ABSURD?

Bei allem Respekt vor siebzig Jahren Kommunismus, vor Terror, Gulag, Geheimdienst, Denunziation und einem Staat, der bis tief in das Private hineinregierte – aber könnte es sein, dass wir etwas verkehrt herum erzählen?

Der Gedanke kam mir bei der Beschäftigung mit der Gewissenlosigkeit. Zuerst erschien er mir fast ungehörig. Und obwohl er mich erschreckte, faszinierte er mich.

Wir gehen bis heute davon aus, dass siebzig Jahre Kommunismus eine Gesellschaft geformt haben. Dass dieses System Menschen verbog, Vertrauen zerstörte, Eigenverantwortung schwächte, Anpassung belohnte und Angst hinterließ. Und weil siebzig Jahre eine lange Zeit sind, erscheint uns vieles, was wir heute in Russland beobachten, als Nachwirkung dieser Epoche.

Manchmal gehen wir noch weiter zurück, zum Zarentum, zur Leibeigenschaft, zur Autokratie. Immer suchen wir nach der Macht, die von oben auf die Menschen drückte: der Zar, die Partei, Stalin, der KGB, Putin. Oben die Macht, unten das Volk. Das Volk wird beherrscht, unterdrückt, geformt, beschädigt und gibt irgendwann weiter, was ihm selbst angetan wurde.

Das ist schlüssig. Aber vielleicht nur zur Hälfte.

Was wäre, wenn eine Gesellschaft den Kommunismus zwar nicht hervorgebracht, ihn aber auf eine Weise aufgenommen und mitgetragen hätte, ohne die er niemals diese ungeheure Tiefe erreicht hätte?

Und schon hier stimmt etwas an meiner eigenen Frage nicht. Die Sowjetunion war nicht Russland. Ukrainer, Georgier, Balten, Armenier, Kasachen und viele andere lebten unter demselben System, aber nicht mit derselben Geschichte und nicht im selben Verhältnis zu ihm. Manche wurden hineingezwungen, manche widersetzten sich, manche bewahrten unter sowjetischer Herrschaft gerade das Bewusstsein, nicht russisch zu sein. Wenn dasselbe System nicht überall dasselbe hinterließ, muss vielleicht etwas von dem, was wir dem System zuschreiben, auch mit dem zu tun haben, worauf es traf.

Aber selbst damit wäre die Trennung noch zu einfach, denn auch Russland war nie einfach Russland.

Vielleicht verwechseln wir etwas, wenn wir über Jahrhunderte russischer Herrschaft sprechen, als hätte ein geschlossenes Volk über andere geschlossene Völker geherrscht. Moskau herrschte nicht nur über Ukrainer, Georgier, Balten oder Tataren. Das Zentrum herrschte auch über jene ungeheuren Räume und Menschen, die wir heute unter dem einen Wort Russland zusammenfassen.

Vielleicht war Russland selbst eines der Gebiete, die Moskau eroberte.

Nicht im einfachen territorialen Sinn, eher als politische Erfahrung. Das Zentrum zog Macht an sich, ordnete die Peripherie, bestimmte Rang, Nähe und Entfernung. Über Jahrhunderte konnte so etwas als russisch lesbar werden, das zunächst auch eine Erfahrung mit dieser Form von Herrschaft war. Vielleicht halten wir also für Charakter, was in Wahrheit eine sehr lange Erfahrung mit Macht ist.

Dann müsste die Frage anders lauten. Nicht: Was ist mit den Russen geschehen? Sondern: Was geschieht mit Menschen, wenn eine bestimmte Form von Macht lange genug über ihnen steht – und irgendwann zwischen ihnen?

Ein Staat kann einen Geheimdienst gründen. Aber für einen Überwachungsstaat braucht er Menschen. Er braucht jemanden, der beobachtet und meldet, den Nachbarn denunziert, die Wohnung durchsucht, die Akte führt, das Verhör protokolliert oder den Gefangenen bewacht. Und jemanden, der nach dessen Verschwinden vielleicht seine Stelle übernimmt oder in seine Wohnung zieht.

Natürlich geschah vieles unter Zwang, aus Angst, aus Überlebenswillen. Menschen konnten Opfer sein und zugleich Teil des Apparats werden. Wer das übersieht, macht sich die Geschichte bequem. Aber erklärt Angst alles?

Millionen Menschen lassen sich über Jahrzehnte nicht von einigen wenigen Menschen kontrollieren. Kontrolle muss sich vervielfältigen. Sie braucht Augen, Ohren und Hände, kleine Vollmachten, kleine Vorteile und manchmal auch kleine Rechnungen. Irgendwann genügt es nicht mehr, dass Macht Menschen beherrscht. Sie muss Menschen finden, die ein Stück von ihr übernehmen.

Vielleicht liegt genau darin die Verstörung.

Wir betrachten den Kommunismus gern wie eine gewaltige Maschine, die über eine Gesellschaft kam und sie nach ihrem Bild formte. Was aber, wenn diese Maschine auch deshalb so tief eindringen konnte, weil sie auf Erfahrungen traf, die älter waren als sie selbst? Auf das Wissen, wer über wem steht. Auf die Erfahrung, dass Nähe zur Macht schützen kann und Entfernung gefährlich wird. Auf Hierarchien und Abhängigkeiten, in denen man sich nach oben fügt und nach unten selbst ein wenig Macht ausübt.

Dann hätte der Kommunismus nicht alles geschaffen, was wir ihm heute zuschreiben. Er hätte manches organisiert. Er gab diesen Möglichkeiten Uniformen, Dienstgrade, Büros, Formulare, Stempel und eine Ideologie. Er machte aus ihnen eine staatliche Ordnung, und diese Ordnung verstärkte über Generationen wiederum das, was ihr entgegenkam.

Vielleicht suchen wir nach Ursache und Wirkung, wo längst beides ineinander übergegangen war.

Das wäre die unangenehmere Geschichte. Denn dann wäre eine Diktatur nicht nur eine Maschine zur Unterwerfung von Menschen, sondern auch eine Maschine zur Verteilung von Macht: wenig ganz oben, etwas mehr darunter und winzige Portionen bis weit nach unten. Gerade genug, damit der Unterworfene irgendwo jemanden findet, über den auch er verfügen kann.

Vielleicht liegt darin eine ihrer größten Stabilitäten. Nicht jeder muss mächtig sein. Es genügt, wenn fast jeder jemanden kennt, der noch weniger Macht besitzt.

Und vielleicht erklärt das auch, warum nach 1991 nicht einfach alles verschwand. Warum eine Ordnung, die so viele Menschen unterdrückt hatte, später nicht nur erinnert, sondern von manchen vermisst werden konnte. Natürlich lässt sich vieles daran erklären: Sicherheit, Jugend, Berechenbarkeit, Großmacht, die Katastrophen der neunziger Jahre, das Gefühl, einmal zu etwas gehört zu haben, das größer war als man selbst.

Aber vielleicht fehlt noch etwas. Vielleicht vermisst man an einer Ordnung nicht nur, was sie einem gab, sondern auch die Stelle, die sie einem darin zuwies.

Die Sowjetunion zerfiel. Aber die Menschen, die in ihr gelebt, gearbeitet, entschieden, gehorcht, befohlen, profitiert, geschwiegen und manchmal denunziert hatten, verschwanden nicht mit ihr. Es gab keinen Augenblick, in dem eine Gesellschaft ihre Biografien ablegte. Die Fahne konnte gewechselt, Lenin von den Wänden genommen werden. Grenzen konnten sich öffnen, Geschäfte entstehen, Geld verdient, Wohnungen gekauft und Reisen unternommen werden. Aber die Maschine war nicht verschwunden, nur weil man einige ihrer Schilder abschraubte.

Vielleicht musste deshalb auch niemand den Kommunismus zurückbringen. Es genügte, bestimmte Stellen wieder zu besetzen: den starken Mann, die Vertikale, den Sicherheitsapparat, die Vorstellung, dass Ordnung von oben kommt, und das Wissen, dass Nähe zur Macht nützlich und Entfernung von ihr gefährlich sein kann.

Wir nennen es Propaganda, Repression, Angst, und all das stimmt. Aber vielleicht beruhigen uns diese Erklärungen manchmal mehr, als sie erklären, weil sie die Rollen sauber verteilt lassen: dort der Täter, hier das Opfer, dort der Staat, hier die Menschen.

Was aber, wenn diese Grenze nie so sauber verlief? Was, wenn Macht nicht nur von oben nach unten wirkt, sondern unten aufgenommen, weitergegeben und im Kleinen wiederholt wird?

Dann wäre vielleicht auch unsere Vorstellung von Freiheit zu einfach. Wir denken Freiheit gern als Befreiung von Macht. Aber was geschieht, wenn Macht längst zu einer sozialen Sprache geworden ist? Wenn Menschen nicht nur wissen, wie man ihr gehorcht, sondern auch, wie man sie benutzt?

Dann genügt es nicht unbedingt, den Herrscher zu entfernen, denn der Herrscher wäre nur ihre sichtbarste Form.

Vielleicht betrachten wir manches als Ergebnis jahrzehntelanger Manipulation, obwohl ein Teil davon etwas viel Beunruhigenderes sein könnte: Erfahrung. Ein Wissen darüber, wie man miteinander lebt, was funktioniert, was gefährlich ist, wem man besser ausweicht, wem man folgt, wann man schweigt und was man tun kann, sobald man selbst ein wenig Macht bekommt.

Vielleicht war der Kommunismus deshalb nicht nur eine Macht, die eine Gesellschaft formte. Vielleicht wurde er auch von etwas getragen, das er nicht erfunden hatte.

Und vielleicht erklärt gerade das, warum so vieles ihn überleben konnte.