FEMININ
Es fiel mir früh auf, wie viel Wert Frauen auf ihr Äußeres legten, auch wenn das Geld knapp war. Ein sauberer Rock, ein Zopf, roter Lippenstift. Manchmal Schuhe, bei denen ich mich fragte, wie man damit über diese Straßen kam.
Anfangs las ich das falsch. Ich hatte manchmal den Eindruck, man mache sich zurecht wie für einen Markt. Um gesehen zu werden, vielleicht auch, um gewählt zu werden.
Es war billig gedacht. Und dumm.
Mit der Zeit verstand ich es anders.
Ich bin stolz auf mich. Trotz allem.
Das traf es eher.
Erst später sah ich noch etwas anderes. Zuerst sah man die Schönheit. Das andere kam später. Ernst vielleicht. Erfahrung. Ein Wissen um sich selbst.
Sie erwarteten Klarheit, auch von Männern. Einen Blick, der hielt. Den fanden sie nicht immer.
In den neunziger Jahren gingen viele. Wegen der Sicherheit, wegen des Geldes, wegen eines anderen Lebens. Manchmal wohl auch, weil sie anders gesehen werden wollten.
Ich erinnere mich an eine Messe in Kiew, Ende der neunziger Jahre. Ein großes Hotel, schwere Vorhänge, gedämpftes Licht. Samowar, Teppiche, Stimmen. Und dann dieser Vorraum. Dreißig, vierzig junge Frauen, herausgeputzt, nebeneinander. Ihnen gegenüber Männer aus dem Ausland. Auch sie waren gekommen, um sich zu zeigen. Manche selbstbewusst, manche sichtbar unsicher. Jeder mit einer Vorstellung davon, was er hier finden könnte.
Neben manchen saß eine Dolmetscherin. Sie übersetzte nicht nur, sie führte das Gespräch mit.
Es ging schnell. Ein paar Sätze, ein Blick, eine Frage. Interesse war durchaus da. Man setzte sich zusammen, sprach, ließ übersetzen. Und dann sah man oft, wie etwas nachließ. Die ersten Minuten hatten gereicht.
Das ist es nicht.
Nur wenige gingen am Ende auch miteinander fort.
Ich blieb länger stehen als nötig. Dann ging ich weiter.
Später begegnete mir Ähnliches wieder, nur anders. Ich flog damals viel, fast jede Woche. Es war die Zeit, in der man noch ohne Visum einreisen konnte. Ein Formular am Flughafen, ein Stempel, drei Monate. Manchmal sechs. Ich nutzte das.
Am Gate nach Istanbul standen sie wieder. Einige von ihnen. Schön, ruhig, auffällig unauffällig. Nur Handgepäck. Sie sprachen kaum. Auf dem Rückflug saßen manche wieder im Flugzeug. Gleiche Haltung, andere Kleidung.
Nach einigen Flügen begannen wir uns zu grüßen. Kurz. Man erkannte sich, ohne sich zu kennen. Manchmal dachte ich, eine würde mich ansprechen. Ein Angebot vielleicht. Ich wirkte wohl wie jemand von außen.
Es geschah nie.
Einmal saß ein Türke neben mir. Wir kamen ins Gespräch. Ich fragte ihn, wie er das sehe.
Er lächelte.
„Das sind Schätze“, sagte er. „Die man berühren darf. Aber sie gehören dir nie.“
Er sagte das ruhig, fast freundlich. Gerade das irritierte mich.
Ich sagte nichts.
Unter uns lag das Schwarze Meer. Flach, grau, ohne Kontur.
Was genau diese Frauen in Istanbul machten, wusste ich nicht. Manches konnte man sich denken. Mehr wusste ich nicht.
Zurück in den Städten sah man die Frauen wieder anders. Sie arbeiteten, studierten, organisierten. Vieles lief über sie. Man sah es nicht sofort. Erst wenn man länger blieb.
Die Männer wirkten oft anders. Unruhiger vielleicht. Bei manchen hatte ich das Gefühl, dass ihnen etwas abhandengekommen war. Eine Rolle, die einmal selbstverständlich gewesen war. Manche fanden ihren Platz schnell. Andere gar nicht.
In den Karpaten, nahe der rumänischen Grenze, sah ich später die Häuser. Groß. Manchmal zu groß. Neue Fassaden zwischen alten Zäunen, schmalen Wegen und Gärten, die nicht mithielten. Das Geld war oft im Ausland verdient worden. Als Erntehelferin, als Erdbeerpflückerin, in Haushalten. Manchmal ging der Ehemann mit.
Ein paar Jahre reichten.
Dann stand ein Haus.
Und blieb.
Ein altes Sprichwort sagt, der Mann sei der Kopf der Familie, die Frau der Hals. Ich hörte es oft. Anfangs fand ich es lustig. Später weniger.
Auf Bahnhöfen, in Hinterhöfen, in Hotels sah man auch anderes. Frauen, bei denen man nicht wusste, wie viel Entscheidung noch in dem lag, was sie taten. Man bekam davon nur Ausschnitte mit. Mehr will ich daraus auch nicht machen.
Wenige Straßen weiter begann wieder der gewöhnliche Alltag. Studentinnen, Verkäuferinnen, Frauen hinter kleinen Tischen. Die Welten lagen nahe beieinander. Näher, als ich es aus meiner Welt kannte.
Mit den Jahren änderte sich etwas.
Die Frage, warum man gehen sollte, war nicht mehr so einfach zu beantworten.
Das Land veränderte sich. Man konnte auch hier leben. Arbeiten. Etwas aufbauen. Ein Haus kaufen, einen Garten haben, die Familie in der Nähe.
Und manches, das eine Zeit lang altmodisch gewirkt hatte, bekam wieder einen Wert. Boden. Familie. Das eigene Haus. Tradition blieb Tradition.
Warum nach Deutschland gehen und dort in einem Wohnblock leben, wenn hier ein Haus mit Garten erreichbar war?
Solche Sätze hörte ich immer öfter.
Auch die Ukraine selbst wurde anders gesehen. Nicht mehr nur als ein Ort, von dem man wegmusste. Viele verbanden sich neu mit ihr. Mit dem Boden, der Familie, einem Leben, das plötzlich nicht mehr nur nach Übergang aussah.
Ein normales Glück war erreichbar geworden.
Nicht für alle. Aber für genug, um etwas zu verändern.
Das Feuer der Erneuerung wärmte inzwischen gut genug.
Natascha erzählte mir irgendwann von Anna von Kiew. Eine Frau aus Kiew, die Königin von Frankreich wurde. Und von Roxolana. In Istanbul begegnete einem dieser Name ohnehin.
Vorbilder?
Vielleicht. Oder Geschichten, die geblieben waren.
Auffällig fand ich, wie man sie erzählte. Nicht als Frauen, denen es gelungen war, von hier fortzukommen. Man erinnerte sich daran, woher sie kamen.
Die eine ging als Fürstentochter nach Frankreich, die andere wurde verschleppt. Zwei vollkommen verschiedene Geschichten. Aber beide verschwanden in der Fremde nicht.
Ich musste später öfter daran denken. An die Frauen im Hotel. An jene im Flugzeug. An die Häuser in den Karpaten. Und an die vielen, die überhaupt nicht gingen.
Vielleicht hatte ich anfangs zu sehr auf jene gesehen, die fortgingen. Mit den Jahren sah ich stärker, was die anderen taten. Sie blieben, kamen zurück, bauten Häuser, gründeten Familien, hielten an Dingen fest, die plötzlich gar nicht mehr altmodisch wirkten.
Der Mann sei der Kopf der Familie, die Frau der Hals.
Ich dachte wieder daran. Tradition war Tradition. Und inzwischen gab es wieder etwas, das es wert war, getragen zu werden.
Für mich wirkte die Ukraine bis heute feminin. Ich kann bis heute nicht sagen, warum.
Geschlossen, stolz, und vor allem schön.
Darum kämpfen die Männer nun.