DAS RESTAURANT IM ZUG
Am Bahnhof stand er allein.
Ein alter Mann mit einer Fahne. Blau und Gelb, vom Regen schwer, die Kanten ausgefranst. Niemand schenkte ihm Beachtung. Manche eilten vorbei, manche sahen weg.
Ich fragte ihn, warum er hier stehe.
Er lächelte.
„Weil jemand stehen muss.“
Dann setzte sich der Zug in Bewegung. Noch im Vorbeifahren sah ich die Fahne, nass und schwer – und den Mann, der sie hielt.
Im Speisewagen war es laut. Teller klirrten, Stimmen überschnitten sich, irgendwo rauschte ein Radio.
Im Speisewagen war es laut. Teller klirrten, Stimmen überschnitten sich, irgendwo rauschte ein Radio. Plastiktüten zwischen den Beinen, Bücher auf den Tischen, Akten, Bierflaschen. Frauen mit Kindern, Männer, die sich über die Tische hinweg unterhielten. Es roch nach Suppe, Brot und Wodka.
Ich saß allein.
Am Nachbartisch wurden vier Männer lauter. Nicht plötzlich – eher wellenartig, wie Streit, der sich sammelt.
„Die Krim müssen wir vergessen“, sagte einer.
Ich horchte auf.
Der andere lachte kurz.
„Vergessen? Die holen wir zurück.“
Heimholen, dachte ich.
Keiner widersprach. Keiner fragte, wie.
Der Satz blieb stehen.
Solche Gespräche hörte man überall. Im Zug. In Küchen. In Werkstätten. Immer wieder dieselben Fragen. Andere Stimmen, andere Gesichter.
Kein Abend ließ das kalt.
Man sprach über Vertrauen und Verrat, über Nähe und Abkehr. Einer sagte, man könne ihnen nicht mehr trauen. Ein anderer meinte, sie hätten schon lange weggewollt.
Dann fiel ein Satz, der alles schnitt:
„Wenn Waffen sprechen, was willst du dann noch erklären.“
Niemand widersprach.
Später fiel der Donbass ins Gespräch.
Nicht als Nachricht.
Eher wie etwas, das schon da war.
„Dort hat niemand von selbst angefangen“, sagte einer.
Eine Pause.
„Erst kamen Männer ohne Abzeichen. Mit Geschichten. Dann kamen andere.“
Er sagte nicht, wer diese anderen waren.
Er musste es nicht.
„Separatisten“, murmelte einer.
Als würden Bergarbeiter plötzlich Panzer brauchen.
Ein paar nickten.
Und immer wieder kam dieselbe Frage.
Leise. Oder offen.
Was tun wir nach unserem Sieg?
Nicht triumphierend. Nicht sicher. Eher tastend.
„Aufbauen“, sagte einer.
„Nicht vergessen“, sagte ein anderer.
„Und nicht warten, dass Europa es für uns richtet.“
Ich hörte zu.
Nicht mehr wie jemand, der vergleicht. Eher wie jemand, der bleibt. Ich kam von der Krim. Und ich kam aus Europa. Beides passte immer weniger zusammen.
Was mich wunderte: Ich schwieg.
Ich verteidigte nichts. Ich widersprach nicht. Ich korrigierte nicht. Erst später fragte ich mich, warum.
Vielleicht, weil alles schon gesagt war.
Oder weil ich selbst nicht mehr sicher war, was ich sagen sollte.
Der Zug fuhr weiter.
Durch Felder, durch Dörfer, durch Gespräche, die nicht endeten.
Nichts stand still.
Und langsam verstand ich etwas. Nicht aus den Sätzen. Aus der Art, wie sie gesprochen wurden.
Hier wartete niemand.
Hier wurde gestritten, widersprochen, korrigiert. Nicht schön. Nicht einig. Aber lebendig.
Ich verließ den Speisewagen und ging zurück in mein Abteil.
Der Zug ratterte gleichmäßig.
Russland war verhasst.
Und doch hatte ich in all den Gesprächen nichts von Rache gehört.
Kein Verlangen nach Vergeltung. Nur diese kühle Gewissheit, dass es so nicht bleiben würde.
Vielleicht war es gerade das, was mich irritierte.
Dass der Hass nicht führte.
Der Zug fuhr durch ein Dorf.
Am Rand der Gleise stand ein Leichenwagen. Menschen traten aus den Häusern. Blieben stehen.
Ich erinnerte mich an Dörfer in der Westukraine. Wenn dort ein Leichenwagen kam, knieten die Menschen nieder.
Alte. Kinder. Männer. Frauen.
Niemand erklärte es. Niemand verlangte es.
Die Ukraine war nicht das Gegenteil von Russland.
Sie war etwas Eigenes.
Der Zug fuhr weiter. Und ich verstand, dass man sich nicht durch Abgrenzung definiert. Aber manchmal dazu gezwungen wird. Nicht aus Hass. Sondern um sich nicht zu verlieren.
Die Welt drehte sich weiter. Nicht, weil alles in Ordnung war. Sondern weil hier noch etwas stand.
Ich wusste: Ich war nie Ukraine.
Aber ich wollte einer sein.