KIEW

Ach Kiew.

Ich lernte diese Stadt zu spät kennen. Als Vertriebener von der Krim. Mit Familie.

Ich war schon früher oft dort gewesen. Aber immer nur für Tage. Ich kannte die Plätze. Die Achsen. Das, was man sieht. Nicht das Dahinter. Nicht das Eigentliche.

Kiew lief nicht aus. Es sammelte.

Dinge, Menschen, Wege. Alles kam hier an.

Die Stadt erfand sich neu. Schnell. Impulsiv. Mit einem Ton, den ich so nicht erwartet hatte. Kunst. Oper. Bars. Nächte, die länger waren als geplant. Bewegter als Wien in den achtziger, neunziger Jahren. Und größer.

Aber das war nicht der Punkt. Kiew war nicht mehr nur Verwaltung. Nicht mehr nur Arbeit. Seit dem Maidan war etwas gekippt.

Die Stadt war sich selbst bewusster geworden. Prüfender. Härter. Ukrainischer – nicht im Äußeren, nicht im Kolorit. Im Denken. Im Fühlen.

Man merkte es in Gesprächen. In Blicken. In dem, was gesagt wurde. Und in dem, was nicht mehr gesagt wurde.

Es war plötzlich alles näher. Und gleichzeitig dichter.

Viele kamen. Aus Donezk. Von der Krim. Später aus anderen Städten. Sie brachten etwas mit. Ideen. Geld. Geschichten. Verluste.

Man hörte es in den Cafés. In Restaurants. Während im Donbass gekämpft wurde.

Nichts blieb draußen.

Und etwas fiel weg.

Dieses alte Gefühl: Wir sind wir.

Das Wir wurde größer.

Die Arroganz der Hauptstadt war noch da. Aber anders. Leiser. Menschlicher. Auch durch den Maidan. Ein Schmerz. Ein Zentrum. Ein Platz.

Alles wirkte verdichtet.

Der Verkehr.
Die Menschen.
Die Gefühle.

Wenn Gäste aus Deutschland oder Österreich kamen, waren sie überrascht. Schon am Flughafen. Die Autos, das Wuseln, überall Bewegung. Neue Häuser. Neue Gerüste. Neuer Asphalt.

Und das ist ein Land im Krieg?

Viele sagten das.

Ich war stolz.

Abends gingen wir aus. Bars, Restaurants. Man fand kaum Platz. Gute Musik. Bier. Schnelle Abläufe. Alles in Bewegung.

Und doch lag etwas darunter.

Man wusste, dass man den Tag genießen musste. Dass morgen alles anders sein konnte.

Gleichzeitig wuchs die Konkurrenz. Jeder musste sich etwas einfallen lassen. Die vielen tatarischen Restaurants waren neu. Und voll. Ich kannte einige der neuen Chefs von der Krim persönlich. Deshalb bekamen wir einen Tisch. Tschebureki. Und anderes. Einfach. Gut.

Selbst die Diplomaten wirkten anders. Sie luden ein. Zum Gespräch. Waren näher. Holten sich Wissen ein. Hörten zu.

Was früher Strafposten war, war seit dem Maidan ein Ort, an dem man sein wollte. Niemand wollte weg.

Ich sprach das mehrmals an. Hörte immer wieder, wie schön es sei. Wie herrlich die Kultur. Wie besonders diese Stadt.

Ich war erst drei, vier Wochen in Kiew, als wir von der Botschaft eingeladen wurden. Natascha und ich. Wir sollten berichten. Erzählen, was gerade passierte.

Im Gespräch saß da keine Exzellenz. Er saß in Jeans. Hörte zu. Holte jemanden dazu. Kaffee. Fragen. Interesse. Keine Distanz.

Er lud uns wieder ein. Führte uns ein. Zu den österreichischen Unternehmern. Zur Diaspora. Half uns weiter.

Nicht aus seiner Position. Als Mensch.

Was früher wirkte wie: Wir sind die Botschaft, war jetzt etwas anderes geworden.

Ein Haus.
Für Österreicher.
Manchmal auch für Ukrainer.

Als der Kanzler kam, ins Haus des Botschafters, waren alle da. Die von der Bank. Die Autohändler. Große Unternehmen. Sie stellten sich auf.

Ich stand irgendwo hinten.

Dann ging der Botschafter mit dem Kanzler durch den Raum. Von einem zum nächsten.

Und blieb stehen.

Bei mir.

Er führte ihn heran.

Das ist der Herr, sagte er.
Der von der Krim.

Es wurde still.

Die anderen wirkten überrascht. Fast zurückgesetzt.

Ich verstand es nicht.

Viele suchten danach das Gespräch mit mir. Nur ich hatte nicht viel zu sagen. Ich war lange da gewesen. Ich war dabei gewesen, als es geschah.

Wir genossen die Aufmerksamkeit. Als Vertriebene tat das gut.

Ein paar Wochen später geschah etwas anderes.

Wir standen im Stau.

Vor mir ein Wagen. Ein Mazda X9. Ich kannte ihn.

Sogar die Farbe.

Dann das Kennzeichen. Krim.

Ich fasste es nicht.

Dimitri.

Ich hupte. Immer wieder. Wir zogen vorbei, zu schnell, zu eng, bis er uns sah. Auch er war hier. Geflüchtet, wusste ich. Aber hier? Jetzt?

Wir hielten an.

Und umarmten uns.

Lange. Wie man sich nur umarmt, wenn man sich nicht verlieren wollte.

Wir sprachen durcheinander. Telefonnummern. Neues Leben. Neue Wege. Und standen einfach da.

Mitten in Kiew. Unter Millionen. Auf dieser Straße hinauf zum Kreschtschatyk. Und dann das.

Seitdem bin ich in Kiew verliebt.

Nicht wegen der Kirchen. Auch wenn sie wunderschön waren. Wir besuchten sie später, mit Natascha, mit Dimitri, mit seiner Schwester. Wir gingen aus. Aber das war es nicht.

Es war der Dnepr.
Die U-Bahn.
Der Verkehr.

Dieses Wilde, das trotzdem funktionierte.

Alles schien leicht.

Auch die Wohnung gefiel uns. In Tschajka, am Rand der Stadt, Richtung Schytomyr. Mit Blick hinaus. Weit.

Manchmal flog die AN-225 vorbei. Das größte Flugzeug der Welt. Ich sah sie noch. Riesig. Im Landeanflug. Fast stehend in der Luft.

Alles passte.

Selbst die Kinder fühlten sich wohl. Sie gingen in die Schule. Fanden Freunde. Wurden langsam erwachsen.

Erst 2018 bekam ich ein ungutes Gefühl. Andere auch. Es war nichts Greifbares. Eher ein Wissen, dass noch etwas kommen könnte.

An der Front wurde noch immer gekämpft. Aber der Ton im russischen Fernsehen wurde anders.

Ich schrieb in den Quartalsbericht, dass wir im Ernstfall zur Evakuierung bereit seien. 24 Stunden. Für alle Maschinen. Zwei LKW.

Dann kam eine andere Information.

Die deutsche Schule in Kiew verlor Schüler. Diplomaten wurden weniger. Familien gingen. Für die wenigen, die noch da waren, sollte es nicht mehr möglich sein, die Matura abzulegen. Obwohl wir fast tausend Euro im Monat zahlten. Für unsere Tochter.

Die Kinder der Botschaft wurden vom Staat bezahlt.

Dieses Gefühl. Und diese Information.

Ich sagte: Dann geht wenigstens ihr nach Österreich. Macht die Matura dort.

Gesagt, getan.

Ich flog hin und her. So oft, dass ich jederzeit bei ihnen sein konnte. Nach fünfundzwanzig Jahren Ehe vertraut man sich. Und meine Schwiegermutter war noch da. Sie hielt mir den Rücken frei.

So lief es.

Bis mein Sohn in die Pubertät kam. Ganz.

Dann ging es nicht mehr. Nicht mit diesem Hin und Her.

Ich merkte: Man hat nur einen Sohn. Eine Geschäftsführung findet man.

Ich kündigte. Zog zu ihnen.

Es wurde leichter.

Und gleichzeitig fehlte mir Kiew.

Hier schien alles stillzustehen.

Als ich in der Nacht erfuhr, dass Kiew angegriffen wurde, weinte ich. Stundenlang.

Und wusste gleichzeitig: Wir sind in Sicherheit.

Vor kurzem sagte Natascha:

Wäre es passiert, während du noch in Kiew gewesen wärst, wärst du geblieben.

Wahrscheinlich bis heute.