ZIEGELSTEINE

Das Land entwickelte sich in Schüben. Man sah es auf den Messen.

Wir waren jedes Jahr dort. In Kiew. Seit 1994. Es kostete viel Geld und Wochen an Vorbereitung. Wer dort stand, musste gut sein im Geschäft. Oder wenigstens so wirken.

Für uns aus Simferopol war es ein weiter Weg. Alte VW-Busse, vollgeladen mit Werkzeugen, Katalogen, Teilen. Alles, was man zeigen konnte. Alles, was man brauchte, um ernst genommen zu werden.

Allein der Stand kostete ein Vermögen. Dazu die Mitarbeiter, die Tage, die Reise. Billig waren diese Messen nicht. Manchmal teurer als in Deutschland.

Und doch fuhren wir jedes Jahr.

Weil man dort gesehen wurde.

Oder verschwand.

Die Hallen waren oft keine richtigen Hallen. Außer dem WDNH. Viel öfter waren es ehemalige Sportpaläste, Räume, in die man Messen hineinzog, nicht hineinbaute. Es war kalt, ungeheizt, die Beleuchtung schlecht. Ein graues Licht lag über allem und machte selbst neue Maschinen stumpf.

Man stand im Mantel hinter dem Stand und sprach von Zukunft.

Laut war es auch. Nicht wegen der Maschinen. Wegen der Menschen. Stimmen, Schritte, Rufen, ein Geräusch, das nicht aufhörte. Fünf Tage lang.

Firmen, die einem den Aufbau abnahmen, gab es nicht. Also alle ran. Möbel hier, Kataloge dort, Poster dahin.

Wo ist das Scotch?

Wer hat das Messer?

Fehlt noch der Prospekt?

Nichts lief von selbst.

Am Eröffnungstag kam jemand vom Ministerium für Holzwirtschaft, schnitt ein Band durch, man fotografierte es, eine Kapelle spielte. Es hatte etwas Offizielles und zugleich etwas Provisorisches. Wie so vieles.

Die Aussteller sahen einander. Nicht offen. Aber genau.

Man gab sich die Hand, doch sie war schwer. Zu fest, zu lang, als würde man mehr prüfen als begrüßen. Jeder wusste, wer der andere war.

Welcher Stand war schöner? Wer zeigte was? Welche Preise hatte er? Woher kam die Ware?

Dann ging es los.

Vor den Hallen schon Gedränge. Wir wussten, was das hieß. Ein langer Tag.

Fütterung, sagten manche.

Kollektiver Hunger, andere.

Viele kamen nicht nur wegen der Maschinen. Sie wollten wissen, woher sie kamen, was sie kosteten, ob man sie wirklich bekommen konnte. Sofort oder in drei Monaten. Ohne jemanden zu kennen.

Gerade bei den ausländischen Ständen wurde lange gefragt.

Vor uns Schlangen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Man sah, tastete, fragte. Und blieb. Als gäbe es etwas umsonst.

Dabei wartete jeder geduldig, Reihe um Reihe. Die Kleidung dunkel, schwer, oft noch Pelzmützen auf den Köpfen, selbst in den Hallen. Die Gesichter ruhig, fast unbewegt, und doch lag etwas darin.

Erwartung.

Hunger. Nicht nur nach Ware.

Wenn jemand etwas kaufte, wurde er am Ausgang kontrolliert. Taschen wurden geöffnet, Blicke blieben hängen. Ging ein Verkäufer mit, war alles in Ordnung.

Alle hatten zu tun.

Die wenigen Ausländer hatten anfangs einen anderen Stand. Nicht nur im Raum, auch im Blick der anderen. Die lokalen Hersteller sahen hin. Zu lange. Zu genau. Manche sagten nichts. Andere sagten: Kauft doch unser eigenes.

Und doch griffen viele zum Fremden.

Adressen wurden notiert. Später gekauft.

Bar.

Geschäfte liefen.

Ich erinnere mich an einen Mann, der mir einen größeren Betrag gab und dafür eine Lieferzeit von einem halben Jahr akzeptierte. Übergabe auf der nächsten Messe.

Er bat mich in ein Séparée hinter dem Stand.

Zwei Bündel lagen dort, in Zeitungspapier gewickelt. Er öffnete eines, zählte die Hälfte ab und legte sie vor mich.

Fünfzehntausend Dollar.

„Ohne Quittung?“

Er lachte.

Minuten später erzählte ich Natascha davon.

„Aha“, sagte sie. „Zwei Ziegel.“

„Was bitte?“

„Ein Zehntausender-Pack“, sagte sie. „Ein Ziegel.“

„Und warum Zeitungspapier?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Viele machen das so.“

In den ersten Jahren sah man das Geld noch. Hinter den Ständen, in Zeitungspapier, in Taschen.

Später sah man es nicht mehr.

Das hieß nicht, dass es verschwunden war.

Ab und zu ging eine Verkäuferin mit Schürze und weißer Kappe durch die Reihen. Piroschki, Kaffee, Tee. Auf einem Tablett, das sie ruhig vor sich trug, als gehörte es dazu. Etwas wie ein Restaurant gab es nicht. Man aß im Stehen. Zwischen Gesprächen. Zwischen Abschlüssen.

Auch Schulklassen kamen. Sie standen vor den Maschinen mit offenen Augen. Werkzeuge aus aller Welt. Dinge, die man sonst nicht sah.

Staatsbetriebe waren ebenfalls da. Holz gab es in den Karpaten genug. Auch sie mussten hier stehen, sprechen, Protokolle führen, sich zeigen.

Wir kamen aus Simferopol, aber jeder wusste, wir waren Österreich.

Und wir fielen auf.

Wir waren die Ersten, die eine einheitliche Messekleidung einführten. Für alle. Auch die Sekretärinnen nahmen wir mit. Sie sollten sehen, wie wir dort standen, wie wir arbeiteten, wie ein Geschäft zustande kam.

Am Ende der Messe war oft ein großer Teil der Ware verkauft. Man packte zusammen, was übrig geblieben war, lud wieder die Busse und fuhr zurück nach Simferopol.

Im nächsten Jahr wieder.

Und wieder.

Es war wie im Schach. Fast immer dieselbe Eröffnung. Aber nie dieselbe Partie.

Die Hallen änderten sich. Die Stände wurden besser. Das Licht wurde besser. Firmen kamen dazu, andere verschwanden. Irgendwann gab es Leute, die den Aufbau übernahmen. Restaurants. Ordentliche Eingänge. Professionelle Organisation.

Auch die Menschen vor den Ständen veränderten sich.

Die Pelzmützen verschwanden.

Die Schlangen wurden kürzer.

Niemand bestaunte mehr jede Maschine, nur weil sie aus Deutschland, Österreich oder Italien kam. Man verglich. Fragte nach Leistung, Preis, Service. Man wusste inzwischen, was man wollte.

2019 war meine letzte Messe in der Ukraine.

Sie lag ganz zentral. Eine schöne Messe, professionell organisiert, besser als manche, die ich anderswo in Europa erlebt hatte.

Gezahlt wurde inzwischen anders. Verabredet auch.

Ziegel sah ich keine mehr.

Das bedeutete nicht, dass es keine gab.

Aber niemand stand mehr im Mantel hinter seinem Stand.

Die Halle war warm geworden.

Es war wie im Schach. Fast immer dieselbe Eröffnung. Aber nie dieselbe Partie.