BABACHAT
Einer der Momente, die unsere Ehe trugen, war dieser.
Ich bat Natascha, mir die Haare zu schneiden. Sie schnitt sie sehr kurz. Danach sagte ich zu ihr:
„Ein Soldat ist genug in der Familie.“
Ich meinte unsere Tochter, die damals beim Bundesheer unter Vertrag stand.
Natascha antwortete sofort, wie aus einem Reflex heraus:
„Warum befiehlst du dann?“
Ich lachte über diesen Mutterwitz, der in ihr lebte, und erzählte es gleich der Schwiegermutter, beinahe stolz auf sie. Sie schmunzelte nur und sagte:
„Jede Frau ist ein Soldat.“
Worauf ich erwiderte:
„Tja. Wenn das so ist, braucht es eben einen General.“
Ein paar Tage später sagte Natascha, wir seien inzwischen „Babahacht“ geworden. Eine Mischung aus Babuschka und Matriarchat.
Ich musste lachen.
Weil man sofort verstand, was sie meinte, obwohl es dieses Wort nicht gab.
Und vielleicht verstand ich gerade deshalb langsam etwas über Familie. Über die Art, wie Frauen miteinander sprachen, sobald Männer nicht mehr im Zentrum standen.
Mutter und Tochter sprachen unter sich anders, als wenn ich mit in der Runde war. Wahrscheinlich galt das ebenso umgekehrt. Auch Männer sprechen anders miteinander, sobald keine Frauen dabei sind. Gruppen verändern Sprache. Selbst dann, wenn alle glauben, völlig frei zu sprechen.
Gerade in langen Beziehungen beginnt man das irgendwann zu bemerken. Menschen besitzen nicht nur eine Stimme. Sie besitzen mehrere soziale Stimmen. Manche erscheinen nur in bestimmten Konstellationen.
Trotz aller Konflikte sah ich oft, wie Mutter und Tochter sich zusammensetzten und miteinander sprachen.
Nicht gegen mich.
Aber bewusst ohne mich.
Nicht, um mich zu verletzen. Eher wie eine stille Tradition zwischen Frauen. Eine Form von Nähe, die keinen Zuschauer brauchte. Es war die Weitergabe von Wissen, vielleicht für die nächste Generation.
Manchmal wurde ich später wieder dazugeholt. Man wollte wissen, wie ich etwas sah. Nicht unbedingt, weil mein Urteil mehr galt. Es war eine andere Sicht, die plötzlich gebraucht wurde.
So wechselten die Gesprächsräume. Mal gehörte man dazu, mal nicht. Und niemand musste das erklären.
Ich sah das in der Ukraine häufig. Vor allem dort, wo mehrere Generationen unter einem Dach lebten. Mutter, Tochter, Kinder – manchmal fast wie ein eigener Organismus.
Oft hatte ich den Eindruck, dass die Rollen dort klarer wirkten als in Mitteleuropa, wo sich Familien früher voneinander lösten. Wobei es eigentlich keine fest zugeteilten Rollen waren.
Eher eine stille Balance zwischen verschiedenen Welten.
Bei Natascha fiel mir etwas auf, das ich lange nicht recht benennen konnte. Selbst in kleinen Gesten lag etwas Eigenständiges. Etwas, das sich nicht ganz einfügen wollte.
Manchmal sprach sie über Ukrainerinnen, als hätten sie früher geritten.
Nicht wörtlich.
Eher in der Haltung.
Es lag in der Art, wie sie widersprach. Wie sie entschied. Wie Mutter und Tochter miteinander sprachen.
Der Mann hingegen musste nicht Mittelpunkt sein, um im Zentrum zu stehen.
Ohne sie kein er. Ohne ihn keine sie.
Vielleicht war es diese Balance, die mir auffiel.
In Russland begegnete mir der Mann oft anders. Er schien größer sein zu müssen. Sichtbarer. Man rief ihn an, wenn etwas nicht weiterging. Wenn man an eine Grenze stieß. Wenn jemand etwas entscheiden, durchsetzen oder möglich machen sollte.
Hier musste er nicht erst groß werden, um seinen Platz zu haben.
Vielleicht war es das, was ich nicht nur bei Natascha spürte. Diese eigentümliche Form von Weiblichkeit. Wärme und Härte zugleich. Nähe, aber ohne Unterordnung.
Sie machte den Mann nicht kleiner, um selbst größer zu werden.
Später las ich über die alten Geschichten der Steppe. Über Frauen, die kämpften und ritten. Über die Ebenen nördlich des Schwarzen Meeres, in denen die Griechen einige ihrer Geschichten von Amazonen verorteten.
Ich musste an Natascha denken.
Später, aus einem anderen Grund, auch an die Sitsch.