DER 8-te MÄRZ

Einmal im Jahr brach das Schweigen.

Am 8. März gehörten die Frauen den Gesten. Blumen, Parfüm, ein Kuss auf die Hand. Schon Tage vorher begann die Vorbereitung. In den Schulen wurden Karten gebastelt, in den Betrieben Feiern organisiert. Die Läden füllten sich.

Nationaler Feiertag.

Ich erinnere mich an überfüllte Geschäfte, Nelken im Zeitungspapier, Parfüm in dünnem Glas, grelle Kosmetiktaschen. Es wurde gekauft, was man bekommen konnte und was nach Geschenk aussah.

Der Tag war wichtig. Man vergaß ihn besser nicht.

Anfangs wusste ich gar nicht, warum dieser Tag eine solche Bedeutung hatte. Ich machte einfach mit. Blumen kaufen, gratulieren, später im eigenen Betrieb eine Rede halten.

Erst mit der Zeit begriff ich, woher der 8. März kam. Gleichberechtigung. Emanzipation. Ein politischer Tag, den die Sowjetunion schließlich zum staatlichen Feiertag gemacht hatte.

Davon hörte ich allerdings selten etwas.

Man gratulierte den Frauen zu ihrer Schönheit, ihrer Zärtlichkeit, ihrer Geduld, ihrer Fürsorge, als Mütter und Ehefrauen. Ausgerechnet am Tag der Gleichberechtigung wurden die Unterschiede besonders gefeiert.

Auch viele kluge, selbstbewusste Frauen, die sich im übrigen Jahr darauf kaum reduzieren ließen, spielten mit. Was würde der eigene Mann tun? Der Verehrer? Der Chef? Wie viele Blumen? Welches Geschenk? Hatte er daran gedacht?

Es war ein Spiel, aber eines mit Regeln.

An einem dieser Tage kam eine Freundin von Natascha vorbei. Ohne Ankündigung. Den Mantel hatte sie noch an, die Haare waren vom Wind zerdrückt. Sie setzte sich, nahm den Tee und sagte, noch bevor jemand gefragt hatte:

„Ich hasse diesen Tag.“

Niemand widersprach.

„Billige Geschenke. Männer, die trinken. Und am Ende feiern sie sich selbst.“

Natascha sah sie an.

„Nicht alle.“

„Genug“, sagte sie. „Genug, dass es reicht.“

Sie erzählte von ihrem Haus. Gestern habe einer seine Frau angeschrien. Heute bringe er Blumen.

„Und alle tun so, als wäre das etwas.“

Dann trank sie ihren Tee.

Das saß.

Denn natürlich war es nicht immer so. Viele Männer meinten ihre Blumen ernst. Sie liebten ihre Frauen, ihre Mütter, ihre Töchter. Sie standen Schlange, suchten Geschenke, gaben Geld aus, das manchmal knapp war. Kinder kamen mit selbstgebastelten Karten nach Hause.

Und die Frauen freuten sich.

Das durfte man nicht unterschlagen.

Auch ich musste lernen, was von mir erwartet wurde.

Ich erinnere mich an meine erste Rede zum 8. März im eigenen Betrieb. Natürlich musste der Direktor etwas sagen. Also stand ich vor den Frauen und begann.

Schon nach wenigen Sätzen merkte ich, wie hohl es klang.

Natascha übersetzte.

Und plötzlich wurde meine Rede immer besser.

Ich sagte ein paar unbeholfene Sätze, sie machte daraus etwas Berührendes. Ich stockte, sie sprach weiter. Irgendwann hörte ich ihr selbst zu und dachte: Das hätte ich auch gern gesagt.

Am Ende gab es Beifall.

Später lachte sie.

„So ein toller Mann, so eine wunderbare Rede – die Europäer, so sensibel.“

Ich liebe meine Frau.

Natürlich kaufte auch ich Blumen.

Was hätte ich sonst tun sollen?

Mit der Zeit bemerkte ich, dass der 8. März längst nicht mehr nur eine Angelegenheit zwischen Männern und Frauen war. Frauen gratulierten Frauen. Kolleginnen brachten einander etwas mit, Töchter ihren Müttern, Freundinnen riefen einander an. Der Tag hatte ein Eigenleben entwickelt.

Die Frauen waren keineswegs nur die Beschenkten dieses Rituals. Sie kannten seine Regeln mindestens so gut wie die Männer. Manche nahmen die Blumen mit sichtlicher Freude. Manche mit einem Lächeln, bei dem man nicht genau wusste, was es bedeutete. Manche erwarteten sie einfach.

Wehe dem, der sie vergaß.

Über die Jahre veränderte sich trotzdem etwas. Nicht am 8. März selbst. Der blieb erstaunlich widerstandsfähig. Aber davor und danach.

In den neunziger Jahren waren die Rollen deutlicher verteilt. Man wusste eher, was ein Mann zu tun hatte und was eine Frau. Das konnte Halt geben, und es konnte unerträglich werden. Ich hörte beides.

Später wurde darüber mehr gesprochen.

In Küchen, an kleinen Tischen, bei Tee, manchmal bis tief in die Nacht. Über Männer und Frauen, über Kinder, Geld, Scheidung, Liebe. Darüber, was man aushalten müsse und was vielleicht doch nicht.

Manches, das früher einfach hingenommen worden war, bekam einen Namen.

Der 8. März blieb.

Die Blumen auch.

Und irgendwann sah ich anders auf diesen Tag. Er gehörte längst nicht mehr dem Staat. Wahrscheinlich gehörte er auch nicht den Männern.

Aber vergessen durfte man ihn nicht.

Und der Satz von Nataschas Freundin blieb mir.

Gestern hatte er sie angeschrien.

Heute brachte er Blumen.

Am 9. März waren die Blumen noch da.

Sie hielten länger als das Versprechen.