DEMOKRATIE ALS GESCHÄFT
Das alte Theater roch nach kaltem Staub. Der Putz blätterte von den Wänden, einige Sessel hatten keine Polster mehr, bei anderen ächzte das Holz, sobald sich jemand bewegte.
Trotzdem war der Saal voll. Mehr, als ich erwartet hatte.
Vor allem ältere Menschen waren gekommen. Männer mit Orden an den Jacken, Frauen mit Taschen auf dem Schoß. Viele kannten einander. Man grüßte, rückte zusammen, hielt Plätze frei. Es war kalt im Saal, deshalb behielten die meisten ihre Mäntel an, manche auch die Mützen.
Am Eingang standen Leute des Veranstalters. Kurze Begrüßung, ein paar Worte, dann bekam jeder einen Sack in die Hand.
Reis, Mehl, ein paar Kleinigkeiten.
Niemand schien sich darüber zu wundern. Man nahm den Sack und ging hinein. Manche stellten ihn unter den Sitz, andere zwischen die Beine.
Über den Reihen hingen rote Fahnen, grell und billig bedruckt. Vorne war eine kleine Bühne vorbereitet. Ein Scheinwerfer ging an und strich über die ersten Reihen.
Dann kam der Mann, wegen dem alle hier waren.
Dunkler Anzug, sauberes Hemd. Er stellte sich nicht vor. Das war auch nicht nötig.
Er begann mit Demokratie.
„Demokratie kann nie von starken Führern geführt werden.“
Er erklärte, Demokratie bedeute Kompromiss, und im Kompromiss liege bereits die Schwäche. Während die einen diskutierten, hätten die anderen längst entschieden.
Dann verglich er Europa mit einer Familie, die gemeinsam in den Urlaub fahren wolle und sich nicht darauf einigen könne, wohin.
Die Leute lachten.
Er verstand es, auf solche Reaktionen zu warten. Nicht lange, gerade lange genug, um zu hören, ob der Saal mitging.
Jemand rief:
„NATO!“
Er nahm das Wort sofort auf.
Jetzt kamen Washington und Brüssel dazu. Dollar. Abhängigkeit. Verrat. Er musste wenig erklären. Ein Begriff genügte oft, und irgendwo im Saal kam bereits Zustimmung.
Dann stellte er Fragen. Viele davon waren so gestellt, dass die Antwort schon darin lag. Die Leute riefen zurück, einige standen auf. Er wurde lauter, der Saal ebenfalls.
Nach nicht einmal einer Stunde war er wieder weg.
Der Applaus lief noch, während die ersten Besucher bereits ihre Sachen zusammensuchten. Unter den Sitzen kamen die Säcke wieder hervor.
Ich blieb noch eine Weile sitzen. Mich beschäftigte weniger, ob seine Behauptungen stimmten. Mich interessierte, warum sie hier so leicht funktionierten.
Monate später sah ich ihn wieder.
Er saß in einem kleinen Lokal im Zentrum. Wenige Gäste, Rauch in der Luft. Kein Saal, keine Fahnen, keine Menschen, die ihm etwas zuriefen.
Ich wollte zu ihm gehen. Ein Mann hielt mich mit der Hand zurück, sah kurz zum Nebentisch und wartete. Dann kam ein Zeichen.
Ich durfte hinüber.
„Journalist?“, fragte er.
„Nein.“
„Was dann?“
„Ich lebe hier.“
Das schien ihn zu interessieren.
Ich fragte ihn nach Europa. Warum es in seinen Reden immer wieder als schwach, abhängig oder fremdgesteuert vorkomme.
„Bist du sicher, dass es noch das Europa ist, das du kennst?“
„Ihre Reden klingen überall gleich“, sagte ich. „Glauben Sie das alles selbst?“
Er zog an seiner Zigarette und sah mich einen Moment an.
„Nicht jedes Wort ist meines.“
Das hatte ich nicht erwartet.
„Aber die Leute brauchen es so.“
Ich fragte, was das bedeuten solle.
„Politik ist Angebot und Nachfrage.“
Er sagte es ganz selbstverständlich.
Ich fragte nach dem Geld. Nach den Leuten, die solche Veranstaltungen bezahlten, nach Interessen.
Er lächelte.
„Politik ist eine Einnahmequelle.“
Dann nahm er sein Glas.
„Wer den Zugang hat, bleibt.“
Wir redeten noch ein wenig weiter. Ich ging mit dem Eindruck hinaus, dass ich ihm mit meinen Fragen nichts enthüllt hatte. Er kannte das Geschäft besser als ich.
Um die Jahrtausendwende begegnete mir das immer häufiger. Geschäftsleute wollten in die Politik. Am besten ins Parlament.
Ich verstand bald, warum.
Als Deputierter war man damals immun. Aber das war nur ein Teil. Man hatte einen Ausweis.
Und dieser Ausweis funktionierte.
An einer Straßensperre zeigte man ihn vor und fuhr weiter. In einem Ministerium öffnete er Türen. Dazu kam das Wissen. Neue Gesetze, neue Bestimmungen, Dinge, die einen Markt öffnen oder schließen konnten.
Für einen Geschäftsmann war das viel wert.
Und man war geschützt.
Also tauchten immer mehr Geschäftsleute auf Wahlplakaten auf. Direktoren, Unternehmer, Männer, die in wenigen Jahren sehr reich geworden waren.
Aber nicht nur sie.
Manchmal sah ich Gesichter, deren Vergangenheit in der Stadt jeder kannte. Ehemalige Gefangene. Verurteilte. Männer, die man noch wenige Jahre zuvor einen Banditen genannt hatte.
Jetzt trugen sie Anzug.
Groß auf dem Plakat, darunter ein Satz über Vertrauen.
Einmal fragte ich Natascha:
„Warum wählt man so einen? Die Leute wissen doch, wer das ist.“
Sie sah das weniger eindeutig.
„Ach, weißt du, die halbe Sowjetunion saß irgendwann einmal.“
Natürlich meinte sie das nicht wörtlich. Aber ich verstand ihren Einwand. Gefängnis bedeutete hier nicht automatisch dasselbe wie für mich. Zu viele waren aus politischen, absurden oder schlicht undurchsichtigen Gründen eingesperrt worden.
Nur kannte man bei manchen die Geschichte ziemlich genau.
Einige Wochen später hingen überall die Wahlplakate. Große Gesichter über den Straßen, Namen, Losungen.
Seines war auch dabei.
Ich erkannte ihn sofort.
Und musste an die Säcke am Eingang denken.