AM STRASSENRAND DER ZEIT

Überall sah man sie: alte Babuschkas.

Fast alle mit Kopftuch. Darunter verschwanden die Haare, manchmal fast das ganze Gesicht. Früher, in besseren Zeiten, lag vielleicht noch Farbe darüber. Jetzt war das Tuch einfach da.

Die Beine dick, vom Leben gezeichnet. Röcke weit und tief.

Sie saßen dort. Auch Ludmilla.

Sie saß wie die anderen. Kopftuch. Der Blick gesenkt. Vor sich die Kiste. Zigaretten, einzeln gelegt. Daneben das Glas. Sonnenblumenkerne.

Ich blieb stehen. Lernte sie kennen. Sie sah kurz auf. Nicht fragend. Prüfend.

Ich zeigte auf die Kerne.

Sie nahm das Glas, füllte es halb und wollte es mir in die Manteltasche schütten. Ohne Tüte. Ich winkte ab. Sie seien nicht für mich, für Natascha. Sie verstand.

Ich gab ihr das Geld. Sie zählte nicht nach.

Ein Satz. Woher ich sei. Ich sagte es. Sie nickte.

Dann richtete sie die Zigaretten neu aus. Eine nach der anderen.

Ich ging weiter.

Hinter mir hörte ich das Knacken der Kerne. Und das leise Ausspucken der Schalen.

Im Winter wie im Sommer. Auch bei Regen. Auch bei Schnee.

Ihre Waren – bei Regen sorgfältig mit Plastik bedeckt – blieben sichtbar. Geschützt, aber nicht verborgen.

Und nicht nur sie. Die Frauen saßen auf kleinen Hockern, vor sich eine Bananenschachtel oder irgendeine andere Kiste. Zigaretten, manchmal als Packung, oft einzeln. Sonnenblumenkerne wurden mit einem Glas abgemessen und verschwanden direkt in der Manteltasche.

Wer stehen blieb, wurde gemustert. Nicht aufdringlich. Aber prüfend.

Manchmal kam man ins Gespräch. Ein Satz. Eine Erinnerung. Ein Preis. Mehr nicht.

Hier saß kein Mitleid. Sondern Geduld.

Bis heute habe ich meine Schwierigkeiten mit dieser Leidenschaft für Sonnenblumenkerne. Es ist eine Kunst für sich: Kerne in den Mund, knacken, die Schale ausspucken – und weiterreden, als wäre nichts. Dass Reste zwischen den Zähnen hängen, störte niemanden. Im Gegenteil. Es gehörte dazu.

Die Frauen saßen selten allein. Meist zu dritt oder viert.

Man traf sie vor Märkten, an Straßen, an Bahnhöfen. Reihen, an denen man vorbeimusste. Verkauft wurde ohne Lizenz. Die Miliz duldete es – und nahm sich dafür Zigaretten.

Mit der Zeit verstand ich auch, warum so viele dort saßen. Sie waren alt, hatten gearbeitet, manches erlebt, und die Rente reichte kaum. Also saßen sie wieder da. Stundenlang. Mit dem, was sich verkaufen ließ.

Und dann sah man wieder nur eine Frau. Wie sie eine Tomate drehte. Eine Zigarette ausrichtete. Die Plastikfolie glattzog.

Am Straßenrand saßen nicht nur sie. Auch Männer. Längst in Pension.

Leintücher auf dem Boden, ausgebreitete Jacken, Decken – alles wurde zur Verkaufsfläche.

Ein Bazar aus Resten. Auf Teppichen, Tüchern gelagert.

Fleischklopfer. Fahrradreifen. Taschenuhren. Lampen. Schuhe. Angeln. Radios. Wecker.

Das Nötigste blieb zu Hause. Der Rest wurde zu Geld.

Nicht viel. Genug für einen weiteren Tag.

Hier saßen sie.

Pensionisten. Ehemalige Militärs. Und Kinder, die mithalfen. Meist in der Hocke, oft stundenlang. Hunderte. Bei den Männern wurde anders verkauft.

Und immer wieder diese Ladas mit offener Motorhaube. Plastikfolie darauf. Fleisch. Daneben Männer in blutigen Schürzen. Roh. Direkt. Ohne Abstand.

„Geh zu Onkel Valera“, sagte man mir zu Hause. „Der hat sicher was.“

Gemeint waren Glühbirnen.

Onkel hieß er nicht. So nannte man Männer um die fünfzig, wenn sie halfen.

Ich ging zu ihm.

Er war in sich gekehrt, verbissen fast. Doch wenn jemand kam, taute er auf.

Wir kannten uns. Man hatte uns vorgestellt.

„Warte“, sagte er.

Mehr nicht.

Er ging weg.

Fünf Minuten später kam er zurück.

Zehn Stück in der Hand. Aus dem Auto geholt.

Er lächelte. Er war im Geschäft.

Doch der Alltag gehörte auffallend oft den Frauen. Sie blieben. Sie saßen dort, Stunde um Stunde, und hielten diesen kleinen Handel am Laufen.

Ich hatte darüber kaum nachgedacht. Nicht aus Ignoranz. Eher, weil es mir nicht auffiel.

Dort, am Straßenrand, geriet diese Selbstverständlichkeit ins Wanken.

Kam das Gespräch darauf, wichen manche Männer aus. Ich wusste damals nicht recht, warum. Vielleicht wollten sie darüber auch gar nicht reden.

Später, in den Karpaten, begegneten mir wieder Frauen, an die ich mich erinnerte. Junge und alte. Anders als am Straßenrand, und doch kam mir etwas bekannt vor.

Man sagte oft, die Frauen dort seien schön. Ich verstand mit der Zeit, dass damit nicht nur ihr Aussehen gemeint war. Es lag auch darin, wie sie dastanden, wie selbstverständlich sie ihren Platz einnahmen.

Vielleicht war es das, was mir schon früher aufgefallen war, ohne dass ich es benennen konnte.

Am Straßenrand hatten sie nicht viel.

Aber sie waren da.

Vielleicht war es genau das, was blieb in meiner Erinnerung:

Kein Locken.
Kein Bitten.

Nur das Wissen um die eigene Kraft.

Und während sie dort saßen, Tag für Tag, im Regen, im Schnee, im Staub, wurde etwas sichtbar.

Nicht als Klage. Sondern Stolz. Als etwas, das blieb.