Täuschung selbst verschuldet, weil es zuhörte, weil es glaubte, weil es den Worten Raum gab. Vielleicht auch, weil es hoffte, die Gefahr sei nicht so groß, die Bedrohung übertrieben, die Welt vernünftiger, als sie sich später erwies.

Nun wird selbst diese Hoffnung gegen es verwendet, als weiterer Beweis seiner Naivität.

Die Lüge bleibt dieselbe Lüge. Der Betrug bleibt derselbe Betrug.

Nur die Schuld hat den Besitzer gewechselt.