DOKTORSKAJA
Es ging um die Wurst, genauer gesagt um ihre Qualität.
Sie saßen am Tisch. Frühstück. Wurst, Käse, Butter, Brot.
„Die schmeckt nicht“, sagte Mama. „Zu salzig. Damit sie länger hält.“
Eine kurze Pause.
„Früher gab es das nicht.“
Niemand widersprach sofort. Der Satz lag da, wie etwas Verlässliches.
„Früher war alles besser.“
Mama sagte es ruhig, fast beiläufig, aber ihre Stimme bekam Halt, kaum dass sie es ausgesprochen hatte.
„Die Norm war gesetzt. GOST. Da stand drin, was drin ist. Nicht wie heute.“
Natascha hob den Kopf.
„Nicht wie heute“, wiederholte sie. „Heute weißt du wenigstens, was fehlt.“
Mama winkte ab. „Damals hat nichts gefehlt.“
„Doch“, sagte Natascha. „Es hat immer etwas gefehlt.“
Stille. Keine wirkliche, eher ein kurzes Innehalten, bevor es weiterging.
„Du vergisst, wie es war“, sagte Mama. „Alles hatte seine Ordnung. Wenn etwas nicht stimmte—“
„—dann hat man es trotzdem genommen“, fiel Natascha ihr ins Wort. „Oder man hat jemanden gekannt.“
Mama schüttelte den Kopf. „Wenn jemand die Norm verletzt hat—“
„—dann war er vorsichtig, nicht ehrlich.“
Mama beugte sich vor. „Du verstehst das nicht. Die Norm war nicht verhandelbar.“
„Aber alles andere schon“, sagte Natascha. „Deshalb hattest du deine Wurst. Und andere nicht.“
Ein Blick, länger diesmal.
„Doktorskaja“, sagte Mama. „2,20 Rubel. Immer gleich.“
„Der Preis blieb gleich“, sagte Natascha. „Nicht die Qualität.“
„Die Qualität war vorgeschrieben.“
„Und trotzdem wurde gestreckt.“
Ein kurzes Lachen, scharf, fast ohne Freude.
„Du redest, als wäre alles Betrug gewesen.“
„Ich rede, als hätte jeder gewusst, dass etwas nicht stimmt.“
Mama lehnte sich zurück, atmete hörbar aus.
„Unter Stalin war das ein Urteil. Unter Chruschtschow ein Verfahren. Unter Breschnew ein Vermerk.“
„Und unter Breschnew“, sagte Natascha, „hat jeder seinen Weg gefunden.“
Mama reagierte sofort. „Es wurde nicht gestohlen.“
„Nein“, sagte Natascha. „Es wurde ausgeglichen.“
Jetzt wurden beide lauter, ohne es zu merken.
„Man hat genommen, was übrig blieb.“
„Weil vorher schon etwas gefehlt hat.“
„Weil es so war!“
„Weil es so gemacht wurde!“
Die Stimmen überschnitten sich, griffen ineinander, lösten sich wieder.
Dann, abrupt:
„Die Wohnung war umsonst“, sagte Mama.
Natascha sah sie an. „Umsonst?“
„Natürlich.“
„Du hast Beiträge gezahlt.“
„Das war nichts.“
„Das war alles“, sagte Natascha. „Du hast bezahlt. Nur anders.“
Mama schwieg. Länger diesmal.
„Aber man hatte sie“, sagte sie schließlich.
„Ja“, sagte Natascha. „Man hatte sie.“
Es wurde leiser.
„Es war Stillstand“, sagte Mama. „Aber es war ruhig.“
„Ruhig ist nicht dasselbe wie richtig.“
Mama sah auf den Tisch. „Es war verständlich.“
Natascha nickte langsam. „Vielleicht“, sagte sie. „Oder nur einfacher erzählt.“
Dann sagte niemand mehr etwas.
Auf dem Teller lag die Wurst, angeschnitten, der Rand leicht dunkel.
Natascha nahm ein Stück und aß es.
„Zu salzig“, sagte sie.
Mama zuckte mit den Schultern.
„Siehst du“, sagte sie.
„Man gewöhnt sich.“