RUSSISCHES BILLARD

Russisches Billard hatte es immer schon gegeben. Schon in alten Filmen sah man diese großen Tische. Es haftete ihm etwas an – Offiziere, Professoren, Schriftsteller, Männer, die beim Spielen mehr besprachen als das Spiel.

Man fand sie in Hotels, in Sanatorien, in Restaurants und in gewissen Datschen. Aber in Hotels und Restaurants spielte ich ohnehin nicht gern. Zu viel Essen, zu viel Musik, Menschen, die vorbeigingen und auf den Tisch sahen, als wäre er Teil der Einrichtung.

Um 2000 herum kamen die Clubs.

Wir gingen ins Pallas, in Simferopol, gleich vis-à-vis dem Park und dem Kuybyschewa-Markt.

Dort war es anders.

Irgendwann war ich so oft dort, dass ich nicht mehr sagen könnte, wann ich zum Stammgast geworden war. Es geschah einfach. Man kam herein, kannte die Gesichter, wusste, wer wahrscheinlich schon spielte und wer später kommen würde. Man bestellte ein paar Happen, etwas zu trinken. Dann begann man.

Billard war damals nicht billig. Vielleicht gehörte auch das dazu. Wer regelmäßig spielte, zeigte damit ein wenig, dass er angekommen war. Nicht reich unbedingt. Aber angekommen.

Es hatte etwas von einem Club.

Man traf sich, spielte gegeneinander, erzählte sich Neuigkeiten. Jede Neuigkeit war wichtig, zumindest wurde sie so vorgetragen. Manchmal sprach man lange über Dinge, die sich später als vollkommen bedeutungslos erwiesen. Manchmal fiel ein Satz, bei dem alle kurz still wurden.

Und manchmal sagte überhaupt niemand etwas.

Auch das war angenehm.

Für mich war das Pallas eine Pause. Vom Büro, vom Alltag, von den langen Dienstreisen. Ich musste dort nichts erledigen. Niemand wartete auf eine Entscheidung. Vor mir lag nur dieser ungeheuer große Tisch.

Russisches Billard ist riesig.

Als daneben immer häufiger die Poolbillardtische auftauchten, diese kleinen westlichen Tische mit ihren vielen bunten Kugeln, sah ich sie anfangs beinahe verächtlich an.

Ach, dachte ich. Die spielen am kleinen Tisch.

Das hier ist Billard.

Ich bemerkte gar nicht, dass ich längst Partei ergriffen hatte.

Die Kugeln beim russischen Billard waren groß und schwer, die Taschen so eng, dass man manchmal glaubte, die Kugel müsse hineinfallen, und dann blieb sie doch an der Kante hängen.

Der Professor sagte es anders.

„Die Löcher sind so eng wie bei Jungfrauen.“

Er sagte solche Dinge gern.

Er war groß, über eins neunzig, und hatte diese Art, ein Queue zu halten, als sei es nicht für ihn gemacht worden, sondern er für das Queue. Er zündete sich eine Zigarette an, betrachtete den Tisch und konnte aus einer einfachen Partie eine Vorlesung machen.

„Und die Queues“, sagte er, „lang wie Speere.“

Ich fragte: „Und die Fläche?“

Er lächelte kaum sichtbar.

„Die weite Jagd.“

Er setzte den ersten Stoß. Die Kugeln sprangen auseinander.

„Erst treibst du alles auseinander“, sagte er ruhig. „Dann holst du es dir zurück. Stück für Stück.“

Er richtete sich auf.

„Das kann dauern.“

Er sah auf den Tisch, als gehöre er ihm.

„Aber am Ende liegt alles dort, wo du es haben willst.“

So konnte man im Pallas reden.

Wenn Freunde Freunde mitbrachten, wurde ich vorgestellt. Der Österreicher. Der Europäer. Dann dauerte es meistens nicht lange, bis jemand gegen mich spielen wollte.

Es war eine Herausforderung, aber manchmal schien mir, es sei auch eine alte Pflicht.

Gegen den Europäer musste man antreten.

Und möglichst gewinnen.

Am Anfang verlor ich oft. Später nicht mehr so oft. Irgendwann sagte man mir, ich hätte Talent. Vielleicht hatte ich keines. Vielleicht hatte ich nur gelernt hinzusehen.

Denn man konnte beim Billard sehr viel über jemanden erfahren, noch bevor man wusste, was er beruflich machte. Wie er am Tisch stand. Ob er lange zielte oder sofort stieß. Ob er nach einem gelungenen Stoß zur Runde blickte oder nur zur nächsten Kugel. Ob er einen Fehler hinnahm oder eine Erklärung dafür brauchte.

Es gab Spieler, die nach drei Niederlagen noch ruhiger wurden, und solche, die nach der ersten begannen, gegen den Tisch zu spielen.

Wenn niemand aus unserer Runde Zeit hatte und es Donnerstag war, ging ich manchmal trotzdem hin.

Dann spielte ich mit Fremden.

Ich lud sie ein, wir spielten, plauderten, tranken etwas. Manchmal entstand für zwei Stunden eine Bekanntschaft, von der am Ende nicht viel mehr blieb als ein Name.

Andere redeten überhaupt nicht.

Das Schweigen mit solchen Spielern hatte manchmal eine eigene Lautstärke. Wie Hunde hinter einem Zaun. Immer da. Immer wach.

Erst später hörte ich, dass einige von ihnen früher lange Ledermäntel getragen hatten.

Mehr sagte man nicht.

Einmal nahm mich der Eigentümer beiseite.

„Spiel lieber nicht mit denen.“

Warum, fragte ich nicht.

Auch das musste ich lernen.

Man sah nicht nur hin, wie jemand spielte.

Man sah auch hin, wer mit wem spielte.

Irgendwann wurde selbst das nebensächlich.

Dann zählte nur noch das Klicken.

Kugel auf Kugel.

Dieses trockene, schwere Geräusch.

Wenn das Pallas ausgebucht war, suchten wir einen anderen Ort. Irgendwo fand sich immer ein Tisch. Wir wollten spielen. Aber nicht zwischen Hochzeiten, Musik und Abendessen. Der Tisch brauchte Ruhe.

Auch zu Hause war das akzeptiert.

Die Frauen ließen uns gehen.

Billard gehörte irgendwie dazu. Wie die Sauna. Wie Fußball.

Er ging eben Billard spielen.

Im Pallas wurde währenddessen die Welt erklärt.

Politik, Geschäfte, Frauen, Moskau, Kyjiw, Deutschland, Amerika. Jemand wusste immer etwas. Jemand kannte jemanden. Einer hatte gehört, was demnächst passieren würde. Ein anderer wusste bereits, warum es nicht passieren konnte.

Der Professor wusste besonders viel.

Eines Abends fragte er mich:

„Kennst du Stirlitz?“

Ich kannte ihn nicht.

Das löste Erstaunen aus.

Natascha erzählte mir später von ihm. Von diesem Mann, der alles wusste, immer einen Schritt voraus war, ruhig blieb, während um ihn herum alles zerfiel.

Ein Held, der nicht schoss, sondern dachte.

Wir spielten weiter.

Stoß für Stoß.

Dann sagte der Professor, fast nebenbei:

„Andrey Viktoritsch ist weg.“

Keiner reagierte sofort.

„Nach England. Mit seiner Frau.“

Jetzt sahen alle auf.

Niemand hatte davon gewusst.

Das war ungewöhnlich. Im Pallas wusste normalerweise immer jemand etwas.

Der Professor betrachtete den Tisch.

„Bald haben wir niemanden mehr, mit dem man reden kann.“

Dann spielte er weiter.

Der Satz blieb.

Später wurden wieder Kugeln aufgestellt. Jemand bestellte etwas. Einer erzählte eine Neuigkeit. Ein anderer wusste schon mehr darüber.

Damals dachte ich nicht darüber nach, was diese Abende bedeuteten.

Warum auch?

Es war Billard.

Ein großer Tisch. Schwere Kugeln. Enge Taschen. Männer, die kamen und gingen. Einer, mit dem man besser nicht spielte. Ein anderer, der plötzlich nach England verschwunden war. Ein Professor, der aus einer grünen Fläche die weite Jagd machte.

Und ich mittendrin.

Jahre später erinnerte ich mich wieder daran. An den Rauch. An die Stimmen. An das Schweigen. An die Männer, die unbedingt gegen den Europäer gewinnen wollten. An die kleinen westlichen Tische daneben, die ich irgendwann selbst nicht mehr ernst nahm.

Vor allem aber an dieses Klicken.

Damals hätte ich gesagt, russisches Billard sei einfach das bessere Billard.

Heute würde ich vorsichtiger sein.

Vielleicht war ich nur lange genug dort gewesen, um den großen Tisch für den richtigen zu halten.