SCHWIEGERMUTTER UND BLUMENGUSS

Meine Schwiegermutter brachte Blumen in mein Büro. Und immer mehr.

Sie goss sie auch. Regelmäßig, gewissenhaft.

Damit hatte sie einen Grund, hereinzukommen. Jederzeit. Unangekündigt.

Die Blumen waren ihre Eintrittskarte.

Ich wusste es. Sie wusste es auch. Gesprochen wurde darüber nicht.

Man bewegt sich anders, wenn man glaubt, allein zu sein. Und anders, wenn man weiß, dass jemand jederzeit eintreten kann.

Erst mit den Jahren begann ich, diese kleinen Dinge an ihr zu erkennen. Die Wachsamkeit, das Misstrauen, manchmal auch dann, wenn niemand etwas von ihr wollte.

Sie war im Kommunismus aufgewachsen und durch den Zusammenbruch gegangen.

Wenn man sie zurechtwies, brach sie. Tränen. Rückzug. Und kurz darauf war sie wieder da.

Man sah es auch in kleinen Dingen.

Vor einer Reise setzte man sich kurz auf den Koffer. Wer etwas vergessen hatte und zurückkehrte, blickte in den Spiegel. Leere Flaschen stellte man nicht auf den Tisch.

Warum?

Weil man es so machte.

Sie stand selten einfach nur da. Immer in Bewegung. Schultern leicht eingezogen, das Kinn vorgeschoben. Wenn man sagte, sie solle sich setzen, es sei doch alles gut, kam manchmal dieser kurze Blick. Dann ein Lächeln.

Auch in Gesprächen kehrte sie immer wieder zurück. Zu früher. Zu dem, was war. Und zu dem, was man ihr schuldete.

Sie war Mutter. Und sie war Witwe.

Ihren Mann hatte sie durch die Folgen von Tschernobyl verloren.

Vielleicht erklärte das nicht alles. Aber es gehörte zu ihr. Vieles musste danach ohne ihn weitergehen. Die Tochter, der Haushalt, das Geld, der Alltag. Man konnte warten, bis jemand etwas tat. Oder man tat es selbst.

Man begegnete solchen Frauen überall: als Schaffnerin, hinter dem Schalter, im Büro. Sie regelten, organisierten und trugen gleichzeitig Haushalt, Kinder und all das, was eben noch erledigt werden musste.

Man sah es an den großen Taschen, die sie bei sich hatten. Darin war alles: Brot, Medikamente, Dokumente – manchmal ein Schraubenzieher.

Für alles gerüstet.

Ich erinnere mich an einen meiner ersten Besuche bei ihr.

Ich wurde betrunken gemacht. Nicht offen. Aber konsequent. Als müsse man die Distanz zwischen und erst einmal auflösen.

Irgendwann konnte ich kaum noch stehen und übergab mich mitten in der Eingangstür.

Mama nahm mich und führte mich ins Badezimmer. Dann begann sie, mich auszuziehen.

„Bist du verrückt?“, schrie Natascha.

Mama verstand die Aufregung nicht. Ich musste schließlich gewaschen werden.

Viel bekam ich davon ohnehin nicht mehr mit.

Erst später erzählte mir Natascha, was Mama danach zu ihr gesagt hatte.

„Da unten ist alles okay.“

Am nächsten Morgen war die Luft angespannt. Es ging um Gefahr, um Unsicherheit, um das, was kommen würde.

Ich war Ausländer.

Und das war für sie nicht nur eine Nationalität. Der Umgang mit Ausländern war etwas gewesen, bei dem man vorsichtig sein musste. Davon war noch ein Schatten geblieben.

Nun war da einer, der ihrer Tochter offenbar ziemlich nahegekommen war. Und jetzt das.

Einer aus dem Westen.

Ich öffnete meinen Koffer und holte die Geschenke hervor. Eines nach dem anderen.

Erst da kam das Lächeln zurück.

Plötzlich war ich „ein Engel“.

So schnell konnte es gehen.

Später wollten wir raus. Wir hatten die Firma, arbeiteten viel und wollten eine eigene Wohnung. Abstand. Eine Tür, die man hinter sich schließen konnte.

Wir kauften eine.

Im selben Haus wurde uns später noch eine Wohnung angeboten. Dann wieder eine. Fast jedes Jahr kam eine dazu. Am Ende waren es fünf. Wir brauchten den Platz, für uns, für die Firma, für das, was sich inzwischen angesammelt hatte.

Eine davon bekam sie.

Das war praktisch. Sie war in der Nähe, konnte sich um vieles kümmern, wenn wir unterwegs waren, und wir hatten trotzdem unsere eigene Tür. Sie hatte siebzig Euro Pension. Was hätte sie auch anderes machen sollen? Darüber wurde nicht groß gesprochen.

So lebten wir getrennt und doch zusammen.

Sie kümmerte sich. Wir kümmerten uns. Wer dabei wem mehr half, hätte ich manchmal nicht sagen können.

Sie konnte bitterböse sein und herzensgut, manchmal fast im selben Augenblick.

Kam ich um vier Uhr morgens von einer Dienstreise zurück, lag alles für die Dusche bereit. Essen wurde frisch gekocht, Kaffee dazu. Natascha schlief manchmal schon oder war bei den Kindern.

Mama war wach.

Sie wollte wissen, wie es gewesen war. Was ich gebracht hatte. Ob es sich ausgezahlt hatte.

Auch beim Kochen.

„Habe ich nicht zu viel gesalzen?“

Das neue Salz, sagte sie, verstehe sie nicht.

Man musste antworten.

„Nein, es passt. Danke. Es schmeckt gut.“

Sie kümmerte sich und erfuhr dabei, was sie wissen wollte. Für sie ließ sich das kaum trennen.

Und sie gab weiter.

„Früher haben wir das so gemacht“, hieß es dann.

Es klang nach Erinnerung, war aber oft schon die Direktive an die Tochter.

Manchmal sagte ich zu ihr:

„Du weißt gar nicht, wie russisch du bist.“

Sie mochte das nicht.

Ich meinte damit Dinge, denen ich in ihrer Generation immer wieder begegnete.

Auch diesen Widerspruch: Man beschwerte sich über Männer, die nicht selbstständig waren. Gleichzeitig ließ man es oft gar nicht zu. Bevor etwas falsch gemacht wurde, machte man es lieber selbst.

Und beschwerte sich danach wieder.

Vielleicht war das bei ihr noch stärker geworden, weil sie lange ohne Mann gelebt hatte. Wer alles selbst machen muss, gibt die Dinge irgendwann nur schwer wieder aus der Hand.

Und natürlich kam sie weiterhin in mein Büro.

Die Blumen mussten schließlich gegossen werden.

Dann kam 2014.

Als wir die Krim verließen, stellte sich die Frage, ob sie zurückbleiben würde, gar nicht.

Das war ausgeschlossen.

Sie kam mit.

Auch in Kiew blieb es so. Sie gehörte zu unserem Alltag, zu den Dingen, über die man nicht mehr nachdenken musste.

Als wir später auch Kiew verließen, nahmen wir sie wieder mit.

Darüber musste niemand entscheiden.

Sie gehörte dazu.

Heute ist sie achtzig und lebt bei uns.

Und noch immer gießt sie die Blumen in meinem Arbeitszimmer.

Regelmäßig.

Und noch immer unangekündigt.