IN UNIFORM
Simferopol.
Es war wieder der 9. Mai. Tag des Sieges.
Jedes Jahr derselbe Ablauf. Ein Feiertag, ein Muss. Man ging hin. Auch wir. Wie selbstverständlich.
Im Zentrum hingen rote Fahnen an den Laternen, große Banner spannten sich über die Straßen. Die Menschen standen hinter Gittern und warteten. Männer mit ernsten Gesichtern, Frauen mit Nelken in der Hand.
Hurrrraaaaaaaaaa.
Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Vorne Politiker, dahinter Betriebe, Schulen, Gruppen. Losungen aus einer anderen Zeit. Ruhm. Und nochmals Ruhm. Aus den Lautsprechern kam Militärmusik, die mehr krächzte als spielte.
Dann die Veteranen.
Männer in schweren Jacken, deren Schultern für all die Orden kaum zu reichen schienen. Rot eingefasst, glänzend, dicht aneinandergereiht. Einige standen, andere saßen. Dazwischen Schulklassen mit Nelken und alte grüne Militärlastwagen, klapprig, mit Uniformierten darauf. Sie winkten und warfen Süßigkeiten.
Nach der Prozession saßen die Veteranen auf Parkbänken. Manche allein, andere in Gruppen. Es gab ein Zelt, eine Feldküche, Wodka auf die Toten.
Die Abzeichen klangen leise, wenn sie aneinanderschlugen.
Und überall dieses Band. Schwarz und orange. Am Revers, an Taschen, an Autoantennen. Manche trugen es klein, andere so, dass man es nicht übersehen konnte.
Ich begann mich für die Orden zu interessieren. Nicht jeder stand für eine große Heldentat. Manche für einen Einsatz, andere für Dienstjahre, Teilnahme, Zugehörigkeit. Auf den Märkten konnte man sie kaufen. Orden, Uhren, Abzeichen. Sie lagen zwischen alten Münzen, Werkzeug und Dingen, deren Besitzer vermutlich längst nicht mehr lebten.
Irgendwann schlug ich vor, am 9. Mai nach Sewastopol zu fahren.
Dort war alles größer.
Die Stadt war vorbereitet. Bordsteine frisch gestrichen, Straßen gewaschen. Tausende Menschen kamen. Nicht einzelne Gruppen wie in Simferopol, sondern ein Strom.
Dann begann die Parade.
Wieder die Veteranen, diesmal oft von ihren Enkeln geführt. Junge Matrosen. Offiziere. Admiräle im offenen Wagen.
Und Soldaten.
Ich sah genauer hin.
„Da sind russische Soldaten dabei?“
„Ja“, sagte Natascha. „Der Hafen ist gepachtet.“
Mehr Erklärung brauchte es damals nicht.
Russen und Ukrainer marschierten nebeneinander.
Dann kamen die Maschinen. Panzer, Raketenwerfer, Lastwagen. Flugzeuge über der Stadt. Schiffe im Hafen. Kanonenschüsse.
Am Abend fragte ich Natascha, warum die Veteranen so viele Orden trugen.
„Das sind doch nicht alles Orden für Tapferkeit?“
„Nein.“
„Wofür dann?“
„Dienst. Teilnahme. Jahrestage. Alles Mögliche.“
„Und die tragen sie alle?“
Sie sah mich an.
„Natürlich.“
Im Fernsehen lief die Parade bereits noch einmal.
Dieselben Panzer, Gesänge, Gesichter, noch einmal von vorne.
Jahre später bekam ein Orden für mich eine andere Bedeutung.
Jahre später bekam die Uniform für mich eine andere Bedeutung.
Einer unserer Mitarbeiter war im Donbass. Valery.
Ich wollte ihn zurückholen.
Ich telefonierte herum, sprach mit Leuten, die etwas zu sagen hatten. Einige kamen sogar zu einem Gespräch. Ich bot 5.000 Dollar. Die Firma würde bezahlen, in bar.
Nein.
Das gehe nicht.
Ich versuchte es weiter, bis sich schließlich ein alter Freund meldete. Er sagte, er werde sehen, was sich machen lasse.
Dann hörte ich fast einen Monat nichts.
Irgendwann war Valery wieder da.
Erst danach erfuhr ich, wie es gegangen war.
Sein Offizier hatte gemeldet, Valery habe im Gefecht eine Kontusion erlitten.
Valery widersprach.
Er habe keine Kontusion.
Der Offizier sah ihn an.
„Wenn du nicht sofort eine Kontusion hast, dann kriegst du die von mir. Und noch ein Loch dazu.“
Damit war die Sache geklärt.
Valery kam ins Spital. Sein Aufenthalt wurde verlängert, dann noch einmal. Irgendwann wurde er freigeschrieben.
So kam er zurück.
Auch einen Orden hatte er bekommen.
Ich fragte ihn danach.
„Wo ist er?“
„In der Schublade.“
Er zuckte mit den Schultern und sagte: „Vielleicht braucht den Ihr Freund?“