SCHISN TUPIK

Sackgassenleben.

Wenn ich eines früh lernte, dann, dass Herkunft eine große Rolle spielt. Und was ich ebenfalls früh lernte: Der Standort bestimmt immer auch die Perspektive.

Ich erinnere mich an eine Reportage im russischen NTV. Es muss um 2006 gewesen sein. Schon das war bemerkenswert, denn NTV hatte sich zwischen 2000 und 2006 dramatisch verändert: vom kritischen Sender hin zu einem Instrument der politischen Macht. Stanislaw Feodanow hieß der Journalist. Auf seinem Kanal kann man den Film noch heute sehen.

Die Reportage zeigte das Leben in einem russischen Dorf. Sankino.

Straßen? Welche Straßen? Eine Bahn gab es. Hin und wieder kam etwas über die Schienen, das man kaum einen Zug nennen konnte. Eisen auf Rädern, irgendwie zusammengehalten und irgendwie noch in Bewegung. Die Schienen darunter waren so verbogen, dass man sich wunderte, dass überhaupt noch etwas darauf fahren konnte. Zwanzig Kilometer in der Stunde, mehr war kaum möglich.

Vielleicht war das schon die ganze Verbindung zur Welt.

Die Alten saßen vor ihren fast verfallenen Holzhäusern und seufzten. Nicht einmal einen Harmonisten hätten sie mehr, sagten sie. Keinen, der noch die Harmonika nahm und spielte. Die Männer und Frauen waren dürr, ausgezehrt, viele ohne Zähne. Neben den Häusern lag Holz, das noch gehackt werden musste. Kühe standen da, Schweine, ein paar Hühner. Wasser, Holz, Tiere, Winter. Ein Kreislauf, der auch hundert Jahre zuvor kaum anders ausgesehen haben konnte.

Hier hätte Dostojewski seine Freude gehabt, dachte ich. Nur war das kein Roman. Das war Russland im Jahr 2006.

Vielleicht war es genau diese Verwechslung, die mich störte. Russland ließ sich wunderbar romantisieren. Das alte Holzhaus, der Schnee, die Kuh vor der Tür, die Babuschka, irgendwo eine Harmonika und gegen die Kälte ein selbstgebrannter Wodka. Ein paar Birken dazu, und schon war man bei der russischen Seele.

Russische Sackgassenromantik.

Nur für die Menschen, die dort lebten, war die Sackgasse keine Romantik.

Schisn tupik. Das Leben als Sackgasse. Nicht weil am Ende einer Straße ein Schild stand. Sondern weil irgendwann die Möglichkeiten ausgingen.

Ich kannte Moskau und Petersburg, die großen Prospekte, die Metro, Geschäfte, Restaurants, neue Autos. Ich kannte ein Russland, das wieder Großmacht sein wollte.

Und dann Sankino.

Wie konnte beides gleichzeitig wahr sein? Wie konnte man Menschen so leben lassen?

Ich zeigte den Film meiner Schwiegermutter. Ich erwartete Empörung, zumindest Erstaunen. Sie seufzte nur.

„Ja, Russland. Was soll man davon schon erwarten.“

Sie kannte solche Orte. Nicht Sankino, aber dieses Leben. Für sie waren die Bilder nicht fremd. Für mich schon.

„Aber das ist 2006“, sagte ich.

Ich hakte nach. Und langsam verstand ich, dass ihr Seufzen keine Zustimmung war. Sie hatte sich daran gestört, wie viele andere auch. Aber sie hatte gelernt, dass es dieses andere Russland gab. Und sie war froh, nicht dort zu leben.

In der Stadt gab es eine Wohnung, Heizung, Arbeit, Schulen, Ärzte. Man hatte es herausgeschafft.

Vielleicht lag darin ein Teil der Antwort. Die Lösung bestand nicht darin, das Dorf zu verändern. Die Lösung bestand darin, ihm zu entkommen.

Wer es geschafft hatte, blickte zurück und war erleichtert.

Wer geblieben war, blieb.

Und dennoch gab es den Fernseher.

Auf den Dächern und an langen Stangen hingen Antennen, manchmal beinahe größer als das Haus darunter. Je tiefer das soziale Loch, dachte ich, desto größer musste offenbar die Antenne sein.

Die Welt war also nicht weit weg. Sie kam jeden Abend ins Haus. Moskau, Geld, Autos, Werbung, Politiker, die Größe Russlands. Alles war da, in Farbe.

Man konnte diese Welt sehen.

Man konnte nur nicht zu ihr gelangen.

Zwanzig Jahre später ging Feodanow noch einmal hin.

Was hatte sich verändert?

Nichts.

Die Schienen waren noch da. Die Häuser waren noch da. Die Armut war noch da. Nur die Menschen waren weniger geworden.

Und dann hörte ich 2026 eine andere Rechnung. Russland habe etwa 150.000 Dörfer. Würde man aus jedem nur zwei Männer holen, wären das 300.000 Mann für den Krieg.

Mich erschreckte die Kälte dieser Rechnung. Aber fast noch mehr erschreckte mich die Zahl der Dörfer.

150.000.

Ich hielt sie zunächst für übertrieben. Sie war es nicht. Bei der Volkszählung 2021 wurden in Russland mehr als 153.000 ländliche Siedlungen gezählt. In ihnen lebten rund 37 Millionen Menschen. Drei Viertel der Russen lebten längst in Städten. Mehr als 80.000 dieser Orte hatten weniger als hundert Einwohner. Fast 25.000 waren bereits leer.

Plötzlich bekam Sankino eine andere Dimension.

Vielleicht war es gar keine Ausnahme. Vielleicht lag es nur weiter vorne in einer Entwicklung, die anderswo noch nicht zu Ende war.

Und ich fragte mich: Wie kommt ein Mensch von dort eigentlich heraus?

Von außen betrachtet schien die Antwort einfach: Man geht.

Aber auch das Fortgehen hat Voraussetzungen. Eine Schule, die einem etwas mitgibt. Eine Straße, einen Bahnhof, ein Auto. Geld für die Reise und für die ersten Wochen danach. Vielleicht jemanden, der am anderen Ende wartet. Eine Arbeit. Eine Wohnung. Und zumindest die Vorstellung, dass dort draußen etwas anderes möglich ist.

Wer kein Auto hatte, brauchte jemanden mit einem. Wer kein Geld hatte, brauchte jemanden, der welches hatte. Wer keine Ausbildung hatte, brauchte eine Arbeit, für die keine verlangt wurde.

Wer nichts davon hatte, blieb.

Vielleicht war Sankino deshalb eine Art Ghetto. Nicht das Ghetto, wie ich das Wort kannte. Keine Mauern, keine Tore, niemand, der kontrollierte, wer hinausdurfte. Niemand musste die Menschen dort festhalten.

Die Mauer bestand aus Entfernung, Armut und fehlenden Möglichkeiten.

Und gerade weil sie unsichtbar war, konnte man behaupten, es gebe sie nicht. Jeder durfte gehen. Theoretisch.

Aber Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit sind nicht dasselbe.

Ein Mensch aus Moskau und ein Mensch aus Sankino konnten dieselbe Freiheit besitzen und dennoch vollkommen verschiedene Möglichkeiten haben, von ihr Gebrauch zu machen.

Vielleicht war das Gravitation.

Nicht die Unmöglichkeit, sich zu bewegen. Sondern die unterschiedliche Kraft, die man aufbringen musste, um sich bewegen zu können.

So wurde aus Entfernung Abgeschiedenheit. Und aus Abgeschiedenheit irgendwann Schicksal.

Der Ort, an dem man geboren wurde, bestimmte nicht nur, wo man begann. Er bestimmte immer stärker auch, wie weit man überhaupt kommen konnte.

Nicht absolut. Menschen entkamen solchen Orten. Meine Schwiegermutter hatte es auf ihre Weise selbst gesagt: Man hatte es herausgeschafft.

Aber gerade dieses Wort verriet etwas.

Herausgeschafft.

Man sagte nicht, man sei einfach umgezogen.

Vielleicht war das das Verstörende an Sankino. Man sah keine Katastrophe. Kein Erdbeben, keinen Krieg, keine Ruinen nach einem Angriff. Man sah ein Dorf.

Und man begriff langsam, dass hier nichts geschehen musste, damit ein Ort zugrunde ging.

Es genügte, dass nichts geschah.

Zwanzig Jahre lang.

Ich wusste, Sankino war nicht Russland. Aber es gehörte dazu. Der Glanz und die Scham. Wie passte das zu diesem großen und ewigen Versprechen: Wir lassen niemanden zurück?

Und dann diese Rechnung: zwei Männer aus jedem Dorf.

Plötzlich waren diese Orte nicht mehr zu weit weg, nicht mehr zu klein, nicht mehr zu unbedeutend. Jahrzehntelang hatte es für vieles nicht gereicht. Nicht für Straßen. Nicht für Verbindungen. Nicht für eine Zukunft, die einen dort hätte halten können.

Aber für den Krieg waren selbst diese Orte noch gut genug.

Vielleicht war das die letzte Ironie von Sankino.

Der Staat hatte das Dorf beinahe vergessen.

Die Männer nicht.

Am Ende blieb Tupik. Nicht mehr nur als Wort für eine Sackgasse, sondern als Zustand.

Eine Wand vor dem Kopf – und irgendwann der Schmerz, weil man trotzdem versucht, durch sie hindurchzukommen.

Und irgendwo dazwischen der selbstgebrannte Wodka. Gegen die Kälte, gegen die Langeweile, gegen den Schmerz. Vielleicht auch gegen die Erkenntnis, dass die Wand am nächsten Morgen noch immer da sein würde.