NAZAR
Ich war gerade bei ihm, als er mich mit Kabeln über der Schulter begrüßte. Nicht aufgelöst, aber nervös. Trotzdem nahm er sich Zeit.
„Ich schwöre dir“, sagte er. „Seit wir einen IT-Techniker haben, haben wir IT-Probleme.“
Er sagte das ohne Ironie. Dann dieser kurze Blick, der prüfte, ob man verstanden hatte.
Ich kannte das. Aber so hatte ich es noch nie gehört.
Nazar hatte ich als Kunden kennengelernt. Er wollte die Dinge richtig machen. Nicht aus Perfektion, eher weil sie funktionieren mussten. Auch als Ukrainer, wie er selbst sagte, mit einem leichten Zögern vor diesem Wort.
Früher hatte er bei Antonov gearbeitet. Danach hatte er über Jahre etwas Eigenes aufgebaut. Klein im Vergleich, aber nicht klein gedacht. Es ging um Jets, um Abläufe, die funktionieren mussten, auch wenn niemand hinsah.
Er erzählte gern von dieser Zeit. Nicht ausschweifend. Immer wieder kam er darauf zurück.
Zur Wende, wie er sagte.
Nicht Zusammenbruch.
Im Gespräch klingelte das Telefon in kurzen Abständen.
Antonov.
Sein Kunde.
Er hätte gestern liefern sollen.
„Die IT“, sagte er. „Blockiert.“
Dann stand er auf.
„Ich fahr zu euch.“
Er sah mich an.
„Kennst du Antonov?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Komm mit.“
In Kiew ist nichts wirklich weit. Zumindest sagen das alle. Fragt man auf der Straße, ist alles fünf Minuten entfernt.
Es stimmt nie.
Wir fuhren los, zogen uns durch den Verkehr. Waghalsig vielleicht, aber nie unkontrolliert. Er fuhr so, wie er sprach.
Nazar stieg aus. Man kannte ihn.
Ich blieb stehen. Niemand kam hier einfach hinein.
„Warte hier“, sagte er. „Ausländer.“
Ich nickte, als hätte ich es verstanden.
Hatte ich aber nicht ganz.
Im Eingang die Kontrolle. Ein Tisch, ein Mann, ein Blick. Ein Drehkreuz und ein internes Telefon. Mehr brauchte es nicht.
Wer hineinwollte, musste sich zeigen. Wer nicht auf der Liste stand, blieb draußen.
Neben dem Drehkreuz ein Lift, der quietschte. Am Eingang eine alte Alutür. Verkratzt, stumpf, zu oft geöffnet und zu selten ersetzt.
Nichts an ihr deutete darauf hin, dass dahinter, über mehrere Etagen, an Flugzeugen gearbeitet wurde. An Maschinen, die die Welt umrundeten.
Ich sah diese Tür an und versuchte, das zusammenzubringen.
Es gelang mir nicht.
Ich ging hinaus, zündete mir eine Zigarette an und wartete.
Menschen gingen ein und aus, zeigten Papiere, wurden durchgewinkt oder zurückgeschickt.
Nach etwa fünfzehn Minuten kam Nazar zurück.
Auf der Rückfahrt erzählte er von der 225.
Der Mrija.
Er war dabei gewesen, als sie umgebaut wurde. Größer. Schwerer. Weiter.
„Abenteuerlich“, sagte er.
Dann:
„Niemand sonst konnte das.“
Er erzählte von dem Tag, an dem sie den Rekord brachen. 254 Tonnen Fracht.
Am selben Tag, sagte er, schlug in New York das erste Flugzeug ein.
- September 2001.
Er sagte es ruhig.
Dann schwieg er eine Weile.
„Für uns war das mehr als ein Flugzeug.“
Er sah aus dem Fenster.
„Die Leute waren stolz darauf.“
Eine kurze Pause.
„Wenn du sie einmal gesehen hast im Flug, verstehst du das.“
Er machte eine Bewegung mit der Hand, als würde er ihre Größe nachzeichnen.
„Die anderen wirken dagegen wie Spielzeug.“
Dann sagte er:
„Und trotzdem haben sie immer gesagt, es sei sowjetisch.“
Er zuckte leicht mit den Schultern.
„War es nicht.“
Ich erzählte ihm von meinem ersten Flug im Cockpit. Vor Jahren, als noch vieles ging.
Eine AN-24.
Ein Freund von mir war Kapitän. Es war kein Platz mehr im Flugzeug, also nahm er mich nach vorne mit. Zu viert im Cockpit, auf dem Weg nach Simferopol.
Er ließ mich kurz an den Steuerknüppel.
Nicht lange. Aber lang genug.
Die Maschine reagierte sofort. Direkt. Kein Zögern.
Nazar hörte zu, ohne zu unterbrechen.
Dann nickte er.
„Früher“, sagte er, „war alles direkter.“
Er sah aus dem Fenster.
„Heute hast du immer etwas dazwischen.“
Dann klingelte wieder das Telefon.
Er ging ran, hörte zu, sagte wenig.
Später kamen wir wieder auf früher.
„Damals gab es das alles nicht“, sagte er. „Kein Windows. Kein Telefon.“
Er erzählte, wie er Nächte damit verbracht hatte, Windows zu verstehen. Raubkopien, Versuche, wieder von vorne.
„Man musste es lernen.“
Dann sah er auf das Telefon in seiner Hand.
„Heute sind alle Hacker.“
Nach 2014 sei es anders geworden. Grenzenlos. Zweimal hätten sie ihn lahmgelegt.
Ich erzählte ihm von Petya. Ihn hatte es auch erwischt.
Deshalb hatte er investiert. Neue Technik. Einen Techniker.
„Anders geht es nicht.“
Dann, fast nebenbei:
„Die Russen hacken uns.“
Er sagte es ruhig.
Er sprach über Firewalls, über Systeme, als hätte er sich auch das selbst beigebracht.
Dann wurde er stiller.
„Es ist im Leben immer so“, sagte er.
„Hast du einen Arzt, wirst du krank. Hast du Politik, hast du ein Problem. Hast du Geld, hast du Steuern.“
Er hielt inne.
„Hast du Krieg, wirst du …“
Er fand das Wort nicht.
Wir waren angekommen.
Der IT-Techniker kam uns entgegen, strahlend, als hätte er alles im Griff.
Nazar sah ihn an.
„Slava Bogu“, sagte er.
Dann stieg er aus.