DIE GRÖSSERE ORDNUNG
Ich hatte einmal einen engen Freund. Er hieß Piotr.
Er war ethnischer Russe, lebte aber seit mehr als zwanzig Jahren auf der Krim. Er besaß ein kleines Büchergeschäft. Reich wurde er damit nicht, aber es reichte zum Leben.
Wir lernten uns Ende der neunziger Jahre kennen. Seine Frau Anja und er luden mich oft zu sich nach Hause ein. Wir sprachen viel über Europa. Für sie lag dort die Zukunft, vor allem die ihrer Kinder.
Ihr Sohn Aleksey war damals etwa siebzehn Jahre alt. Ein kluger Junge. Ruhig. Aufmerksam. Und in einem Alter, in dem ihm zunehmend auf die Nerven ging, wenn jemand wusste, was gut für ihn war.
Ich sprach oft mit ihm.
Piotr war kein strenger Vater. Jedenfalls nicht in dem Sinn, wie man sich einen autoritären Menschen vorstellt. Er schlug nicht. Er schrie selten. Er glaubte einfach, Verantwortung bedeute, Entscheidungen zu treffen. Er wollte seine Kinder auf eine Welt vorbereiten, die niemandem etwas schenkte.
„Lernt, euch durchzuschlagen“, sagte er oft. „Und wenn ihr etwas macht, dann macht es ordentlich.“
Es war kein schlechter Rat.
Und doch schien Aleksey fast alles daran zu stören. Nicht nur die Regeln. Schon die Tatsache, dass jemand anders sie aufstellte.
Eines Abends saßen wir gemeinsam am Küchentisch. Das Gespräch kam auf die Marine.
„Du gehst dort nicht hin“, sagte Piotr.
Aleksey sah ihn nur an.
„Warum nicht?“
„Weil ich weiß, wie es dort ist.“
„Woher willst du das wissen?“
Piotr lachte kurz.
Nicht freundlich.
„Weil ich dort war.“
Dann begann er zu erzählen.
Von Offizieren, die ihre Stellung ausnutzten. Von älteren Soldaten, die die Jüngeren schikanierten. Von Schlägen, Erniedrigungen, Bestechung. Von einem System, das nach außen Disziplin zeigte und im Inneren oft von Willkür lebte.
„Wenn du kannst“, sagte er schließlich, „geh studieren. Such dir etwas anderes. Dort lernst du nichts fürs Leben.“
Ich nickte.
Es klang überzeugend.
Aleksey schwieg.
Dann sagte er leise:
„Du willst doch nur, dass ich das mache, was du willst.“
Piotr verstand den Satz nicht.
„Es geht nicht um mich.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Anja mischte sich ein.
„Hör auf Onkel Jürgen. Er ist Europäer. Er weiß, wie die Welt funktioniert.“
Damit war es wahrscheinlich endgültig zu viel.
Jetzt saßen da nicht mehr nur Vater und Sohn. Plötzlich saß auch ich auf der anderen Seite des Tisches. Der Europäer, der offenbar wusste, wie die Welt funktionierte.
Aleksey hörte längst nicht mehr zu.
Ich erinnere mich noch an seinen Blick. Eigentlich redeten die beiden längst nicht mehr über die Marine.
Damals hielt ich das für einen gewöhnlichen Konflikt zwischen Vater und Sohn. Fast jeder junge Mensch will irgendwann seinen eigenen Weg gehen. Fast jeder Vater versucht, ihn vor Fehlern zu bewahren.
Ich dachte nicht weiter darüber nach.
Aleksey verließ die Ukraine später und ging nach Russland. Das war noch vor 2014, lange bevor die Krim annektiert wurde. Er heiratete dort und nahm die russische Staatsbürgerschaft an.
Als ich ihn 2013 wiedertraf, besuchte ich ihn.
Er trug Uniform.
Aleksey war Soldat geworden. Und nicht nur für kurze Zeit.
Zu meiner Überraschung wirkte er ruhig. Fast zufrieden.
Er sprach über seine Einheit. Über Übungen. Über Kameraden. Über Disziplin. Nicht mit Begeisterung. Aber mit einer Gelassenheit, die ich bei ihm früher nie gesehen hatte.
Ich musste lächeln.
„Ausgerechnet du.“
Er sah mich fragend an.
„Du wolltest dir doch früher von niemandem etwas sagen lassen.“
Er lächelte ebenfalls.
„Das ist etwas anderes.“
„Warum?“
Er überlegte kurz.
Dann sagte er:
„Hier weiß jeder, wo er hingehört.“
Seine Antwort irritierte mich.
Ich musste an den Abend am Küchentisch denken. An Piotr und seine Warnungen. An die Geschichten über Erniedrigung, Korruption und Willkür. Sein Vater hatte ihn ausgerechnet vor dieser Welt bewahren wollen.
Und Aleksey hatte gegen ihn aufbegehrt, weil er sich von ihm nichts vorschreiben lassen wollte.
Jetzt trug er Uniform.
Lange erschien mir das widersprüchlich.
Irgendwann nicht mehr.
Aleksey hatte die Ordnung seines Vaters abgelehnt.
Gefunden hatte er eine größere.