KRIEG ODER FRIEDEN

1991 geschah etwas Bemerkenswertes. Ein Staat, der fast siebzig Jahre lang wie eine politische und geografische Selbstverständlichkeit gewirkt hatte, löste sich auf. Republiken erklärten ihre Unabhängigkeit. Grenzen, die am Vortag noch Verwaltungsgrenzen gewesen waren, wurden zu Staatsgrenzen. Aus Bürgern desselben Landes wurden Bürger verschiedener Staaten.

Das Bemerkenswerte daran: Russland ließ diesen Zerfall nicht nur geschehen. Es wirkte schließlich selbst an ihm mit. Gemeinsam mit der Ukraine und Belarus erklärte es die Sowjetunion für beendet – und gründete nahezu im selben Atemzug die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Vielleicht war das bereits der erste Versuch, zu retten, was noch zu retten war. Die Sowjetunion konnte man aufgeben. Den gemeinsamen Raum offenbar nicht so leicht.

Lange glaubte ich, die Sowjetunion habe vor allem ihre Republiken zusammengehalten. Manche mit Gewalt, manche durch Abhängigkeit, meist durch eine Mischung aus beidem.

Das ist nicht falsch. Aber vielleicht ist es nur die Hälfte. Denn womöglich hielt die Sowjetunion noch etwas anderes zusammen: Russland.

Nicht das Territorium der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, sondern Russland als historische Vorstellung, als einen Raum, dessen Grenzen nie ganz eindeutig waren. Vielleicht lag darin eine ihrer merkwürdigsten Wirkungen: Sie musste die Frage nicht beantworten, wo Russland eigentlich endet.

Formell war die Sowjetunion kein Russland. Russland war selbst eine Republik innerhalb der Union, neben der Ukraine, Belarus, Georgien, Armenien und den anderen. Die Ukraine war dabei keine spätere Zugabe. Sie gehörte 1922 zu den Gründungsrepubliken jenes Staates, von dem später behauptet werden sollte, er habe die Ukraine überhaupt erst hervorgebracht.

Man kann ihre damalige Souveränität bestreiten. Moskau bestimmte ihre politische Wirklichkeit. Aber gerade darin lag die eigentümliche Konstruktion: Die Ukraine war keine russische Provinz. Sie war eine Unionsrepublik.

War sie Russland? Nein. War sie Ausland? Auch nicht.

Sie war Sowjetunion.

Damit musste Russland nicht entscheiden, ob die Ukraine zu ihm gehörte. Letztlich gehörten beide etwas Drittem an – etwas, das größer war als Russland und dennoch von Moskau beherrscht wurde.

Die Sowjetunion löste damit die schwierigsten Fragen des alten Imperiums nicht. Sie stellte etwas über sie.

Natürlich war das keine friedliche Ordnung. Sie entstand aus Revolution, Krieg, Eroberung und Zwang. Partei, Armee, Geheimdienst, Zensur, Deportation und Gefängnis hielten sie zusammen. Manche Konflikte, die nach ihrem Ende aufbrachen, hatte die sowjetische Nationalitätenpolitik selbst konserviert oder verschärft.

Und dennoch muss man zwischen Absicht und Wirkung unterscheiden. Solange die größere Ordnung bestand, musste die letzte Konsequenz der kleineren Grenzen nicht gezogen werden. Ukrainer blieben Ukrainer, Georgier Georgier, Armenier Armenier, Russen Russen. Es gab Republiken, Sprachen, Hauptstädte und Grenzen. Aber diese Grenzen trennten noch keine souveränen Staaten voneinander.

Vielleicht war die Sowjetunion deshalb weniger die Lösung des russischen Imperiums als dessen Waffenstillstand.

Sie löste die Frage nicht. Sie vertagte sie.

1991 verschwand dieses Dritte.

Plötzlich standen Russland und die ehemaligen Republiken einander unmittelbar gegenüber, auf gleicher Höhe – beinahe wie ein Affront. Aus einer Linie innerhalb derselben politischen Ordnung wurde eine internationale Grenze. Jemand, der gestern in Kyjiw lebte und zum selben Staat gehörte, lebte heute im Ausland.

Vielleicht verstanden wir in Europa auch deshalb lange nicht, was darin lag. Bei uns hatte selbst die Scheidung innerhalb einer Familie viel von ihrem Makel verloren. Eine Ehe konnte enden, ohne dass deshalb alles Geschehene wertlos wurde. Man trennte sich. Es war schmerzhaft, manchmal hässlich, aber es gehörte inzwischen zum Leben. Das Ende einer Verbindung musste nicht mehr das Scheitern aller Beteiligten bedeuten.

Vielleicht sahen wir auch 1991 ein wenig so: Nun gut, sie trennen sich. Das wird sich schon klären.

Staaten würden ihre Grenzen finden, Beziehungen neu ordnen, miteinander handeln. Aus einem gemeinsamen Staat konnten Nachbarn werden. Warum auch nicht?

Aber eine Trennung funktioniert nur, wenn der andere gehen darf.

Und damit entstand ein Ausländer, den es so vorher nicht gegeben hatte. Nicht der Deutsche oder Amerikaner – der blieb gleich. Sondern der Ukrainer, der Georgier, der Este, der Kasache. Der Ausländer, der gestern noch keiner gewesen war.

Politische Grenzen lassen sich über Nacht verändern. Mentale Grenzen nicht. Man kann einen Staat auflösen, Fahnen wechseln, Botschaften eröffnen und Grenzposten errichten. Schwieriger ist es, Millionen Menschen davon zu überzeugen, dass das, was gestern innen war, heute außen liegt.

Damit musste Russland beantworten, was Russland selbst eigentlich war. War es die Russische Föderation innerhalb ihrer anerkannten Grenzen?

Wenn ja, dann war die Ukraine Ausland.

So einfach der Satz klingt, so weitreichend war seine Konsequenz. Denn dann musste auch akzeptiert werden, dass gemeinsame Geschichte keinen Besitz begründet, dass Sprache keine Grenze aufhebt und dass Familien, sowjetische Biografien und Erinnerungen aus einem anderen Staat keinen Teil des eigenen machen.

Vor allem aber musste Russland akzeptieren, dass der andere gehen durfte.

Ganz verschwunden war der Versuch, den verlorenen Raum zusammenzuhalten deshalb nie. Schon unmittelbar nach dem Zerfall entstand die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Später kamen neue wirtschaftliche und sicherheitspolitische Bindungen hinzu: Zollunion und OVKS. Keine davon war eine neue Sowjetunion. Aber alle berührten dieselbe Frage: Ließ sich etwas von diesem Raum erhalten, dessen Zentrum weiterhin Moskau war?

Solange Bindung freiwillig oder zumindest vorteilhaft erschien, musste die alte Frage nicht mit Gewalt beantwortet werden.

Die Ukraine zeigte die Grenze dieses Modells. Was geschah, wenn eines dieser Länder nicht zurück in einen russisch dominierten Raum wollte? Wenn es seine wirtschaftliche und politische Zukunft anderswo suchte?

Dann wurde aus Integration eine Entscheidung – und aus der Entscheidung eine Zumutung.

Denn mit dem Kommunismus war noch etwas verschwunden: die Rechtfertigung dafür, weshalb all diese Völker überhaupt zusammengehören sollten.

Die Sowjetunion hatte ihren Machtanspruch in eine universelle Ideologie gekleidet. Moskau herrschte nicht offiziell, weil Russland größer war, sondern weil dort das Zentrum eines angeblich gemeinsamen Projekts lag. Man gehörte derselben Zukunft.

Nach 1991 gab es diese Zukunft nicht mehr. Wollte man dennoch behaupten, dass der Raum zusammengehöre, blieben andere Begründungen: Geschichte, Sprache, Sieg, Blut, Opfer, Größe – und schließlich die Behauptung, Russland könne ohne diesen Raum nicht vollständig sein.

Vielleicht begann hier die sowjetische Gravitation, russisch zu werden. Aus dem gemeinsamen Projekt wurde eine historische Forderung, aus Zugehörigkeit ein Anspruch, aus dem Versprechen einer gemeinsamen Zukunft die Beschwörung einer gemeinsamen Vergangenheit.

Darin liegt der entscheidende Wechsel:

Die Sowjetunion legitimierte ihre Ordnung durch eine gemeinsame Zukunft.

Der Putinismus legitimiert seinen Anspruch durch eine gemeinsame Vergangenheit.

Das eine sagte: Wir müssen zusammenbleiben, weil wir gemeinsam auf etwas zugehen.

Das andere sagt: Ihr könnt nicht wirklich gehen, weil wir einmal zusammengehörten.

Eine Zukunft kann man ablehnen. Eine Vergangenheit wird einem vorgeworfen.

Putin hat diese Vorstellung nicht erfunden. Aber unter ihm bekam sie wieder politische Macht. Der verletzte Stolz bekam eine Sprache, der Verlust einen Schuldigen und die Geschichte eine Richtung.

Damit entstand ein Paradox. Man brauchte die Ukraine als Ausland, um sie für ihren Weg bestrafen zu können, und durfte sie zugleich nicht wirklich als Ausland anerkennen, weil man sonst auch ihren eigenen Weg hätte anerkennen müssen.

Vielleicht erklärt das etwas von jener eigentümlichen Mischung aus Nähe und Aggression. Nicht: Du bist mein Feind, weil du fremd bist. Sondern: Du bist mein Feind, weil du fremd geworden bist.

Das ist etwas anderes. Vielleicht sogar etwas Gefährlicheres. Gegen einen Fremden kann man Grenzen ziehen. Den Abtrünnigen will man zurückholen.

Damit kehrt die Frage zurück, die die Sowjetunion so lange nicht beantworten musste:

Wo endet Russland?

Die Antwort könnte erstaunlich einfach sein.

Hier. An seiner Grenze.

Dahinter beginnt der andere. Der Nachbar. Der Ausländer.

Vielleicht besteht genau darin eine Voraussetzung für Frieden: nicht darin, den anderen zu lieben, sondern anzuerkennen, dass er nicht zu einem gehört.

Die Sowjetunion hatte diese Entscheidung fast siebzig Jahre vertagt. 1991 wurde sie wieder möglich. Russland konnte seine Grenze anerkennen – oder versuchen, sie wieder aufzuheben.

Putin hat diese Frage nicht gelöst.

Er hat sie entschieden.

Nicht Krieg und Frieden.

Krieg oder Frieden.