WO NIEMAND MEHR FRAGT

Selbst die schärfsten Kritiker Putins sagten irgendwann: Es ist Zeit aufzuhören.

Mich störte dieser Satz. Und er stört mich bis heute.

Er klang, als hätte sich jemand ausgetobt. Als ginge es um einen Streit, der zu lange gedauert hat. Man sagt es erst jetzt, nach fast zwölf Jahren Krieg, da man über Preise, Mangel und den eigenen Alltag klagt, da langsam zerbricht, was angeblich alles zusammenhielt. Während andere längst ihre Heimat und ihr Leben unter Bomben verloren haben.

Vielleicht liegt darin ein Kern des Problems: in der Überhöhung des eigenen Weltbildes. Wird der Mythos wichtiger als der Mensch, verliert das eigene Leben an Wert. Das des anderen erst recht.

Ähnlich stört mich der Satz von Putins größtem Fehler. Fehler können korrigiert werden. Verbrechen nicht. Die Wahrheit liegt tiefer, ebenso die Hybris.

Die größte Macht eines autoritären Systems ist vielleicht nicht die Angst, sondern die Überzeugung seiner Bürger, dass ihre eigene Haltung ohnehin nichts verändert. Solange der Krieg weit genug entfernt war, ließ man ihn geschehen. Und ich frage mich bis heute, wie eine Gesellschaft einen Krieg über Jahre mittragen kann, ohne wirklich dafür zu sein. Noch dazu gegen ein sogenanntes Brudervolk.

Man hörte Sätze wie: Hauptsache, wir gewinnen. Wir gewinnen auf jeden Fall. Die da oben werden schon wissen, was sie tun.

Propaganda muss nicht vollständig überzeugen. Es genügt, wenn sie verhindert, dass genügend Menschen handeln.

Jeder Diktator lebt auch von denen, die glauben, Politik gehe sie nichts an. Doch damit verschiebt sich die Frage: Warum konnte ein Diktator überhaupt entstehen?

Autoritäre Herrschaft beginnt lange vor der vollständigen Konzentration der Macht. Sie wird möglich, wo Bürger Verantwortung abgeben und sich daran gewöhnen, dass andere entscheiden. Die Macht eines Diktators misst sich deshalb nicht nur an seinen Anhängern, sondern auch an der Zahl derer, die glauben, unpolitisch bleiben zu können.

Wer über Generationen erlebt, dass Widerspruch wenig verändert und Gehorsam Sicherheit verspricht, kann beginnen, beides für den natürlichen Zustand zu halten. Autoritäre Herrschaft wird dann nicht mehr als Ausnahme empfunden, sondern als Normalität. Vielleicht liegt darin ihre größte Stärke.

Erst als die Folgen des Krieges den eigenen Alltag erreichten, begann sich etwas zu verändern. Langsam bekam auch der Mythos Risse, den man sich selbst erzählt und lange kaum hinterfragt hatte. Vielleicht auch deshalb, weil Hinterfragen Konsequenzen verlangt.

Was aber wäre geschehen, wenn nach der Verkündung der sogenannten „Spezialoperation“ Millionen Menschen in Russland ihre Arbeit niedergelegt hätten? Ein landesweiter Generalstreik für nur drei Tage. Fabriken, Eisenbahnen, Verwaltungen – nichts bewegt sich mehr.

Hätte das den Krieg beendet?

Ich weiß es nicht. Aber es geschah nicht.

Wenn ich mit Russen spreche, überrascht mich oft etwas anderes. Viele kennen die eigene Geschichte nur in groben Zügen oder haben ein Bild davon, das stark von staatlichen Erzählungen geprägt ist. Gleichzeitig werden historische Gewissheiten mit einer Vehemenz verteidigt, die kaum Widerspruch zulässt. Was nicht hineinpasst, gilt schnell als Unsinn oder Propaganda. Selbst überprüfbare Fakten führen dann nicht unbedingt zur Auseinandersetzung. Man weicht aus, zieht sich zurück, das Gespräch endet.

Nicht weil jeder jede Quelle geprüft hätte, sondern weil diese Erzählungen Teil des eigenen Selbstverständnisses geworden sind.

Dass die Sowjetunion 1922 von vier Unionsrepubliken gegründet wurde – der Russischen SFSR, der Ukrainischen SSR, der Weißrussischen SSR und der Transkaukasischen SFSR –, wissen viele nicht. Gleichzeitig begegneten mir Ukrainer, die sich erstaunlich gut mit russischer Geschichte auskannten.

Welche Stadt ist älter – Kyjiw oder Moskau? Was bedeutete ursprünglich der Begriff Malorossija? Einfache Fragen, auf die ich oft erstaunlich wenige Antworten bekam.

Stattdessen begegneten mir immer wieder dieselben Erzählungen: Der Westen wolle Russland zerstören, weil es so reich sei. Europa führe längst Krieg gegen Russland. Die Krim sei schon immer russisch gewesen. Russland habe nicht angefangen, sondern nur reagiert.

„Die Krim war immer russisch.“

„Wir haben nicht angefangen, wir haben nur reagiert.“

„Acht Jahre Geduld.“

Solche Sätze funktionieren gerade deshalb so gut, weil sie keine Geschichte erzählen müssen. Sie ersetzen sie. Kaum jemand stellt dann die andere Frage: Warum wollten so viele Nachbarstaaten nach dem Zerfall der Sowjetunion möglichst viel Abstand zu Russland gewinnen? Warum entschieden sich ehemalige Verbündete freiwillig für einen anderen Weg?

Vielleicht nicht, weil Russland zu schwach oder zu stark war, sondern weil sie eine Ordnung hinter sich lassen wollten, die viele mit Korruption, Willkür, Abhängigkeit und Angst verbanden.

Nicht jeder Russe glaubt diese Erzählungen. Aber wo sie nicht hinterfragt werden, können sie zur Grundlage einer Wirklichkeit werden, aus der Entscheidungen entstehen.

Kriege beginnen nicht erst mit dem ersten Schuss. Etwas beginnt früher: dort, wo Fragen verschwinden und Gewissheiten an ihre Stelle treten. Propaganda braucht nicht unbedingt Glauben. Oft genügt ihr das Ende des Zweifels.

Zweifler gab es immer. Doch sich gegen die Mehrheit und zunehmend auch gegen den Staat zu stellen, konnte einen hohen Preis haben.

Ein zentraler Unterschied zeigt sich im Verhältnis zur Ukraine. Viele – und nicht nur Russen – verstanden sie lange nicht als vollständig eigenständige Nation, sondern als Teil einer gemeinsamen, letztlich russisch gedachten Geschichte. Daraus konnte die Vorstellung entstehen, über ihre Zukunft mitentscheiden zu dürfen.

Dabei hatte Russland die Unabhängigkeit und Souveränität der Ukraine längst anerkannt – in internationalen Verträgen, durch Ratifizierungen und diplomatische Beziehungen. Das Problem war also nicht nur das Wissen um diese Verträge. Schwerer wog, dass ein eigener ukrainischer Weg von vielen nicht wirklich akzeptiert wurde.

Dieser Weg entfernte sich zunehmend vom russischen System. Die Ukraine versuchte, Korruption zurückzudrängen, den Staat anders zu verstehen und sich stärker an Europa zu orientieren. Vieles davon blieb unvollkommen, manches scheiterte. Aber gerade die Möglichkeit war entscheidend.

Ein erfolgreicher ukrainischer Weg hätte gezeigt, dass Veränderung möglich ist. Dass sich ein postsowjetisches Land anders entwickeln kann.

Darin konnte seine eigentliche Gefahr liegen. Nicht für Russland als Land, sondern für ein politisches System, dessen Stabilität auch von der Behauptung lebt, es gebe keine wirkliche Alternative.

Vielleicht erklärt das, weshalb die Ukraine in der staatlichen Propaganda zunehmend nicht nur als Nachbar, sondern als Bedrohung erschien. Die Ereignisse von 2014 wurden nicht als Ausdruck eines eigenständigen ukrainischen Weges dargestellt, sondern als vom Westen gesteuerter Putsch. Aus dieser Erzählung ließ sich beinahe jede spätere Eskalation ableiten.

Nicht die militärische Stärke der Ukraine war das Entscheidende. Gegenüber Russland war sie gering. Gefährlicher war die Möglichkeit eines Gegenbeweises.

Vor diesem Hintergrund weitete sich auch das Feindbild aus. Hinter der Ukraine standen nun Europa und die NATO. Wer das eigene System als alternativlos darstellt, kann äußere Bedrohungen nutzen, um innere Widersprüche zu erklären.

Umgekehrt stößt in Russland oft auf Unverständnis, warum russische Staatsangehörige nach der Annexion der Krim unter Generalverdacht geraten oder die Halbinsel verlassen müssen. Dabei wird eine andere Frage erstaunlich selten gestellt: Was sucht man überhaupt in einem Gebiet, das nach internationalem Recht zur Ukraine gehört und dessen Annexion international weitgehend nicht anerkannt wird?

Ich habe viele Jahre auf der Krim gelebt. Schon lange vor 2014 erlebte ich, wie selbstverständlich manche Besucher einen imperialen Anspruch hinnahmen, sich mitunter geradezu daran berauschten. Nach der Annexion wurde daraus für viele neuer Stolz.

Wer die Krim heute wieder verlassen muss, kann das deshalb als eigenes Unrecht erleben und nicht als Folge einer Annexion, die dem eigenen Aufenthalt vorausging.

So entstehen neue Mythen.

Man erzählt sich, wie schön es war. Auf der Krim. Nie mit der Krim.

Man wird sich erzählen, was verloren ging.

Die Leichen zählt man nicht.