DAS BELLEN
Wir hatten wieder Streit. Zu Hause.
Es begann nicht hier.
Da war es wieder. Nicht direkt. Aber im Ton, im Wort, in kleinen Vergleichen. Ein Heben der Augen.
Ich sei ein Bürgerlicher. Keiner mit Kraft. Ich schlafe zu viel. Ich wüsste nicht, was echte Müdigkeit sei. Dass gerade ich ihre Tochter geheiratet hatte – ich, wie ein Baron – das verstand sie nicht. Männer waren damals anders. Sie wusste wie. Und wann.
Und ich war Ausländer.
Das war damals noch etwas anderes als heute. Herkunft und Sprache waren nur ein Teil davon. In ihrer Generation steckte noch das Wissen, dass man mit Ausländern vorsichtig war. Kontakt konnte Fragen auslösen. Man wusste nie genau, wer hinsah, wer etwas wissen wollte und was besser nicht erzählt wurde. Das war längst nicht mehr die Sowjetunion. Aber manches verschwand nicht mit ihr.
Ob es bei ihr tatsächlich Angst war, wusste ich nicht. Manchmal spürte ich nur diesen kleinen Abstand. Ich gehörte zur Familie und kam doch von draußen.
Es blieb nie stehen. Aber es blieb. Und irgendwann setzte es sich fort.
„Das war anders“, sagte sie.
Fast beiläufig, aber mit diesem Unterton, der einen Widerspruch geradezu herausforderte. Natascha reagierte sofort. Ich sah es, noch bevor sie sprach. Dieses kurze Anziehen im Gesicht. Der Streit war älter als das, worüber wir gerade redeten.
„Ich weiß es doch genau“, sagte sie. „Und überhaupt – immer wollt ihr, dass ich nicht rede. Immer ihr.“
Dieses „ihr“ meinte mehr als die Mutter. Es meinte eine Nähe, aus der man nicht so leicht herauskam.
Man lebte zusammen. Oft zu dritt, zu viert, manchmal mehr. Nicht unbedingt, weil man sich dafür entschieden hatte. Wohnungen, keine Häuser. Eltern, Kinder, manchmal Großeltern. Wer kein eigenes Zuhause hatte und die Eltern nicht im Stich lassen konnte oder wollte, blieb. Abstand war schwer herzustellen. Auch im Streit.
Die Mutter schüttelte den Kopf.
„So war es nicht.“
Wir waren längst nicht mehr bei dem, womit es begonnen hatte. Ein Detail aus früheren Jahren kam dazu, dann ein anderes. Wer was gesagt hatte. Wer gearbeitet hatte. Wer müde gewesen war. Wer sich um wen gekümmert hatte.
„Ihr versteht das nicht“, sagte sie.
Das saß.
Denn wen meinte sie? Mich sicher. Aber auch ihre Tochter, die doch dabei gewesen war.
Natascha ging darüber hinweg. Sie korrigierte, erklärte, erinnerte sich anders.
Wir wollten ruhig bleiben. Schafften es nicht immer.
Mama hatte dabei eine Art, die mich anfangs wahnsinnig machte. Sie fragte nicht.
Sie bellte etwas in den Raum.
Eine Behauptung. Sicher vorgetragen. Manchmal so sicher, dass ich mich fragte, wie sie darauf überhaupt kam.
Widersprach man und gab ihr zu verstehen, wie es denn sei, kam dieses:
„Da?“
Fragend diesmal.
Dann ein Seufzen.
Und sie hörte zu.
Nicht unbedingt friedlich. Sie verteidigte ihren Satz, legte nach, stellte den nächsten daneben. Aber irgendwann begriff ich, dass es ihr nicht immer nur darum ging, recht zu behalten. Manchmal hatte ich den Verdacht, sie hoffte geradezu auf Widerspruch.
Denn wer widersprach, musste erklären.
Und wer erklärte, gab etwas her.
Ich begann diese Art später auch bei anderen zu erkennen. Eine Frage hätte bedeutet, nicht zu wissen. Also fragte man nicht. Man stellte sein Wissen hin. Fest, manchmal provokant, notfalls falsch.
Und dann wieder:
„Da?“
Ein Seufzen.
Weiter.
Mama beherrschte das jedenfalls.
Sie warf etwas hin. Natascha widersprach, erklärte, korrigierte. Mama hielt dagegen. Und manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie genau darauf gewartet hatte.
Das konnte einen wahnsinnig machen.
Sie rüttelte so lange am Baum, bis etwas herunterfiel.
Sie hob den Apfel auf.
Und biss hinein.