FLUCHT, DIE KEINE IST
Nicht jede Flucht führt fort. Manche dauert ein Leben lang.
Wenn man mit russischen Emigranten spricht, fällt eines fast immer auf. Kaum jemandem ist das Schicksal Russlands gleichgültig geworden. Manche verteidigen das Land bis heute mit einer Leidenschaft, als wären sie nie fortgegangen, selbst nach zwanzig Jahren. Andere lehnen es entschieden ab. Doch auch sie sprechen über kaum ein anderes Land mit derselben Intensität.
Viele schweigen. Nicht unbedingt aus Zustimmung. Vielleicht, weil sie wissen, dass sich dieses Verhältnis kaum erklären lässt. Wie erklärt man eine Heimat, die man verlassen musste und die einen dennoch nicht verlässt? Wie trennt man Sprache von Macht, Kindheit von Politik, Familie vom Staat?
Man begegnet ihnen überall, in Wien, Berlin, Tel Aviv, New York oder Paris. Wissenschaftler, Ärzte, Musiker, Schriftsteller, Unternehmer, Programmierer, Maurer, Mechaniker. Sie sprechen ihre Sprache, lesen ihre Literatur, verfolgen die Nachrichten, gründen Schulen, Buchhandlungen, Kulturvereine oder Kirchen. Sie streiten über Russland, als lebten sie noch dort. Selbst ihr Widerspruch bleibt mit dem Land verbunden.
Schwieriger wird es, wenn das Regime nicht mehr nur als historischer Unfall oder Anomalie erscheint, sondern die Frage auftaucht, ob manches von dem, was es möglich gemacht hat, älter ist als seine Herrscher. An diesem Punkt beginnen Gespräche mit russischen Emigranten oft auseinanderzugehen. Denn ein Land ist mehr als seine Regierung. Aber es ist auch nicht völlig getrennt von dem, was über lange Zeit in seinem Namen möglich wird.
Vielleicht liegt schon darin eine Form der Flucht, die keine ist. Man entfernt sich und kreist doch weiter um dasselbe Zentrum.
Das gilt nicht nur für jene, die gegangen sind. Auch viele, die geblieben sind, entfernen sich, nicht räumlich, sondern gedanklich. Manche ziehen sich ins Private zurück, andere in den Zynismus, wieder andere in den Patriotismus oder in die Vorstellung, all das gehe sie nichts an. Nur wenige überschreiten die Grenze. Weit mehr versuchen, der Wirklichkeit auszuweichen.
Oft endet diese Bewegung in einem stillen Fatalismus. Man entzieht sich etwas, das man nicht verändern kann oder nicht verändern will. Vielleicht begünstigen die Größe und die Geschichte Russlands diese Form des Ausweichens. Wo der Raum nahezu unbegrenzt scheint, findet sich fast immer noch ein Ort, an den man sich zurückziehen kann. Nicht unbedingt, um etwas zu verändern, sondern um ihm zu entkommen. Je größer der Staat wurde, desto kleiner wurde oft der Raum, den er dem Einzelnen ließ.
Manche fliehen auch nach vorn, ins Extrem, in eine Uniform, die dem eigenen Leben plötzlich Richtung gibt. Auch das kann Flucht sein, nur führt sie nicht fort, sondern in die Gewalt.
Andere fliehen ganz konkret vor der Einberufung. Sie verlassen Russland nicht unbedingt aus politischer Überzeugung, sondern weil sie weder töten noch sterben wollen. Manche gehen, weil ihre Hoffnung ohne Echo geblieben ist, andere, weil sie keine Zukunft mehr sehen. Wieder andere verlassen nur den Staat, nicht das Land, das sie in sich tragen.
Russland als innere Wirklichkeit lässt sich offenbar schwerer verlassen als sein Territorium. Man geht fort und bleibt doch gebunden. Selbst Ablehnung kann eine Form dieser Bindung sein.
Vielleicht zieht sich deshalb die Emigration wie ein roter Faden durch die russische Geschichte. Nach 1917, nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Sowjetzeit, nach 1991 und erneut seit 2022 gingen Menschen, weil sie nicht bleiben konnten, nicht bleiben wollten oder weil ihnen anderswo etwas möglich schien, das zu Hause nicht möglich war.
Daneben gibt es jene, die im Exil auf Probe leben. Man begegnet ihnen in Hörsälen und Bibliotheken, nicht nur in Oxford, Cambridge oder Zürich, sondern auch in Wien oder Linz. Junge Russen, denen sich eine Möglichkeit eröffnet hat, die vielen anderen verschlossen bleibt. Manche studieren mit Stipendien, andere auf Kosten ihrer Familien, viele wissen nicht, ob sie zurückkehren werden.
Spricht man mit ihnen, hört man häufig, sie seien gegen den Krieg und gegen Putin. Doch sobald das Gespräch auf Russland selbst kommt, wird der Ton vorsichtiger. Das Regime, sagen sie, sei nicht ihre Heimat, und die Heimat nicht das Regime.
Vielleicht müssen sie diese Grenze ziehen. Denn wer seine Heimat vollständig verwirft, verwirft immer auch einen Teil der eigenen Geschichte: die Kindheit, die Sprache, die Menschen, die geblieben sind. Ein Land ist nicht nur sein Staat. Es besteht auch aus Gerüchen, Stimmen, Liedern, Landschaften, Familiengeschichten und den ersten Erinnerungen daran, wie die Welt überhaupt aussieht.
Es ist ein seltsames Verhältnis. Vielleicht keine Liebe. Eher die erste. Nicht unbedingt die glücklichste, oft nicht einmal eine gute, aber jene, die einen geprägt hat, lange bevor man wusste, dass es auch andere Möglichkeiten gab.
Wer verstehen will, was diese Bindung über Russland erzählt, darf deshalb nicht nur auf jene schauen, die gegangen sind. Auch jene, die geblieben sind, jene, die schweigen, und jene, die noch nicht wissen, ob sie eines Tages gehen werden, gehören dazu.
Seit mehr als einem Jahrhundert stellt sich dabei noch eine andere Frage: Welche Menschen gehen? Und welche lässt man gehen?
Ich hatte oft den Eindruck, dass man manche sogar gehen lassen will. Vielleicht braucht ein autoritäres System seine Emigranten nicht, aber es kann von ihrer Emigration profitieren. Mit jedem, der geht, verschwindet auch ein möglicher Widerspruch aus dem gemeinsamen Raum. Das Land verliert damit nicht nur Menschen. Es verliert womöglich gerade jene, die etwas hätten verändern können.
Darin liegt eines der Paradoxe autoritärer Herrschaft. Nicht jeder Gegner muss zum Schweigen gebracht oder eingesperrt werden. Manchmal genügt es, wenn er geht. Sein Weggang entfernt den Widerspruch aus dem Alltag und zeigt zugleich den Zurückgebliebenen, wie eng der gemeinsame Raum geworden ist.
Doch auch für den Emigranten ist die Geschichte damit nicht beendet. Grenzen lassen sich überschreiten, Prägungen weit schwerer. Sprache reist mit, Erinnerung reist mit, Familie reist mit, manchmal auch Kränkung, Stolz und jene Vorstellung von Macht, vor der man vielleicht gerade geflohen ist.
Das macht die Bindung nicht automatisch verdächtig. Herkunft ist kein politisches Bekenntnis. Auch Ablehnung ist nicht automatisch Befreiung.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob die Bindung bleibt.
Sondern welche Gestalt sie annimmt.