DAS LIEBIGSCHE FASS
Das Liebigsche Fass kennt man aus der Landwirtschaft. Dabei steckt darin vielleicht ein allgemeineres Prinzip. Ein System wird nicht unbedingt durch das begrenzt, was es besitzt, sondern durch das, was ihm fehlt. Justus von Liebig formulierte das Gesetz des Minimums ursprünglich für das Wachstum von Pflanzen. Später entstand daraus das Bild eines Fasses aus unterschiedlich langen Dauben. Man kann die längeren beliebig erhöhen. Mehr Wasser wird das Fass deshalb nicht halten. Entscheidend bleibt die kürzeste.
Ich musste an Russland denken. Nur geht es dort nicht um Wachstum. Das Wort, das man seit Jahrzehnten sehr viel häufiger hört, ist ein anderes: Stabilität. Nach den neunziger Jahren war das verständlich. Der Staat sollte wieder funktionieren, Gehälter bezahlen, Ordnung herstellen, entscheiden können.
Das Fass sollte halten.
Und Russland hatte viel: ein riesiges Territorium, Rohstoffe, eine große Armee, Atomwaffen, einen mächtigen Sicherheitsapparat. Beeindruckende Dauben. Über die Jahre wurden vor allem jene verlängert, die ohnehin schon lang waren. Der Sicherheitsapparat wurde größer, die Kontrolle dichter, die Macht des Zentrums umfassender. Später wurde selbst die Geschichte zu einer solchen Daube. Auch sie musste größer werden, ruhmreicher, eindeutiger.
Nur hält ein Liebigsches Fass deshalb nicht mehr Wasser. Eigentlich hätte man nun nach der kürzesten Daube suchen können. Aber vielleicht tat man genau das nicht. Das Fass war groß und voll. Was machte es schon, wenn irgendwo etwas herausrann? Es war genug da.
Darin könnte die Täuschung des Überflusses liegen. Wer viel hat, kann lange verlieren, ohne sich ärmer zu fühlen. Russland hatte Raum, Rohstoffe, Menschen, Zeit. Es schien von allem genug vorhanden zu sein.
Irgendwann aber fiel auf, dass das Fass nicht mehr so hielt wie zuvor. Man hätte noch einmal nach der kurzen Daube suchen können. Stattdessen zog man die Ringe enger. Das half eine Zeit lang. Dann kam noch ein Ring dazu und noch einer: mehr Kontrolle, mehr Zentralisierung, weniger Spiel zwischen den Dauben.
Bis irgendwann jemand rief: Es muss ein Deckel her.
Auch das erschien vernünftig. Der Deckel sollte vor Einfluss von außen schützen. Aus Einfluss wurde Einmischung, aus Einmischung Bedrohung. Der Deckel wurde schwerer. Und tatsächlich: Ein Deckel verschließt nicht nur. Er hält auch zusammen.
Nur hörte das Rinnen nicht auf. Vielleicht war inzwischen nicht mehr eine Daube zu kurz, vielleicht war das Holz alt geworden. Man konnte an einer Stelle flicken, und wenig später rann es an einer anderen. Also noch ein Ring. Der Deckel blieb.
Irgendwann entstand eine andere Idee: Wenn man schneller nachfüllt, als es herausrinnt, bleibt der Pegel gleich. Oder man stellt ein größeres Fass darum.
Dieser Gedanke ließ mich nicht los. Was wäre, wenn das äußere Fass die Ausdehnung ist?
Natürlich erklärt ein Fass keine russische Geschichte. Für Expansion gab es über Jahrhunderte zu viele Gründe. Aber der Gedanke an ihre Beharrlichkeit blieb.
Die Größe verlangt nach der Vertikale. Die Vertikale begründet sich mit der Größe.
Ein merkwürdiger Kreislauf.
Dabei wurde etwas übersehen. Während die Ringe enger wurden, gingen Menschen. Während der Deckel schwerer wurde, gingen Menschen. Und beim Versuch, das Fass größer zu machen, starben Menschen.
Vielleicht war von Anfang an das der Inhalt.
Dann bekommt auch die alte Gewissheit einen anderen Klang: Es ist genug da. Genug, um Verluste hinzunehmen.
Dafür braucht es keinen großen Plan. Eine Antwort folgt auf die andere. Was gestern noch genügte, verlangt morgen nach etwas mehr.
Am Ende sind die langen Dauben erhöht, die Ringe enger gezogen, ein Deckel daraufgesetzt und ein größeres Fass darum gebaut. Nur die kürzeste Daube ist noch immer dort. Vielleicht weiß inzwischen niemand mehr, welche es war.
In der Landwirtschaft gibt es längst eine andere Technik: die Tröpfchenbewässerung. Der Unterschied ist beinahe banal. Zum Fass muss man gehen, das Wasser ist dort. Bei der Tröpfchenbewässerung ist es umgekehrt: Das Wasser kommt dorthin, wo es gebraucht wird.
Ich musste noch einmal an Russland denken.
Vielleicht suchen wir schon die ganze Zeit an der falschen Stelle. Das Problem liegt womöglich gar nicht darin, dass eine Daube zu kurz ist.
Vielleicht ist es das Fass.