ARCHIV
Was bleibt im Archiv einer Gesellschaft – und was verschwindet daraus?
Manche Ereignisse liegen ganz vorne, andere stehen im hintersten Regal. Der russische 12. Juni 1990 gehört dazu. Der Oktober 1993 ebenso. Der Maidan auf seine eigene Weise.
Vielleicht beginnt Vergessen nicht erst dort, wo Geschichte verschwiegen wird. Vielleicht beginnt es bereits mit ihrer Nennung.
Wer einmal gelernt hat, Sowjetunion und Russland gleichzusetzen, stößt irgendwann auf eigentümliche Widersprüche. Bandera gilt als ukrainischer Nationalist, obwohl Russen und Ukrainer doch angeblich immer ein Volk gewesen sein sollen. Der Hitler-Stalin-Pakt dagegen erscheint oft nur als Episode einer sowjetischen Geschichte, deren russischer Mittelpunkt kaum hinterfragt wird.
Die Ukraine soll niemals ein eigenständiges politisches Subjekt gewesen sein. Und doch bestand Stalin 1945 darauf, dass sie einen eigenen Sitz in den Vereinten Nationen erhielt. Ausgerechnet jener Staat, dessen Eigenständigkeit später bestritten wurde, bekam eine eigene Stimme.
Russland spricht vom Recht auf Sicherheit und gründet nach dem Zerfall der Sowjetunion eigene Militärbündnisse. Dass seine Nachbarn aus demselben Bedürfnis heraus andere Bündnisse suchten, erscheint dagegen als Provokation. Der Donbass wird zum Beweis ukrainischer Aggression, während die Annexion der Krim aus demselben Bild rückt. Von ukrainischem Nationalismus ist häufig die Rede; dass Putin sich selbst den größten Nationalisten Russlands nannte, wirkt beinahe wie eine Randnotiz.
Auch die russische Sprache gehört zu diesen Merkwürdigkeiten. Man spricht über ihre Unterdrückung, seltener darüber, dass ihre freie Entwicklung in der ukrainischen Verfassung ausdrücklich genannt wird.
Manchmal genügt ein einziger Name: Anna von Kyjiw, Tochter Jaroslaws des Weisen, Königin von Frankreich. Sie kam aus Kyjiw an den französischen Hof – Jahrhunderte bevor es Russland überhaupt gab. Auch dieses Dokument liegt im Archiv. Man muss es nur aufschlagen.
Und schließlich die einfachste aller Fragen: Seit wann gibt es die Ukraine? Die Antwort lautet meist: seit 1991.
Dasselbe gilt für die Russische Föderation.
Im einen Fall beendet diese Jahreszahl jede Diskussion. Im anderen beginnt sie erst.
Wer benennt, ordnet. Und wer ordnet, entscheidet mit darüber, was sichtbar bleibt und was verschwindet.
Ich fragte einmal einen Russen, was am 12. Juni gefeiert wird. Ich wusste, dass er es nicht wusste.
„Der Tag Russlands.“
„Und warum gerade an diesem Tag?“
Er dachte nach. Dann blieb die Antwort aus.
Dabei erzählt kaum ein anderes Datum so viel über Russland wie dieses. Der 12. Juni erinnert an die Erklärung der staatlichen Souveränität der Russischen Sowjetrepublik. Nicht der Ukraine, nicht der baltischen Staaten – Russlands. An jenem Tag erklärte sie, dass ihre eigenen Gesetze künftig Vorrang vor denen der Sowjetunion haben sollten.
Das Zentrum begann, sich von seinem eigenen Zentrum zu lösen. Noch vor dem Zusammenbruch verabschiedete das russische Parlament diesen Beschluss. Fast wirkte es, als versuche das Zentrum, seinem eigenen Zerfall zuvorzukommen.
Es war kein Aufstand gegen Moskau.
Moskau selbst war der Aufstand.
Und es war zunächst kein nationalistischer Aufstand gegen eine fremde Macht, sondern ein Machtkampf innerhalb derselben politischen Ordnung. Der Konflikt spielte sich nicht an den Rändern des Imperiums ab, sondern in seinem Inneren.
Boris Jelzin kämpfte nicht gegen die Ukraine. Er kämpfte gegen Michail Gorbatschow, gegen den Machtanspruch der sowjetischen Institutionen und damit gegen einen Staat, dessen größte und wichtigste Republik Russland selbst war.
Wenig später formulierte Jelzin einen Satz, der heute fast vergessen ist: Die Republiken sollten sich so viel Souveränität nehmen, wie sie tragen könnten. Es war eine Einladung, die Macht des sowjetischen Zentrums aufzulösen. Nicht aus Kiew, nicht aus Vilnius, sondern aus Moskau.
Erst einen Monat später, am 16. Juli 1990, verabschiedete auch die Ukraine ihre Erklärung über die staatliche Souveränität. Sie folgte damit einem Weg, den Russland bereits eingeschlagen hatte.
Wer den Zerfall der Sowjetunion ausschließlich als Abspaltung ihrer Republiken erzählt, erzählt deshalb nur einen Teil der Geschichte. Ein entscheidender Bruch entstand im Zentrum selbst.
An diesen Gedanken musste ich denken, als ich mit Russen über den Maidan sprach.
Für sie war er ein Putsch. Für viele Ukrainer hingegen eine Revolution gegen Präsident Janukowytsch und ein System, das sie als korrupt und von Moskau abhängig empfanden. Zwei Erinnerungen standen sich gegenüber. Jede Seite erklärte die Geschichte der anderen, über die eigenen Brüche wurde weit weniger gesprochen.
Dabei überraschte mich, wie detailliert viele Russen über den Maidan informiert waren. Sie wussten, wer auf dem Platz stand, welche Politiker auftraten und welche Staaten Einfluss genommen haben sollen. Der Maidan erschien als Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart.
Fragte man dagegen nach dem Oktober 1993 in Moskau, wurde das Wissen plötzlich dünn. Präsident Jelzin ließ damals das Weiße Haus beschießen, um den eskalierten Verfassungskonflikt mit Gewalt zu beenden. Hunderte Menschen starben. Fragt man weiter nach Ruslan Chasbulatow, der an der Spitze des Parlaments gegen Jelzin stand, bleibt es oft still.
Dabei war dies einer der tiefsten Einschnitte der jüngeren russischen Geschichte. Die Anhänger Jelzins bezeichneten das Vorgehen der Gegenseite als Putschversuch, diese wiederum sah sich als Verteidigerin der damaligen Verfassung.
Doch dieser blinde Fleck ist kein russisches Phänomen. Auch wir lernen die Geschichte der anderen oft gründlicher als unsere eigene. Wir kennen Putins Reden, aber weit weniger die politischen Debatten, aus denen unsere eigenen Entscheidungen hervorgehen. Fremde Revolutionen verfolgen wir aufmerksam, während die eigenen Konflikte langsam verblassen.
Vielleicht liegt darin eine einfache Psychologie. Das Fremde fordert Aufmerksamkeit, weil es gefährlich, unberechenbar oder erklärungsbedürftig erscheint. Das Eigene dagegen wird selbstverständlich. Gerade deshalb wird es seltener hinterfragt.
So wird jede Seite zum Spezialisten für die Widersprüche des anderen.
Und manchmal bleibt am Ende ein Feiertag bestehen, während die Geschichte, an die er einst erinnerte, langsam ins hinterste Regal wandert.
Archive vergessen nichts.
Menschen schon.