DER VERTRAG
Ich hatte mir wieder Zeit genommen. Ich wollte tiefer gehen, auffrischen, was längst im Archiv des Lebens verstaubt lag.
Ich sah Dokumentationen.
Inzwischen wusste ich aber auch, wie vorsichtig man damit sein muss. Nicht nur, was gezeigt wird, sondern auch, wer erzählt und mit welcher Absicht. Stimmen die Bilder mit den eigenen Erfahrungen überein, entsteht etwas Wertvolles. Man versteht die Vergangenheit besser – mit Ruhe, mit Abstand und aus mehreren Perspektiven.
Eine Dokumentation aus Deutschland handelte von den Zaren, von Katharina der Großen und vom Krimkrieg. Beinahe beiläufig fiel der Satz, Katharina habe Städte wie Odessa und Sewastopol geschaffen.
So einfach ist Geschichte jedoch selten.
Beide Orte hatten bereits eine lange Vorgeschichte. Auf dem Gebiet des heutigen Odessa lag Hadschibey. Auch Sewastopol entstand nicht auf unberührtem Boden. Dennoch beginnen viele Erzählungen genau hier – mit Russland. Frühere Schichten verschwinden, das Narrativ bleibt bestehen.
Die Krim war einer der wenigen Orte, an denen man den Unterschied zwischen Geschichte und Geschichtsschreibung beinahe mit den eigenen Füßen betreten konnte. Wer dort lebte, merkte schnell, dass Geschichte nicht mit Russland begann. Sie begann auch nicht mit der Ukraine, nicht einmal mit den Tataren.
Überall lagen Spuren früherer Kulturen. Griechen gründeten Städte. Römer, Byzantiner, Genuesen, Tataren und Osmanen hinterließen ihre Spuren. Jede Epoche legte eine weitere Schicht über die vorherige, ohne sie vollständig auszulöschen.
Wer als Tourist nach Sewastopol kam, besuchte fast zwangsläufig Chersonesos. Die antiken Mauern lagen nur wenige Minuten vom Hafen entfernt. Man sah mit eigenen Augen, dass hier Menschen gelebt hatten, lange bevor Russland existierte.
Und doch wurde derselbe Ort häufig so erzählt, als führe seine gesamte Geschichte zwangsläufig auf Russland zu. Griechen, Römer, Byzantiner, Genuesen, Tataren und Osmanen erschienen nur noch als Vorstufen. Die eigentliche Geschichte begann angeblich erst mit Katharina II.
Genau darin verstand ich zum ersten Mal den Unterschied zwischen Geschichte und Geschichtsschreibung. Geschichte umfasst alles, was geschah. Geschichtsschreibung entscheidet auch, an welchem Punkt sie zu erzählen beginnt.
Nicht das Erfinden von Geschichte verändert das Bild. Manchmal genügt die Entscheidung darüber, wo sie beginnt.
Dann zerfiel die Sowjetunion.
Plötzlich stellte sich eine Frage, die auf Landkarten einfach aussah und in Wirklichkeit kaum lösbar war: Wem gehörte die Schwarzmeerflotte?
Die Schiffe lagen in Sewastopol. Der Hafen befand sich nun auf ukrainischem Staatsgebiet. Jahrzehntelang hatte die Flotte einer Union gehört, die plötzlich nicht mehr existierte. Nun mussten Menschen entscheiden, wem sie dienen wollten.
Die Dokumentation zeigte Interviews mit Offizieren und Seeleuten. Viele waren bereit, ihren Eid auf die Ukraine abzulegen. Ihr früherer Eid hatte nicht Russland gegolten, sondern der Sowjetunion, und die gab es nicht mehr.
Doch solche Entscheidungen blieben selten ohne Folgen. Wer sich offen zur Ukraine bekannte, musste damit rechnen, dass der Kindergartenplatz der Kinder verschwand, die Aussicht auf eine Wohnung schlechter wurde oder die berufliche Laufbahn endete. Nicht überall, nicht immer. Aber oft genug, um Zweifel zu säen. Aus einer militärischen Entscheidung wurde eine persönliche.
Während die Präsidenten Boris Jelzin und Leonid Kutschma über die Zukunft der Flotte verhandelten, begann auf der Krim längst ein anderer Kampf. Nicht mit Waffen, sondern mit Einfluss, Verwaltung und Loyalitäten – mit dem Versuch, Tatsachen zu schaffen, bevor Verträge sie festschreiben konnten.
Damals verstand ich, dass Konflikte selten erst mit Panzern beginnen. Sie beginnen viel früher, mit der Frage, wem Menschen ihre Zukunft anvertrauen.
Dass Menschen ihren Eid wechselten, beschäftigte mich dabei weniger. Staaten entstehen, Staaten verschwinden. Ein Eid kann seinen Adressaten verlieren. Was bleibt von ihm, wenn der Staat, dem er galt, nicht mehr existiert?
Plötzlich stand nicht nur ein Staat zur Disposition, sondern die eigene Biografie. Wem hatte ich gedient? War mein Eid bedeutungslos geworden? Und wem sollte ich nun dienen?
Mehr beschäftigte mich etwas anderes: dass jemand glaubte, Überzeugung durch Einfluss ersetzen zu können. Was später als Einflusssphäre erschien, war häufig weniger das Ergebnis gemeinsamer Werte als eines Netzes aus Abhängigkeiten, Privilegien und Gefälligkeiten – von einzelnen Menschen bis hin zu Regierungen und Staaten.
Vielleicht vertraut gerade derjenige, der die größte Loyalität einfordert, ihr am wenigsten. Also versucht er, sie zu sichern: mit Wohnungen, Kindergartenplätzen, Beförderungen, Vorteilen oder deren Entzug. Nüchtern, berechnend, im Glauben zu wissen, wie Menschen funktionieren.
Doch damit verändert sich die Loyalität selbst. Wer davon ausgeht, dass jeder Mensch einen Preis besitzt, behandelt Überzeugung wie eine Ware. Und manchmal sogar ganze Staaten.
Vielleicht verrät Macht gerade darin ihr Menschenbild. Sie glaubt nicht mehr daran, dass jemand aus Überzeugung bei ihr bleibt, und schafft deshalb Abhängigkeiten, die Loyalität ersetzen sollen. Was dabei als Fürsorge, Belohnung oder Verantwortung erscheint, folgt einer einfacheren Logik: Wer etwas erhält, hat etwas zu verlieren.
In den Berichten über die Schwarzmeerflotte schien genau das zu geschehen. Der Eid trat in den Hintergrund. An seine Stelle traten Wohnungen, Kindergartenplätze, Beförderungen und Nachteile. Nicht mehr allein die Überzeugung entschied, sondern zunehmend die Konsequenzen.
Damit verändert sich auch der Eid. Sein Wert liegt gerade darin, dass er unabhängig vom Vorteil gelten soll. Sobald der Vorteil darüber entscheidet, wem jemand dient, wird aus Loyalität ein Geschäft.
Aus dem Eid wird ein Vertrag.
Vielleicht beginnt der Verfall einer Ordnung deshalb nicht dort, wo Menschen ihren Eid brechen, sondern dort, wo Macht selbst aufhört, an den Wert eines Eides zu glauben.