DIE WEITERGABE

In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion fiel mir irgendwann ein kleines Detail auf.

Man stieg in eine Maschrutka, oft mit schweren Taschen oder Einkäufen in der Hand, wollte sich zuerst irgendwo hinsetzen, ehe der Wagen wieder anruckte, und irgendwann wurde man von hinten an der Schulter angestupst.

Ich drehte mich zuerst irritiert um, bis ich verstand, dass ich das Fahrgeld weiterreichen sollte.

Nach vorn. Zum Fahrer.

Fremdes Land, dachte ich. Ich bin hier Gast. Also reichte ich das Geld weiter.

Und nicht nur ich. Auch die Reihen vor mir. Selbst wenn dazwischen ein Platz leer war, stand jemand auf, nahm das Geld, gab es weiter, wortlos, ohne zu zögern, als wäre der ganze Kleinbus ein einziger Körper mit vielen Händen.

Damit nicht genug.

Das Restgeld kam auf demselben Weg zurück.

Ich hasste das.

Nicht offen. Nicht sofort. Aber innerlich. Warum hatte der andere sein Kleingeld nicht vorbereitet? Warum musste jetzt der halbe Bus seine Unordnung ausgleichen? Warum wurden wir alle gezwungen, seine Bequemlichkeit mitzutragen?

Erst später begriff ich, dass mich vielleicht nicht seine Faulheit störte, sondern etwas anderes: eine Selbstverständlichkeit, die mir fremd war.

Alle machten diesen Staffellauf der Münzen mit.

Niemand fragte, ob er zuständig sei. Niemand erklärte den Ablauf. Niemand beschwerte sich. Das Geld ging nach vorn. Das Restgeld kam zurück.

Und erstaunlicherweise kam es zurück.

Manchmal durch fünf, sechs Hände. Münzen, Scheine, fremdes Geld. Einer nahm es, gab es dem Nächsten, der Nächste wieder weiter. Vorne wurde bezahlt, der Fahrer zählte während der Fahrt das Wechselgeld, und dann begann alles in die andere Richtung.

Es funktionierte.

Mich irritierte das jahrelang, bis auch ich irgendwann automatisch danach griff, ohne mich umzudrehen, sobald sich eine Hand mit Geld zwischen den Sitzen zeigte.

Vielleicht war genau das das Merkwürdige.

Niemand musste darüber sprechen. Man musste sich auch nicht kennen. Für ein paar Sekunden übernahm jeder etwas für einen anderen, weil der Ablauf sonst nicht funktionierte.

Der Fahrer fuhr. Irgendjemand kassierte mit. Andere gaben zurück. Niemand war dafür zuständig, und trotzdem waren es alle.

Das war mir fremd gewesen.

Später sah ich solche kleinen Übergaben überall. Jemand hielt eine Tür, nahm ein Paket mit, kannte jemanden, fragte jemanden, regelte etwas. Vieles funktionierte über Menschen, wo man anderswo einen festen Ablauf erwartet hätte.

Das hatte zwei Seiten. Es machte das Leben erstaunlich beweglich. Was nicht vorgesehen war, wurde eben irgendwie möglich gemacht. Gleichzeitig konnte etwas, das schlecht organisiert war, sehr lange weiterlaufen, weil immer jemand die Lücke schloss.

In der Maschrutka dachte ich darüber natürlich nicht nach.

Jahre später auch nicht mehr.

Wenn hinter mir eine Hand mit Geld auftauchte, nahm ich es.

Gab es nach vorn.

Kam Wechselgeld zurück, reichte ich es wieder nach hinten.

Ohne mich umzudrehen.