TINNITUS ALS LEBENSRAUM

Tinnitus bezeichnet das Hören eines Geräusches, das von außen nicht existiert.

Der Ausdruck „Tinnitus als Lebensraum“ stammt von Dr. Stefan Schaak aus Russlandwatch auf YouTube. Selten hat ein Bild einen Gedanken für mich so treffend beschrieben.

Das Pfeifen wird irgendwann ausgeblendet. Nicht weil es verschwunden wäre, sondern weil das Gehirn lernt, es zu überhören. Manche Worte scheinen den umgekehrten Weg zu gehen. Sie dringen durch alles hindurch, als besäßen sie eine eigene Frequenz. Sie übertönen nicht. Sie bleiben, als hätten sie sich in das Denken tätowiert.

Ich selbst machte diesen Fehler.

Ich lebte im Tinnitus.

Was weit im Osten Europas lag, war für mich Russland. So wurde es mir gezeigt, so wurde es benannt. Und irgendwann stellte ich fest, dass ich nicht nur eine falsche Bezeichnung übernommen hatte. Ich hatte begonnen, die Welt durch sie zu betrachten.

Namen sind niemals bloße Bezeichnungen. Sie entscheiden mit darüber, was wir sehen.

Das Vereinigte Königreich wird England genannt.

Die Niederlande werden Holland genannt.

Die Vereinigten Staaten werden Amerika genannt.

Die Sowjetunion wird Russland genannt.

Bis heute.

Die meisten dieser Verkürzungen sind ungenau, aber oft harmlos. Man verwendet den größten oder bekanntesten Teil für das Ganze.

Bei der Sowjetunion geschieht etwas anderes.

Vierzehn Republiken verschwinden hinter einem einzigen Namen. Als hätte sich ein Vorhang geschlossen. Sichtbar bleibt nur das Rot. Dahinter lösen sich Geschichten, Erfahrungen und Opfer in einer einzigen Erzählung auf, deren Mittelpunkt Russland bildet.

So kann aus einer sprachlichen Gewohnheit ein gedanklicher Besitzanspruch entstehen.

Nicht auf Territorien.

Auf Erinnerung.

Vielleicht beginnt jeder Tinnitus mit einer Nennung. Mit einem Wort, einer Bezeichnung, einer scheinbar harmlosen Vereinfachung.

Was einmal eingedrungen ist, bleibt als Grundrauschen zurück. Die Worte liegen bereit. Man greift nach ihnen, weil sie griffbereit sind, übernimmt sie, weil sie nichts verlangen. Und irgendwann sprechen sie mit der eigenen Stimme zurück.

Niemand bemerkt den Augenblick, in dem das Fremde vertraut wird. Man hört dieselben Sätze oft genug, bis sie nicht mehr auffallen, und spricht sie oft genug, bis sie sich anfühlen, als wären sie immer schon die eigenen gewesen.

So wandern Phrasen von Mund zu Mund. Nicht unbedingt weil sie überzeugen, sondern weil sie verfügbar sind. Man benutzt sie wie Besteck, das selbstverständlich in der Hand liegt. Nicht allein ihr Inhalt verleiht ihnen Macht, sondern ihre Selbstverständlichkeit.

Vielleicht erklärt das mehr als das Verhalten einzelner Menschen. Wo über Jahre derselbe Ton erklingt, verändert sich nicht nur die Sprache. Es verändert sich auch, was überhaupt noch als fremder Ton wahrgenommen wird.

Das Geräusch ist längst da, bevor der eigene Gedanke entsteht. Und wenn dieser schließlich kommt, spricht er bereits in einer Sprache, die er für seine eigene hält.

Man hält sie nicht für übernommen. Man hält sie für Erfahrung.

Das Vertraute gewinnt nicht durch Wahrheit, sondern durch Wiederholung.

Das Tückische am Tinnitus ist seine Beharrlichkeit. Er verschwindet nicht, nur weil man ihn erkannt hat. Selbst wenn man weiß, dass das Geräusch nicht von außen kommt, bleibt es.

Vielleicht verhält es sich mit manchen Gedanken ähnlich. Nicht jede Überzeugung lässt sich ablegen, nur weil man sie als Irrtum erkannt hat. Was sich über Jahre im Inneren eingerichtet hat, verschwindet nicht auf Befehl.

Deshalb ist der gefährlichste Augenblick nicht der, in dem das Geräusch beginnt.

Es ist der, in dem man aufhört, es als Geräusch wahrzunehmen.

Von diesem Moment an lebt man nicht mehr neben oder mit dem Tinnitus.

Man lebt in ihm.