IST ES DENN SO ?

1991 löste sich die Sowjetunion auf. Kein Feind stand vor den Toren, kein Sieg wurde errungen. Der Staat brach nicht unter äußerem Druck zusammen.

Er zerfiel an sich selbst – eine verschleppte Insolvenz der Geschichte.

Die Mauern standen längst im Inneren: mentale Mauern, gebaut aus Angst vor Vergleich und aus der Gewöhnung an eine Ordnung, die sich selbst für notwendig hielt.

Zurück blieben fünfzehn Nachfolgestaaten. Verfassungen, Parlamente, Grenzen und Namen waren zum großen Teil längst vorhanden. Neu war, dass diese Grenzen nun tatsächlich staatliche Grenzen waren und aus formaler Eigenständigkeit politische Souveränität wurde.

Doch Freiheit trat nicht überall als Befreiung auf. Sie konnte auch wie ein Zustand ohne Schutz erscheinen.

Der entblößte Kern fror.

Vielleicht wurde später etwas zu schnell benannt. Immer wieder ist vom Verlust des Status die Rede, vom Verlust des Imperiums, von jener „größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Auch in Europa wird diese Erklärung gern übernommen, als liege darin bereits der Schlüssel zu allem, was danach kam.

Mir erschien sie immer zu einfach.

Denn was genau war verloren gegangen?

Russland war noch da. Seine Sprache, seine Städte, seine Kultur, seine Menschen. Selbst vieles von seiner Macht blieb. Verschwunden war etwas anderes: ein Raum, in dem das Zentrum nicht erklären musste, warum es Zentrum war. Eine Ordnung, die Zugehörigkeit definierte, Grenzen relativierte und Menschen sagte, wo ihr Platz war.

Mit ihr verschwand nicht das Land, sondern ein Teil seiner Selbstverständlichkeit.

Ein Ukrainer war plötzlich Bürger eines anderen Staates. Ein Georgier ebenso, ein Este, ein Kasache. Was zuvor innen gelegen hatte, lag nun außen. Aus gemeinsamem Raum wurden Grenzen, Botschaften, eigene Gesetze und ein eigener Wille.

Daran musste man sich gewöhnen.

Oder man konnte beginnen, diese Veränderung für einen Fehler zu halten.

Genau hier wird die Frage nach dem Imperium interessant. Denn bevor man behauptet, ein Land leide an dessen Verlust, müsste man klären, was ein Imperium überhaupt ausmacht. Ist es Größe, Fläche, militärische Macht, Kultur? Oder beginnt es dort, wo ein Zentrum über andere Länder, Menschen und Ressourcen verfügen kann?

Aus dem Zentrum betrachtet sieht ein Imperium anders aus als von seinem Rand. Was hier als Größe erinnert wird, kann dort Eroberung, Unterwerfung, Enteignung oder Vertreibung heißen.

Vielleicht verwechseln wir dabei zu oft das Imperium mit den Menschen, die in ihm lebten. Hat das Imperium Tolstoi hervorgebracht, oder lebte Tolstoi in einem Imperium? Verdankte Achmatowa ihre Gedichte der Herrschaft, unter der sie lebte, oder schrieb sie trotz ihr? Wurde Bulgakow durch den Staat groß oder trotz seiner Zensur?

Wir schreiben Staaten gern zu, was Menschen geschaffen haben: Paläste, Literatur, Musik, Ballett, Wissenschaft. Irgendwann wird aus der Leistung einzelner Menschen die Größe des Reiches.

Vielleicht ist das eine der ältesten Täuschungen der Macht. Sie schmückt sich mit dem, was unter ihr entstanden ist, und nennt es ihren Verdienst.

Kultur schaffen Menschen. Herrschaft schafft vor allem die Bühne, auf der sie sich mit dieser Kultur schmücken kann.

Das bedeutet nicht, dass in Imperien keine große Kultur entsteht. Im Gegenteil. Aber die Größe eines Dichters beweist nicht die Größe der Ordnung, unter der er leben musste.

Gerade deshalb scheint mir die übliche Erklärung vom verlorenen Imperium verkehrt herum. Russland wurde nicht imperial, weil es einmal ein Imperium besessen hatte. Eher konnte ein Imperium entstehen, weil politische Ordnung über lange Zeit voraussetzte, dass andere Räume verfügbar, andere Völker einzuordnen und Größe auch daran zu messen sei, wie weit die eigene Macht reichte.

Dann wäre das Imperium nicht Ursache dieser Denkweise.

Es wäre ihr Ergebnis.

Das verändert die Frage. Warum konnten andere ehemalige Imperien irgendwann akzeptieren, dass das, was ihnen gehört hatte, ihnen nicht mehr gehörte?

Nicht weil sie ihre Geschichte vergaßen oder plötzlich moralisch geworden wären. Herrschaft über andere verlor vielmehr ihre Selbstverständlichkeit. Der Staat musste zunehmend aus dem Leben seiner eigenen Bürger begründen, warum er existierte – nicht aus der Fläche, über die er verfügen konnte.

Ein Imperium fragt nach Reichweite.

Eine Gesellschaft muss irgendwann fragen, wie ihre Menschen leben.

Ich erinnere mich an einen Satz aus Russland, halb scherzhaft, halb bitter:

„Wir sind das größte Land der Welt. Einen Parkplatz haben wir trotzdem nicht.“

Damals musste ich lachen. Heute erscheint mir darin erstaunlich viel.

Wo Wohlstand, Freiheit oder politische Teilhabe fehlen, kann die Größe des Staates etwas ersetzen. Der Einzelne mag arm, abhängig oder machtlos sein – aber er gehört zu etwas Großem. Diese Größe wird ihm gewissermaßen geliehen.

Und wenn man sie lange genug als eigene empfindet, wird auch ihr Verlust persönlich.

Dann verliert nicht nur der Staat Einfluss. Man selbst verliert etwas. Die Unabhängigkeit eines Nachbarn kann zur Kränkung werden, sein eigener Weg nicht als selbstverständliches Recht, sondern als Abkehr erscheinen. Vielleicht sogar als Verrat.

Gerade bei der Ukraine wurde das sichtbar. Ihre Eigenständigkeit bedeutete mehr als die Veränderung einer Grenze. Sie stellte eine ältere Vorstellung infrage: dass dieser Raum trotz aller Unterschiede irgendwie zusammengehöre und Russland darin der natürliche Mittelpunkt sei.

Wer sich löst, beweist etwas Unangenehmes:

Herrschaft ist kein Schicksal.

Vielleicht erklärt das auch die Härte gegenüber jenen, die gehen. Nicht nur in der Politik, auch im Kleinen. Derjenige, der bleibt, kann den Ausbruch des anderen als Angriff erleben, weil dessen Freiheit zeigt, dass auch er hätte wählen können.

Dann richtet sich der Zorn nicht gegen das Fremde, sondern gegen das Freigewordene.

Aus Verlust kann so Anspruch werden. Der Nachbar erscheint nicht mehr als gleichwertiges Gegenüber, sondern als Teil der eigenen Geschichte. Seine Sprache, seine Erinnerung und seine Städte werden zu Beweisen einer gemeinsamen Vergangenheit – und aus dieser Vergangenheit wird ein Recht auf Gegenwart abgeleitet.

Was einmal verbunden war, soll verbunden bleiben. Was einmal beherrscht wurde, darf sich nicht vollständig entziehen.

Vielleicht beginnt imperiales Denken genau dort: wo Größe nur noch als Rangordnung gedacht werden kann und ein großes Land kleinere braucht, um die eigene Größe zu empfinden. Gleichwertigkeit fühlt sich dann bereits wie Verlust an.

Ich würde das den imperialen Imperativ nennen.

Nicht das Imperium erzeugt ihn.

Er erzeugt das Imperium.

Damit bekommt auch der Zerfall von 1991 eine andere Bedeutung. Wer den Verlust von Kontrolle mit dem Verlust des eigenen Landes verwechselt, kann sich schwer verabschieden. Der Abzug von Truppen erscheint dann wie Vertreibung, eine neue Grenze wie Verstümmelung, die Freiheit des anderen wie die eigene Niederlage.

Aus einer historischen Veränderung wird eine offene Rechnung.

Vielleicht lag darin tatsächlich die Katastrophe von 1991 – nur nicht dort, wo sie später verortet wurde. Nicht darin, dass ein Imperium zerfiel, sondern darin, dass sein Zentrum nie vollständig akzeptierte, dass die anderen danach nicht mehr zu ihm gehörten.

Aus dieser Verwechslung konnte kein wirklicher Abschied entstehen.

Nur der Versuch, Geschichte rückgängig zu machen.

Nicht aus Nostalgie allein, sondern weil ein Land, das Größe mit Herrschaft verwechselt, den Verlust von Herrschaft irgendwann wie den Verlust seiner selbst empfindet.