DIE TAGE SOLLTEN NOCH GUT SEIN
Ich lernte Dimitri beim Angeln kennen. Er stand etwas abseits, dort, wo Sewastopol ins Meer übergeht und man lange aufs Wasser schauen kann, ohne dass jemand wissen will, warum. Viel fing er nicht. Vielleicht ging es ihm auch nicht darum.
Wir kamen ins Gespräch, erst über Fische, später über das Leben. Dimitri war schon älter, ein wenig verbittert, aber nicht böse. Das ist ein Unterschied. Verbitterung weiß noch, dass etwas einmal anders gedacht war. Hass braucht das nicht mehr.
Ich hatte den Eindruck, dass er aufgehört hatte, viel zu erwarten. Vom Staat vielleicht, von der Politik, von den Versprechen, die mit jedem neuen Mann im Fernsehen wieder neu klangen. Vielleicht einfach vom Leben.
Irgendwann fragte ich ihn nach früher. Nach der Sowjetunion. Ich wollte wissen, wie es gewesen war, in einem Land aufzuwachsen, das nicht mehr existierte. Er dachte eine Weile nach, dann erzählte er. Von der Arbeit, von Dingen, die fehlten, und Dingen, die trotzdem selbstverständlich gewesen waren. Von Breschnew, der so lange da gewesen sei, dass man sich kaum vorstellen konnte, es könne irgendwann einen anderen geben. Danach seien die Männer schneller gekommen. Andropow. Tschernenko. Dann Gorbatschow.
Und irgendwann gab es das Land nicht mehr.
Dimitri sagte das ohne Pathos. So, als sei auch das etwas gewesen, das ihm widerfahren war. Die Männer oben kamen und gingen, Grenzen erschienen, Geld änderte seinen Namen. Das Leben musste trotzdem weitergehen.
Dimitri blieb. Das war vielleicht seine eigentliche Begabung.
Nicht im politischen Sinn. Er hing an keiner Fahne. Russland, Ukraine – wenn wir darüber sprachen, winkte er irgendwann ab. Nicht verächtlich, eher müde. Was sollte er daran noch ändern? Und wozu?
Sewastopol gefiel ihm. Die Luft war besser als in Moskau, weniger Verkehr, die Menschen, fand er, freundlicher. Und da war das Meer. Vor allem das Meer. Hier konnte er angeln.
Einmal lud er mich zu sich ein. Die Wohnung war karg. Wenige Möbel, ein Tisch, Stühle, ein Schrank, ein Fernseher. Nichts stand dort, um jemanden zu beeindrucken. Die Dinge waren da, weil man sie brauchte, manche wahrscheinlich auch, weil sie schon immer dort gestanden hatten. Er hatte nicht viel, aber er entschuldigte sich dafür nicht.
Er zeigte mir ein paar Dinge, Fotos, etwas aus seiner Arbeit. An manches erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an die Art, wie er es tat. Für einen Augenblick verschwand die Müdigkeit aus seinem Gesicht. Da war Stolz. Nicht der große auf ein Land oder eine Fahne. Seiner. Er hatte gearbeitet, sich durchgebracht, versucht, niemandem etwas schuldig zu bleiben.
Seine Frau hatte er früh verloren. Er sprach darüber ohne Klage. Vielleicht lag es daran, dass der Verlust schon Jahrzehnte zurücklag und längst Teil seines Lebens geworden war. Kochen, waschen, einkaufen – er hatte gelernt, allein zurechtzukommen.
Wobei allein nicht ganz das richtige Wort war.
Irgendwann nahm er ein Foto und hielt es mir hin. Eine Frau. Dabei schmunzelte er.
„Roxana.“
Sie komme aus Lwow, sagte er. Immer wieder besuche sie ihn für ein paar Tage in Sewastopol.
Ich fragte nicht weiter. Es war auch nicht nötig.
„Roxana“, sagte er noch einmal.
Als müsse der Name reichen.
Er reichte.
Dann erzählte er mir von seinem Bruder Iwan, der in Moskau lebte. Sie waren zusammen aufgewachsen, dieselben Eltern, dieselbe Schule, dieselben Lehrer. Pioniere, später Komsomol. Dieselben Nachrichten, dieselben Paraden. Und trotzdem, sagte Dimitri, seien sie verschieden geworden.
Iwan sei immer der Ruhigere gewesen, einer, der Dinge reparierte. Wenn etwas kaputtging, wurde es nicht weggeworfen. Seine Socken stopfe er noch immer selbst.
Dimitri lachte.
„Iwan wirft nichts weg.“
Das klang nicht spöttisch.
In einer Garage stand noch sein alter Moskwitsch. Seit Jahren. Früher sei Iwan damit mit seiner Frau gefahren, zum Einkaufen, zu Besuchen, im Sommer hinaus aus Moskau. Heute vermodere der Wagen. Iwan bringe es nicht fertig, ihn wegzugeben.
Fahren wolle er damit längst nicht mehr. Eigentlich fahre er überhaupt kaum noch. Moskau sei ihm zu schnell geworden. Zu viele Autos, zu viele Spuren, zu viel Drängen. Er traue sich in diesem Verkehr nicht mehr.
Also blieb der Moskwitsch in der Garage.
Und Iwan immer öfter zu Hause.
Seine Frau war ebenfalls tot. Vor ein paar Jahren. Das Herz. Dimitri erzählte mir, Iwan träume noch immer von ihr. Manchmal wache er auf und brauche einen Augenblick, bis er begreife, dass sie nicht mehr da sei.
Der Moskwitsch stand noch immer in der Garage.
Morgens mache Iwan Kaffee, schalte den Fernseher ein, gehe einkaufen und wieder nach Hause.
„Er lässt die Welt geschehen“, sagte Dimitri. „Er kommt nicht einmal hierher. Ans Meer.“
Dann schwieg er kurz.
„Wie so viele.“
Ich hatte den Eindruck, dass er seinen Bruder sehr liebte. Vielleicht fiel mir deshalb auf, wie vorsichtig er über ihn sprach. Kein Spott, keine Verachtung. Eher die Traurigkeit eines Menschen, der jemanden noch kennt und zugleich spürt, dass er ihn nicht mehr ganz wiedererkennt.
Dimitri sagte es einfacher.
„Er war früher anders.“
Aber ich verstand, was Dimitri an seinem Bruder vermisste. Gegen einen Bruder, der widerspricht, kann man streiten. Gegen einen, der sich langsam zurückzieht, nicht.
„Laut durch Stille“, sagte Dimitri. „Verstehst du mich?“
Ich glaube, ich verstand.
Vielleicht sprach er auch deshalb nie von oben über Iwan. Er selbst hatte seine Frau verloren. Er wusste zumindest, wie still ein Leben werden konnte.
Nur war seines nicht ganz still geworden.
Da war das Meer, das Angeln, Menschen, mit denen er sprach. Manchmal Roxana aus Lwow.
Und da war Iwan.
Sie telefonierten miteinander, erzählte er mir. Über Politik nicht viel, oder jedenfalls nicht lange. Iwan lebte dort, Dimitri hier. Wenn Iwan von steigenden Preisen erzählte, erzählte Dimitri vom Wetter. Wenn Dimitri vom Meer sprach, fragte Iwan, ob er etwas gefangen habe.
Meistens nicht.
Dimitri lachte.
Von seinem letzten Besuch in Moskau erzählte er mir später. Einige alte Schulfreunde seien ebenfalls gekommen. Männer, die er seit seiner Kindheit kannte. Er habe sie natürlich wiedererkannt und irgendwie auch nicht.
„Wer dort lange lebt, wird irgendwie anders“, sagte er.
„Wie anders?“
Er dachte nach.
„Trotziger. Grober.“
Nicht alle, fügte er gleich hinzu. Aber bei manchen habe er das Gefühl gehabt, sie müssten ständig zeigen, dass ihnen niemand etwas sagen könne. Im Restaurant, auf der Straße, selbst miteinander.
„Als müsste immer einer gewinnen.“
Iwan sei nicht so. Fast das Gegenteil. Er sei stiller geworden, widerspreche kaum noch, lasse geschehen.
„Es gibt viele wie ihn“, sagte Dimitri. „Fast typisch.“
„Was meinst du?“
„Aufstehen. Tun, was getan werden muss. Nach Hause. Und froh sein, wenn niemand mehr etwas von einem will.“
Dann zuckte er mit den Schultern.
„Moskau. Die Stadt verändert einen.“
Ich wusste nicht, ob er recht hatte.
Aber ich wusste inzwischen, dass er seinen Bruder nicht verachtete.
Er vermisste ihn.
Obwohl Iwan noch lebte.
Irgendwann musste ich lachen.
„Dann seid ihr ja wie die Brüder Karamasow.“
Dimitri sah mich erstaunt an.
„Woher weißt du das?“
Jetzt verstand ich nicht.
Dann lachte er. Sein Vater habe Dostojewski verehrt. Deshalb die Namen.
Dimitri.
Iwan.
„Dann fehlt euch noch einer“, sagte ich.
Er winkte ab.
„Wir sind andere Brüder.“
Damit war Dostojewski erledigt.
Russland oder Ukraine bedeuteten Dimitri erstaunlich wenig. Jedenfalls erlebte ich ihn so. Sewastopol war für ihn keine politische Antwort. Es war ein Ort. Russisch gesprochen wurde ohnehin. Ukrainisch war der Staat. Sowjetisch vieles, woran er sich erinnerte. Was davon sollte er auseinandernehmen?
Das Meer vor der Tür. Und die Menschen, sagte er, ein bisschen freundlicher.
Das genügte ihm.
Vielleicht hatte er deshalb irgendwann aufgehört, der großen Geschichte hinterherzulaufen. Er wollte morgens aufstehen, Kaffee trinken und, wenn das Wetter passte, ans Wasser gehen. Vielleicht etwas fangen, vielleicht auch nicht.
Und manchmal kam Roxana.
Die Tage sollten noch gut sein.
Nicht groß.
Gut.
Vielleicht wollte Iwan dasselbe. Nur war seine Welt, so wie Dimitri sie mir beschrieb, kleiner geworden. Die Wohnung, der Fernseher, der Weg zum Laden. Die Garage mit einem Moskwitsch, den niemand mehr fuhr. Die Socken, die noch einmal gestopft wurden. Und nachts manchmal seine Frau.
Ich traf Dimitri später wieder beim Angeln, fast an derselben Stelle. Hinter ihm Sewastopol, vor ihm das Meer. Wir redeten eine Weile, dann fragte ich nach Iwan.
Dimitri verstand sofort.
„Lebt.“
Mehr sagte er nicht.
Nach einer Weile bewegte sich die Spitze der Angel. Dimitri richtete sich auf.
„Siehst du.“
Ich sah nichts.
Er schon.