DIE ANNÄHERUNG

Ich habe die Bilder noch vor mir.

Silvester 1994. Jelzin sprach im Fernsehen. Wir tranken Krimsekt im Hotel Rossija auf der Krim und lachten im überfüllten Restaurant. Man nahm ihn nicht ernst. Das Volk schien unberührt von dem, was oben lief.

Obwohl hier auf der Krim mehrheitlich Russen das neue Jahr feierten, wirkte es fast wie eine Tradition, gerade hier zu sein. Der Ukrainer feierte zu Hause, der städtische Russe hier. Aus Moskau zum Krim-Silvester – ein Statusritual. Freilich nur für den, der es sich leisten konnte, aber das gehörte dazu: zu zeigen, dass man es konnte.

Ich war neu hier. Und verliebt. Vom Westen nur wenige Flugstunden entfernt.

Es elektrisierte mich, wie die Menschen dachten und lachten. Obwohl vieles düster schien, lag über allem eine merkwürdige Gewissheit: Morgen wird der Tag schön. Man saß hier zusammen, um genau darauf anzustoßen.

Silvester auf der Krim zu feiern, war beliebt, fast eine Demonstration des Neuen, wie mir schien. Die warme, beinahe subtropische Luft, Palmen vor Augen, lieferten das Argument. Und es war billig. Mit hundert Dollar in bar konnte man Feste feiern und war damit jemand – in einer Zeit, in der Zwei-Zimmer-Wohnungen in der Stadt für dreitausend Dollar verkauft wurden.

Die Gäste waren herausgeputzt, mitunter in grellen Farben, und trugen einen gewissen Stolz zur Schau. Einen Stolz, den man manchmal Gefangenen ansieht, die freigelassen wurden.

Wir haben das hinter uns. Was soll uns noch stören.

Dem Westen mit einer gewissen Satire zu begegnen, schien möglich. Ein besseres Leben auch.

Im Fernsehen lief nur Stunden nach Neujahr „Kukla“, eine Puppensendung, in der Politiker als Figuren auftraten. Man lachte über sie. Über alle. Die Sendung lief überall, jeder verstand sie. Für einen Moment schien es, als könne man sogar über die Macht lachen. Eine Sensation.

Bis zur Abdankung Jelzins zum Jahreswechsel 1999 blieb dieses andere Russland sichtbar. Ein Russland, das zugleich vermittelte: Kümmert euch um euch selbst. Wir sind im Sinken, um den eigenen Erhalt besorgt. Während eine kleine Gruppe von Oligarchen ihr Spiel spielte, war die Freiheit der neunziger Jahre laut, erschöpft und unsicher.

Viele begannen, sie gegen Ordnung einzutauschen.

Aus dieser Welt heraus entstand Putin. Im Laufschritt vom KGB zum Ministerpräsidenten, durchgewunken, durch St. Petersburger „Erfolg“ ins Licht gehoben. Er wirkte zunächst wie ein Projekt: jung, leise, diszipliniert, anders als die lauten Männer der neunziger Jahre. Fast weltmännisch.

Und es dauerte nicht lange, bis selbst in der Ukraine zu hören war:

Auch wir brauchen so einen Mann.

Trotzdem gab es bald Zeichen. Extreme Krisen. Manche entstanden, andere wurden genutzt: 1999 die Moskauer Bombenanschläge und Tschetschenien, 2000 die Kursk, 2001 die Übernahme des Fernsehsenders NTV, 2002 das Nord-Ost-Theater, 2003 die kleine ukrainische Insel Tusla und die Verhaftung Chodorkowskis, 2004 Beslan.

Man hätte besser hinhören sollen.

Aber niemand traute sich.

Selbst im Fernsehen sprach man von Demokratie, von Aufklärung, von Pressefreiheit. Ein Moderator namens Kisseljow erklärte, was Journalismus sein sollte – und nicht nur er. Es war etwas Neues in der Luft.

Heute spricht derselbe Mann vor einem Millionenpublikum über Atombomben, die man einsetzen sollte. Eine Veränderung der Position, als kluger Wandel verkauft.

Während die Opposition bereits warnte und Nemzow ab 2000 offen Sturm lief, hieß es abwertend: Das ist eben die Opposition. Demokratie eben.

Die Welt dagegen schaute erstaunt auf diesen neuen Mann, der die Wirtschaft förderte und Moskau – unter Luschkow – wachsen ließ, während steigende Öl- und Gaspreise die Kassen füllten. Deutschland schloss Freundschaft. Bei Bier und Sauna zeigte man sich einig: Europa braucht Russland, Russland bleibt ein unverzichtbarer Partner. Kritik trat dahinter zurück.

Mir war es damals egal. Aber man sprach darüber. Im Haus, auf der Straße.

Wir lebten in der Ukraine. Und Russland war dort.

Während Russland nach Ordnung suchte, kämpfte die Ukraine noch damit, sich in ihrem neuen Selbst zu finden. Wir hatten unseren eigenen Präsidenten, und der beschäftigte uns genug – mit Korruption und langsamen Reformen. Dass die alten Netzwerke im Hintergrund einfingen, was sich bewegte, sahen wir damals nicht.

Wir hatten andere Sorgen, bei mitunter nur acht Grad in Wohnungen, deren Wände aus acht Zentimetern Stahlbeton bestanden. Zu jener Zeit traf man noch Kinder, die aus Kanalluken krochen. Sie schnüffelten Klebstoff und blieben in der Wärme der Schächte verborgen.

Abends lief der Fernseher wie ein Lagerfeuer, das auch brodeln konnte. Skandale wurden gezeigt, und Filme wie „Schit tak nielsa“ erreichten das Land über die Grenzen hinweg. Fernsehen hieß aber auch russisches Fernsehen: progressiv, neu und schneller in der Entwicklung als das eigene Programm.

Auf der Krim und im Osten sprach man vorwiegend Russisch, speziell in den Städten. Man musste es auch, Verwaltung war dort. In Kiew und weiter westlich hörte man mehr Ukrainisch.

Eine Bäuerin, bei der ich regelmäßig Säcke mit Zwiebeln kaufte, hieß Gulnara. Sie war Tatarin. Einmal erklärte sie mir, warum gerade der Osten und die Krim so russisch geprägt waren.

Als in sowjetischer Zeit, besonders seit den fünfziger Jahren, die Industrie im Donbass und auf der Krim erweitert wurde, kamen Arbeiter aus vielen Teilen der Union, auch aus Russland. Ingenieure, Techniker, ganze Brigaden. Die Kohle war da, also nutzte man sie. Man brauchte Kohle und Stahl, und Stahlwerke standen dort schon seit der Zarenzeit, von Ausländern gebaut.

Sie wurden hierher geschickt, in das, was man spöttisch Bauernland nannte. Nicht immer die Besten. Sie kamen auf Listen, wurden nach Moskau geschickt, abgesegnet – Menschen, die man im eigenen Betrieb entbehren konnte.

Auf der Krim baute man nach der Übergabe an die Ukraine den Kanal. Die Landwirtschaft lag am Boden, auch als Folge der Deportation der Tataren. Neue Arbeiter kamen, viele von ihnen lebten in schnell gebauten Siedlungen am Rand der Städte. Doch sie blieben. Hier war es wärmer, das Essen besser, die Märkte voller.

In den achtziger Jahren kamen sogar Polen in die Ukraine zum Einkaufen – Nägel, Fernseher, Dinge, die es bei ihnen kaum gab, vor allem in Lwiw. Es zeigte ein anderes Land: voller, bewegter, unmittelbarer als viele Regionen Russlands, Moskau und St. Petersburg ausgenommen.

Die Menschen arbeiteten, bauten Häuser, zogen Kinder groß. Eine Generation wuchs auf, die eine neue Wirklichkeit erlebte: andere Werte, andere Mittel, ein stärkeres Gewicht des eigenen Ichs. Kulturelles und Soziales verschob sich.

Und doch blieb etwas bestehen: Erzählungen, Fotos, das Gefühl des Vertrauten, die Ruhe, die Ordnung, die man kannte. Man war hier und doch nie ganz von hier. Nicht geflohen, sondern versetzt. Neu eingewurzelt, mit dem Rest im Brudervolk vermischt. So blieb Stolz zurück, aber als Verletzung.

Dann hieß es: Ukraine. Neue Sprache, neuer Pass.

Viele Jahre später hörte man auf der Krim oft denselben Satz:

Wir sind doch eigentlich Russland.

Als 2014 plötzlich wieder Fahnen auftauchten, klang darin etwas mit, das lange vorher begonnen hatte. Es wirkte wie ein Reflex, der viele berührte, vor allem die Älteren, die der Veränderung lange widerstanden hatten und nun selbst eine wählten: eine Veränderung zurück zum Alten, mit vertrauten Versprechen.

In solchen Momenten öffnet sich etwas, das später niemand mehr schließen kann. Die alten Kräfte kehren nicht zurück. Sie werden neu entfesselt.