BILDER EINER AUSSTELLUNG

Wir trafen uns in Wien, im Prückel.

Ein alter Tisch, eine Melange, ein Glas Wasser. Dinge, die sich nicht ändern.

Dimitri war schon da.

Mitte fünfzig, schlank, präsent. Einer, den man spürt, auch wenn er nichts tut. Seine Stimme ruhig, fast unerschütterlich – bis er lachte. Dann verlor sie diese Sicherheit für einen Moment.

Er lachte selten.

Wir hatten uns am Flughafen kennengelernt. Ein Gespräch, das nicht enden wollte. Nummern wurden getauscht, wie das so geschieht, wenn man glaubt, sich wiederzusehen.

Er zahlte bar. Immer. Ein goldener Clip, der kurz aufblitzte. Ein Vertu auf dem Tisch, verbunden mit jemandem, der jederzeit alles regeln konnte.

Wir hatten eine Vereinbarung: keine Politik. Er wusste zu viel.

Ich wollte nicht fragen.

Wir gingen ins Museum.

Vor dem Hundertwasserhaus blieb er stehen, rauchte, sagte nichts. Kein Tourist. Eher jemand, der etwas prüfte.

Dann, fast nebenbei:

„Erinnert mich an den Kreml.“

Ich sah ihn an.

„Von den Farben“, sagte er. „Oder an Moskau. Früher.“

Er zog an der Zigarette.

„Hier dürfen sogar Mauern verrückt sein“, sagte er leise. „Bei uns nicht. Und wenn – dann größer.“

Später, in Melk, in der Bibliothek, wurde er still.

Er ging langsam zwischen den Regalen, sah auf die Bücher, als hätten sie Gewicht. Nicht Papier. Zeit.

„Hier sammelt man Bücher“, sagte er schließlich. „Bei uns verschwinden sie.“

Mehr sagte er nicht.

Einige Jahre später traf ich ihn wieder. In Kiew.

Er wirkte älter. Härter vielleicht.

Wir saßen in einem neuen Restaurant. Viel Glas, viel Licht. Alles offen.

Sein Telefon klingelte. Er stellte auf Lautsprecher. Stimmen aus Amerika. San Diego.

Er hörte zu. Sagte wenig. Beendete das Gespräch.

Dann legte er das Telefon neben den Teller.

„Alles glänzt dort“, sagte er. „Autos, Häuser, Menschen.“

Eine kurze Pause.

„Aber innen ist es leer.“

Er trank einen Schluck.

„Sie kaufen Kunst“, sagte er. „Aber sie fühlen nichts.“

Ich sagte nichts.

„Wir hassen Amerika“, fuhr er fort. „Und wollen es gleichzeitig sein.“

Er lächelte nicht.

„Das ist das Problem.“

Ich sah ihn an.

„Europa kaufen wir“, sagte er. „Amerika wollen wir.“

Wir schwiegen.

Dann, fast beiläufig:

„In Russland wird jetzt wieder nach Ideologie gesucht.“

Er sah mich an, kurz, prüfend.

„Das ist gefährlich.“

Später zeigte ich ihm Fotos.

Lwiw. Odessa. Menschen, Bücher, Straßen.

Er beugte sich vor.

„Das ist Europa“, sagte er.

Dann, leiser:

„Und nicht Moskau.“

Am Abend, beim Wein, sprachen wir doch über Kultur.

Oder das, was davon blieb.

Er begann zu zählen.

Mit dem kleinen Finger.

„Der hier – deportiert.“

Der nächste Finger.

„Erschossen.“

Noch einer.

„Exil.“

So ging es weiter.

Ich hörte zu.

Die Hand reichte nicht.

Ich winkte ab.

„Du bist Historiker?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er ruhig. „Bei uns lernt man die Lücken.“

Er hob das Glas.

„Vielleicht ist Kultur die einzige Macht“, sagte er.

Dann legte er Geld auf den Tisch.

Zu viel.

„Es ist nicht mein Geld.“

Wir gingen ins Konzert.

Jahre später fiel er aus dem Fenster seines Penthouses.

Im achtzehnten Stock.

Man sagte, die Musik lief noch.

Mussorgski.

Bilder einer Ausstellung. In Schleife.