STRASSEN
Früher, wenn ich nach Russland oder in die Ukraine flog, wartete meist ein Fahrer auf mich. Zur Verfügung gestellt vom Werk. Kein Gefallen, sondern System.
Kam mein Flieger später, wartete er. Ohne Murren, ohne Nachfrage.
Oft kannten wir uns schon. Igor. Valery. Männer, die man nicht verwechselte.
Was mich anfangs irritierte, war mein Platz. Hinten links, hinter dem Fahrer. Man öffnete mir die Tür, als wäre das selbstverständlich. Wahrscheinlich war es das auch. Der Fahrer war nicht nur jemand, der lenkte. Wenn etwas war, stieg er zuerst aus. Er öffnete die Tür, trug die Tasche, hielt den Schirm und wartete vor dem Restaurant, bis man wiederkam.
Man sagte nicht Chauffeur. Es waren Fahrer.
Igor fuhr einmal fast vierundzwanzig Stunden durch. Ich fragte irgendwann, ob wir nicht anhalten sollten.
Er schüttelte den Kopf.
„Nada, Fedia, nada.“
Muss sein, Fedja. Muss sein.
Wer viele Stunden mit einem Menschen im Auto verbringt, lernt ihn anders kennen. Man redet, schweigt, telefoniert, schläft irgendwann ein. Der Fahrer bekommt alles mit und weiß gleichzeitig, dass manches nicht für ihn bestimmt ist.
Diese Posten waren begehrt. Einen Direktor zu fahren hatte Gewicht. Das Auto war gepflegt, oft besser als die eigene Wohnung. Es wurde gewaschen, poliert, kontrolliert. Man kannte jedes Geräusch.
Im schwarzen Wolga war hinten so viel Platz, dass zwischen zwei Sitzenden noch eine Aktentasche passte – oder ein stilles Einverständnis. Dort wurden Gespräche geführt, die draußen niemand hören sollte.
Draußen zerfiel manchmal der Asphalt. Drinnen hielt alles.
Später fuhr ich selbst. Viel. Donezk, Dnipro, Simferopol, Charkiw. Stundenlang, manchmal Tage hintereinander.
Natascha war froh, wenn ich zurückkam. Meist war nichts passiert, und gerade deshalb gab es wenig zu erzählen. Man war einfach müde.
Wenn wir gemeinsam unterwegs waren, wechselten wir uns ab. Irgendwann merkte der andere, dass die Konzentration nachließ, und übernahm. Kurz vor dem Ziel geschah allerdings oft etwas Merkwürdiges. Wer lange auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, wollte noch einmal ans Steuer.
„Gib her.“
Nicht weil es nötig war. Man wollte selbst ankommen.
Die Straßen waren damals eine Sache für sich. In den Zentren und vor Flughäfen konnten sie tadellos sein. Wenige Kilometer weiter begann etwas anderes.
Schlaglöcher, ausgebesserte Schlaglöcher und neue Löcher in den Ausbesserungen. Nachts fehlten oft die Linien, manchmal auch jede Beleuchtung. Man wusste ungefähr, wo die Straße verlief, und suchte mit den Scheinwerfern nach dem Rest.
Im Winter konnte selbst das verschwinden. Schnee deckte Fahrbahn und Rand zu. Dann stieg manchmal einer aus und ging ein Stück voraus, während der andere langsam hinterherfuhr.
Autofahren hatte ohnehin eine andere Bedeutung.
Noch wenige Jahre zuvor war ein eigenes Auto kein selbstverständlicher Gebrauchsgegenstand gewesen. Auf einen Lada konnte man lange warten. Wer einen bekam, hatte Geld, Geduld, Beziehungen oder von allem etwas.
Und möglichst eine Garage.
Diese Garagen waren eine Welt für sich. Stellplatz, Werkstatt, Lager und Rückzugsort. Dort wurde geschraubt, geredet, etwas aufgehoben, das man vielleicht irgendwann brauchen konnte. Öl, Benzin, Werkzeug, Ersatzteile.
Wer keine Garage hatte, stellte sein Auto auf einen bewachten Platz. Irgendwo saß ein Mann, der wusste, welches Auto zu wem gehörte. Man hupte, kannte sich, brachte gelegentlich Zigaretten mit.
Unterwegs gehörten Reparaturen dazu. Überladene Lastwagen krochen vor einem her. Autos standen mit geöffneter Motorhaube am Straßenrand. Einer lag darunter, ein anderer hielt etwas, ein Dritter wusste es besser.
Man hielt an, schraubte, wartete und fuhr irgendwann weiter.
Und dann war da die Miliz.
Sie stand gern dort, wo man sie zu spät sah. Hinter Sträuchern, nach einer Kurve, an einer Kreuzung. Irgendwann kam der Stock heraus.
Einmal musste ich mich in den Milizwagen setzen. Vor dem Beamten lag das Formular. Er begann es auszufüllen.
Die Rubrik „Verstoß“ blieb leer.
Wir warteten.
Ich wusste inzwischen, worauf.
Ich legte den Umschlag hin.
Er sah nicht hinein.
„Gute Fahrt.“
Mit den Jahren wurden die Straßen besser. Nicht überall und nicht gleichzeitig, aber man merkte es. Neue Tankstellen tauchten auf, mit Kaffee, Toiletten und kleinen Shops. Waschplätze. Autohäuser. Kredite, mit denen plötzlich Menschen Autos kaufen konnten, die wenige Jahre zuvor unerreichbar gewesen wären.
Das Auto wurde gewöhnlicher. Die Straße auch. Ganz gewöhnlich wurde sie allerdings nie.
In Simferopol entdeckte ich 2013 etwas, das mich zum Lachen brachte. Jemand hatte aus einer doppelten Sperrlinie ein Stück herausgeschnitten. Nicht übermalt. Nicht ignoriert. Die beiden Linien waren an einer Stelle einfach unterbrochen, damit man dort abbiegen konnte.
Offenbar war der Umweg zu lang gewesen.
Vieles hatte sich verändert. Jahre später stand irgendwo in den Karpaten eine Waschmaschine zum Verkauf am Straßenrand. Kein Verkäufer daneben. Ich bekam eine Telefonnummer, überwies das Geld und nahm sie mit.
Das funktionierte.
Ich mochte solche Dinge. Vielleicht auch, weil ich die anderen Straßen noch kannte. Die Milizwagen und die Umschläge.
Und dann gab es Momente, in denen eine Straße plötzlich wieder etwas anderes war.
Einmal standen wir auf der Krim in einer Kolonne. Zuerst wusste ich nicht, warum nichts weiterging. Dann kamen Motorräder. Polizei. Schwarze Limousinen.
Wir warteten.
„Wer kommt denn da?“
Putin.
Die Straße vor ihm war leer.
Er fuhr vorbei.
Danach fuhren wir weiter.