HABEN SIE EINEN TERMIN?
Ich musste wieder einmal Papiere ordnen, neu beantragen, nachreichen.
Zurück in Österreich.
„Haben Sie einen Termin?“
Die Frage kam nicht feindselig, eher routiniert. Und gerade deshalb wirkte sie endgültig.
Kein Termin – kein Service.
Online? Frühestens in zwei Monaten. Wer im Takt lebt, kann warten. Wer aus der Spur geraten ist, steht vor einer geschlossenen Tür.
In der Ukraine war das anders.
Ein Termin war kein Zugang, sondern eine Abkürzung. Alles andere hieß: Schlange stehen.
Wer Einfluss hatte, bekam die Papiere nach Hause. Wer Beziehungen hatte, wartete nicht. Wer keine hatte, stand.
Statt Nummern zog man sich ein: eine Liste auf der Rückseite einer alten Rechnung. Einer schrieb die Namen auf, ordnete die Reihenfolge. Für eine Stunde war er Herr über Zeit und Hoffnung.
Wer nicht auf der Liste stand, existierte nicht.
Viele Ämter lagen im Keller.
Die ZHEK, die Hausverwaltung, in Räumen kaum größer als eine Küche. Zwei, vielleicht drei Menschen passten hinein. Wenn alle eine Auskunft brauchten – und alle brauchten eine –, blieb nur eines: stehen.
An den Wänden alte Kinosessel, doch niemand setzte sich. Sitzen wirkte wie Schwäche.
Die Lampen flackerten. Grünblaue Wände, abgeschabt vom Warten. Hinter Glas sprachen Beamte mit gesenktem Blick.
Und wenn man endlich an der Reihe war, fehlte etwas.
Ein Formular. Zwei Bezirke weiter.
Im OFIR, dem Amt für Ausländer, drängten sich vierzig Menschen in einem Raum so groß wie ein Wohnzimmer. Jede Wand hatte eine Tür, doch alle führten in denselben Raum zurück.
Eine ging auf, eine zu – die Menge atmete kurz auf, um gleich wieder enger zu stehen.
„Fischdosenfabrik“, nannten sie es.
Russen, Tadschiken, Georgier, Armenier, Kasachen, Weißrussen. Seit 1991 waren sie alle Ausländer.
Stimmen prallten aufeinander. Sprachen mischten sich. Niemand wusste genau, was fehlte.
Beim ersten Mal las man nur Öffnungszeiten. Beim zweiten erfuhr man, was man vergessen hatte. Beim dritten kam man vorbereitet.
Und doch fehlte wieder etwas.
Gegenüber stand ein Kopierer. Ein paar Kopeken pro Blatt.
Ich rechnete nach.
Die wahren Gewinner saßen nicht hinter den Schaltern.
Ein Mann fiel uns auf. Blass, unscheinbar, ständig im Gespräch. Er warte, sagte er, seit Monaten, kenne alle beim Namen.
Schließlich bot er an, unsere Dokumente mitzunehmen.
Gegen ein kleines Entgelt.
Wir stimmten zu.
Monate später traf Natascha denselben Mann wieder. Dieses Mal saß er nicht im Warteraum.
Er saß hinter dem Schalter.