WAS ZUM HIMMEL UND GOTTVERDAMMT?

Was zum Himmel konnte Menschen dazu bewegen, auf einer von ihrem eigenen Land annektierten Halbinsel ein Haus zu kaufen?

Ich meine nicht jene, die dort geboren worden waren und blieben. Ich meine Menschen, die einen Platz hatten. In Russland. Menschen mit Geld, die wählen konnten, die sich auf der Krim eine Wohnung kauften, ein Haus, eine Datscha, ein zweites Zuhause. Manche verkauften sogar, was sie in Russland besaßen, und begannen dort neu.

Für mich war das zunächst schwer zu verstehen. Wer wollte jetzt hierher? Kein wirklich funktionierendes internationales Bankensystem, Sanktionen, eine Zukunft, von der niemand wissen konnte, wohin sie führte. Vielleicht hatte ich weniger das russische Denken überschätzt als meine Erwartung an etwas viel Einfacheres: ein kollektives Zögern, den Gedanken, dass man das vielleicht nicht tun sollte.

Wenn keiner gekommen wäre, was wäre passiert?

Vielleicht wäre nur die Armee geblieben. Soldaten, Kasernen, Straßensperren, Fahnen. Eine militärische Tatsache, die sich jeden Tag selbst hätte erklären müssen.

Aber sie kamen. Und gerade dadurch veränderte sich etwas Entscheidendes. Durch ihren Besuch, ihren Urlaub, ihren Kauf, durch die Verlagerung ihres Lebens auf die Halbinsel wurden sie zu Trägern der Annexion. Nicht weil sie sie beschlossen hatten, sondern weil sie begannen, in ihrer Behauptung zu leben. Die Annexion sagte: Das ist Russland. Sie kamen und verhielten sich, als wäre es so. Aus einer militärischen Tatsache begann gesellschaftliche Wirklichkeit zu werden.

Für mich war es wie nach der Verlesung eines gefälschten Testaments. Jemand stellte sich hin und sagte: Jetzt gehört es euch. Natürlich hieß es in Russland, das Testament sei gar nicht gefälscht. Es habe doch ein Referendum gegeben. Wer dabei den Notar gespielt hatte, schien kaum jemanden zu interessieren.

Man hätte sich weigern können, das Erbe anzutreten. Stattdessen zog man ein.

Vielleicht war der Einzelne früher schon dort gewesen, zwei oder drei Wochen im Sommer, als Gast. Aber nun kam er wieder und fragte nicht mehr nach dem Hotelzimmer, sondern nach dem Haus. Man wusste, dass die Krim international nicht als russisches Staatsgebiet anerkannt war. Man wusste, wie sie zu Russland gekommen war, und dass die Ukraine dieses Gebiet weiterhin als ihr eigenes betrachtete. Und trotzdem fuhr man hin, freiwillig und gern.

Vermutlich wurde dabei auf beiden Seiten dieselbe Frage gestellt: Was gibt es daran eigentlich nicht zu verstehen?

Auf der einen Seite: Wir dürfen doch hierher. Es ist unser Land. Was soll daran falsch sein?

Auf der anderen: Ihr kommt in ein Land, das gerade annektiert wurde, kauft Häuser, nehmt Grundstücke in Besitz – was gibt es daran nicht zu verstehen?

Dieselbe Frage. Zwei vollkommen verschiedene Wirklichkeiten. Für die einen Heimkehr, für die anderen Kolonisierung.

Ausgerechnet die ältere Geschichte der Krim machte diese Bewegung noch schwerer erträglich. Nach der russischen Annexion von 1783 folgten Landkonfiskationen, die Abwanderung großer Teile der krimtatarischen Bevölkerung und eine zunehmende russische Besiedlung. 1944 wurde nahezu die gesamte krimtatarische Bevölkerung deportiert. Ihre Häuser blieben zurück, Dörfer wurden umbenannt, andere Menschen rückten nach.

Später würde man für solche Vorgänge nüchterne Begriffe finden. Repopulation. Ein beinahe klinisches Wort dafür, dass Menschen gehen, gehen müssen oder fortgebracht werden und andere an ihre Stelle treten.

Vielleicht brauchte ich deshalb so lange, um zu verstehen, was ich vor mir sah. Ich suchte nach einer Erklärung für das Verhalten des Einzelnen, während das Muster selbst viel älter war.

Die Soldaten in Uniform waren die Vorhut. Hinter ihnen kam, wenn man sie so nennen will, die Nachhut: mit Sonnenbrillen, Geld und Koffern, mit Kindern, Kaufverträgen, Urlaubstagen und Mikrofonen. Vielleicht war das der Russki Mir in seiner praktischsten Form. Nicht nur eine Ideologie, die im Fernsehen verkündet wurde, sondern eine Bewegung von Menschen hinter der Macht her.

Der Staat schuf die Tatsache. Der Einzelne bezog sie.

Natürlich spielte auch Geld eine Rolle. Die Annexion hatte Märkte abgeschnitten und Besitz unsicher gemacht. Manche gingen, manche mussten gehen, andere wollten nur noch heraus. Wer verkaufte, fragte irgendwann nicht mehr nach dem besten Preis, sondern danach, was noch zu retten war. Eine Wohnung, ein Hotel, einen Weinberg, ein Grundstück am Meer. Was für den einen der Ausgang war, wurde für den anderen der Einstieg. Mehr musste die Ökonomie gar nicht tun. Sie beschleunigte die Bewegung.

Das Haus war günstig, das Meer schön, das Klima angenehm. Warum immer Politik?

Bald kamen nicht nur Käufer. Man setzte sich ins Auto, fuhr über die neue Brücke, kam ans Meer, badete, aß, trank und fuhr wieder nach Hause. Was hatte man schon getan?

Vielleicht war es mehr als Annexionstourismus. Es war Urlaub in erlebbarer Macht. Man fuhr nicht nur ans Meer. Man konnte betreten, was der eigene Staat genommen hatte, und über eine Brücke fahren, die nicht bloß zwei Ufer verband, sondern einen politischen Triumph aus Beton und Asphalt befahrbar machte.

Aus dem Können wurde fast unmerklich ein Dürfen.

Das Hotel war geöffnet, das Restaurant servierte, das Meer lag da wie immer. Man besuchte tatarische Restaurants, aß Plow und Tschebureki, bestaunte die Märkte und schwärmte von der Kultur. Das Andere musste dafür gar nicht verschwinden. Es konnte bleiben: als Küche, Musik, Folklore und Sehenswürdigkeit. Sichtbar genug, um bewundert zu werden, ohne noch die entscheidende Frage stellen zu können: Wem gehört dieses Land?

Vielleicht liegt darin eine subtilere Form der Aneignung. Man muss das Andere nicht vernichten. Man kann es bestehen lassen, zeigen und sich sogar damit schmücken. Seine Anwesenheit stört die neue Ordnung nicht mehr. Im Gegenteil, sie kann ihr als Beweis dienen: Seht her, es ist doch alles noch da.

Nur wer im Haus bestimmt, darüber wird nicht mehr gesprochen.

Während sich die Krim immer weiter in einen militärischen Raum verwandelte, während Häfen und Flugplätze ausgebaut, Raketen und Truppen verlagert wurden, wurde entlang der Küste spaziert, gebadet, gebaut und gefeiert. Die Promenade und der Stützpunkt gehörten zur selben Wirklichkeit, der Strand und die Startbahn, das Konzert und die Truppen.

Man sah das Meer, die Kinder, das Hotel, die wunderbare Luft. Wer dort am Strand lag, konnte darauf bestehen, lediglich Urlaub zu machen. Dafür brauchte man Putins Gesicht nicht vor sich herzutragen. Seine Erzählung genügte: Die Krim ist Russland. Wir sind zu Hause. Alles andere ist Politik.

Ein ehemaliger Freund von der Krim rief mich einmal an. Er lebt bis heute dort und hadert. Die Sanktionen, sagte er sinngemäß, nähmen sie ungefähr so wahr, als hätten Eltern ihren Kindern verboten, im Sandkasten zu spielen. Und die Kinder antworteten trotzig: Wozu brauchen wir euren Sandkasten? Uns gehört doch die ganze Welt.

Ich musste lange an diesen Satz denken. Denn darin steckte mehr als Trotz. Ein Verbot wurde nicht zum Anlass, das eigene Handeln zu prüfen. Schon die Vorstellung, ein anderer könne Regeln setzen, wurde als Kränkung erlebt.

Dann kamen die Künstler. Sänger, Musiker, Schauspieler. Viele waren Teil eines kulturellen Systems, dessen Bühnen, Fernsehsendungen, Auszeichnungen und Karrieren eng mit staatlicher Macht verflochten waren, und ausgerechnet sie behaupteten gern, mit Politik nichts zu tun zu haben.

Wo gestern noch die Frage gestanden hatte, was hier eigentlich geschehen war, stand heute eine Bühne. Das Publikum klatschte, die Kameras liefen, die Lieder waren dieselben wie früher. Auch der Künstler gehörte zur Nachhut, wie der Käufer und der Urlauber.

Genau das konnte eine Armee allein niemals herstellen: Gewöhnlichkeit.

Ich hatte lange geglaubt, irgendwo müsse diese Kette reißen. Beim Beamten vielleicht, beim Käufer, beim Künstler, beim Urlauber. Doch jeder verlängerte sie nur um eine gewöhnliche Handlung und konnte anschließend sagen: Ich habe die Krim nicht annektiert. Ich habe niemanden vertrieben. Ich habe nicht geschossen. Ich habe nur gekauft, Urlaub gemacht oder gesungen.

Jeder dieser Sätze stimmte für sich beinahe. Ihre Summe aber veränderte die Wirklichkeit.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Entlastung des Einzelnen. Man verkleinert die eigene Handlung so lange, bis die eigene Verantwortung darin kaum noch zu erkennen ist. Ein solches System verlangt gar nicht, dass jeder die ganze Erzählung glaubt. Es genügt, wenn jeder jenen Teil der Wirklichkeit ausblendet, der das eigene Leben stören würde.

Natürlich hatten diese Menschen die Annexion nicht beschlossen. Sie hatten keine Befehle gegeben und keine Grenzen verschoben. Aber ohne sie wäre die Annexion eine militärische Tatsache geblieben. Sie machten daraus Leben. Sie füllten Häuser, Hotels, Straßen und Strände und bestätigten damit jeden Tag aufs Neue, was die Annexion behauptet hatte: Das ist Russland.

Irgendwann musste dann nichts mehr behauptet werden. Nun stand dort ihr Haus.

Und damit verändert sich auch, was verteidigt wird. Der Mensch muss irgendwann nicht mehr Putin verteidigen, nicht die Annexion und vielleicht nicht einmal Russland. Er verteidigt sein Haus, seinen Garten, seine Erinnerungen und schließlich sich selbst.

Genau darin liegt die Gravitation. Sie muss ihn nicht mehr von außen ziehen. Was einmal als politische Behauptung begann, ist Teil seines eigenen Lebens geworden. Vielleicht erklärt das auch die Heftigkeit, mit der solche Gewissheiten verteidigt werden. Denn wer etwas unbedingt verteidigen muss, verteidigt nicht immer nur, woran er glaubt. Manchmal verteidigt er auch das, woran er nicht mehr zweifeln darf.

Vielleicht ist das die eigentliche Vollendung einer Annexion. Nicht der Augenblick, in dem Soldaten ein Gebiet betreten, eine Fahne gehisst oder eine Grenze verschoben wird, sondern jener viel spätere Augenblick, in dem Menschen dort leben und vergessen können, dass ihrem Leben eine Entscheidung vorausging.

Die Gewalt des Anfangs ist dann kaum noch zu sehen.

Dort steht jetzt ein Haus. Im Garten wachsen Bäume.

Und jemand sagt:

Das ist meines.