ACHTZEHN STUNDEN LANG
Wieder einmal fuhr ich von Simferopol nach Kyjiw. Flüge gab es keine mehr, also blieb der Zug.
Achtzehn Stunden.
Ich mochte diese Strecke. Selbst die Abfahrt hatte etwas Eigenes. Wenn sich der Zug in Simferopol langsam in Bewegung setzte, ertönte die Hymne der Krim. Sie gehörte einfach mit dazu.
Auch bei der Ankunft spielte sie.
Schon der Zug war eine Ordnung für sich. Es gab verschiedene Züge. Wenn man konnte, nahm man den firmenny pojezd, den besseren. Gepflegter, meist angenehmer, der Service besser. Und es gab verschiedene Arten, darin zu reisen. Allgemeiner Waggon, Platzkart, Kupee und schließlich SW. Andere Preise, andere Betten, andere Türen. Im Platzkart lag man offen mit vielen anderen im selben Wagen, im Kupee waren es vier hinter einer Tür, im SW zwei. Man fuhr im selben Zug, aber nicht ganz in derselben Welt.
Ich fuhr meistens Kupee. Vier Schlafplätze, eine Tür. Slavik hatte mir einen unteren Platz in der Mitte des Waggons besorgt, nicht hinten, nicht neben dem WC. Das war wichtig.
Und die Züge waren fast immer pünktlich. Das fiel mir auf. Achtzehn Stunden durch ein riesiges Land, lange Aufenthalte an manchen Bahnhöfen, mitten in der Nacht irgendwo stehen – und trotzdem kam man meistens an, wann man ankommen sollte.
Der Waggon war meistens voll, der Gang eng. Studenten, Pensionisten, Geschäftsleute, Familien. Taschen, Koffer, Säcke. Menschen, die man für eine Nacht kennenlernte und danach nie wieder sah.
Mit den Mitreisenden konnte man Glück haben oder nicht.
Vier Menschen, achtzehn Stunden, ein Abteil. Aussuchen konnte man sie sich nicht.
Einer sprach Ukrainisch, der andere Russisch. Man antwortete, wechselte manchmal mitten im Satz die Sprache und redete weiter. Oft merkte ich erst später, wer eigentlich welche Sprache gesprochen hatte.
Manchmal stand nach einer Stunde das mitgebrachte Essen auf dem Tisch und dazu Bier, Wodka oder Kompott. Man erzählte sich halbe Lebensgeschichten und wusste am nächsten Morgen erstaunlich viel voneinander.
Ein anderes Mal sprach kaum jemand. Einer schnarchte, einer telefonierte, einer zog die Schuhe aus, und plötzlich wusste man, wie lang achtzehn Stunden sein konnten.
Am nächsten Morgen verabschiedete man sich manchmal beinahe wie alte Bekannte.
Und sah sich nie wieder.
Wenn man seinen Platz gefunden hatte, begann das Einrichten. Wer unten lag, hob das Bett hoch und verstaute darunter den Koffer. Für die oberen Plätze gab es oben Stauraum. Am Fußende lag die Matratze, zusammengerollt, am Kopf ein Kissen. Man machte sich das Bett selbst. Die Schaffnerin verteilte nach der Abfahrt das eingeschweißte Bettzeug, gegen ein kleines Entgelt. Bei Paaren übernahm das fast immer die Frau.
Wenn sich im Abteil eine Frau umzog, mussten die Männer hinaus. Ein stilles Zeichen genügte, und plötzlich kam Bewegung in den Gang. Türen gingen auf, Männer standen herum, kurze Blicke, dann durfte man wieder hinein.
Wer zur Toilette wollte, musste auf die Stationen achten. Kurz davor drehte die Schaffnerin den Schlüssel um. Abgeschlossen, bis der Zug wieder fuhr.
Sie hatte den Schlüssel.
Überhaupt gehörte der Waggon ihr.
Sie wusste, wer wo lag, wer einstieg, wer ausstieg. Sie kontrollierte die Fahrkarten, verteilte das Bettzeug, brachte Tee und Kaffee. Ihre Uniform verlieh ihr etwas Amtliches. Nach einigen Stunden merkte man, dass dieses Amt noch andere Möglichkeiten bot.
Tee gab es immer. In schweren Gläsern mit Metallhaltern. Früher schmeckte er manchmal eigenartig. Irgendwann erklärte mir jemand, dass mit Soda nachgeholfen wurde, damit er kräftiger aussah und länger reichte.
Man trank ihn trotzdem.
In den Bahnhöfen der großen Städte hielt der Zug manchmal zwanzig Minuten. Selbst mitten in der Nacht stieg man aus. Schnell etwas kaufen, eine Zigarette, ein paar Minuten frische Luft. Dann wieder hinein, bevor die Schaffnerin einen zurückrief und der Zug sich in Bewegung setzte.
Man zog sich wieder zurück.
Nachts, wenn man nicht schlafen konnte, sah man aus dem Fenster. Bei vollem Mond lag die Steppe draußen, endlose Felder, schiefe Masten, irgendwo ein Licht. Das gleichmäßige Klacken der Räder darunter.
Und manchmal bremste der Zug mitten in der Nacht hart. Metall schlug auf Metall, Kupplungen krachten, dann wurde es still.
Keine Station.
Nur Felder.
Einmal ging ich hinaus auf den Gang. Die Schaffnerin kam mir entgegen, die Uniformjacke halb geöffnet, der Blick ohne jede Überraschung.
Ich fragte, warum wir hielten.
Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern.
Weiterzufahren wäre teurer als zu warten.
Dann ging sie weiter, als hätte sie nichts Besonderes gesagt.
Ich ging zurück ins Abteil und wartete, dass die Müdigkeit wiederkam.
Einer bot mir Wodka an.
Ich sagte, der sei doch verboten.
Er grinste.
„Alles ist verboten.“
Dann schenkte er ein.
Man aß, trank, las, schlief. Irgendwann sah man auch, dass die Schaffnerin selbst etwas trank. Das änderte nichts. Sie blieb diejenige, der der Waggon gehörte.
Achtzehn Stunden lang.
Und sie hatte ihren Zuverdienst.
Pakete wechselten den Besitzer. Sie wurden irgendwo eingeladen und später wieder ausgeladen. Man kannte die Station, die Person, vielleicht nur den Namen. Niemand fragte nach dem Inhalt. Es funktionierte einfach.
An einer kleinen Station ging die Tür auf. Die Schaffnerin wischte den Griff kurz ab und stieg aus.
Ich sah, wie sie etwas entgegennahm.
Zurück im Gang blieb sie einen Moment stehen, hielt das Paket in der Hand, als würde sie sein Gewicht prüfen. Ein kurzer Blick nach links, nach rechts, dann verschwand sie in ihrem Abteil.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Im Gang sagte einer, die Schaffner verdienten mit solchen Paketen besser als mit ihrem Gehalt.
Niemand schien das besonders bemerkenswert zu finden.
Später wurde es ruhiger im Abteil. Nur das gleichmäßige Klacken der Schienen blieb. Zwei Männer sprachen leise miteinander, ohne sich anzusehen.
Der eine sagte, die Regierung sei wie dieser Zug. Der Plan hänge irgendwo, aber niemand wisse, ob man ankomme.
Der andere schüttelte den Kopf.
„Der Zug kommt an. Nur nicht dort, wo man gedacht hat.“
Dann schwiegen sie.
Auf der Rückfahrt war es anders.
Im Sommer merkte man irgendwann, dass die Krim näher kam. Nicht an der Hitze. Im Zug war es ohnehin heiß. Man merkte es an den Menschen.
Sie wurden unruhig.
Koffer wurden unter den Sitzen hervorgezogen, Taschen geschlossen, Kinder geweckt. Einer stand schon viel zu früh im Gang. Andere drängten ans Fenster und sahen hinaus.
Junge, Alte, Familien mit Kindern. Stundenlang hatten sie geschlafen, gegessen, geschwitzt und gewartet. Jetzt waren sie plötzlich wach.
Die Gesichter veränderten sich.
Sie strahlten. Erwartung lag darin, eine Freude, die man sofort verstand.
Jetzt war Urlaub.
Ich sah ihnen gern dabei zu. Eigenartig war nur, dass sie auf mich nie richtig wie Touristen wirkten. Eher wie Menschen, die an einen Ort zurückkehrten, den sie kannten. Vielleicht schon seit ihrer Kindheit. Man musste ihnen nichts zeigen. Sie wussten, weshalb sie gekommen waren.
Dann Simferopol.
Noch bevor der Zug ganz zur Ruhe gekommen war, standen alle im Gang. Taschen wurden weitergereicht, Koffer über den Boden gezogen, Kinder dazwischen. Jeder wollte hinaus.
Und wieder ertönte die Hymne der Krim.
Sie spielte noch, während die ersten Koffer bereits aus dem Waggon gezogen wurden.
Die Menschen strahlten.
Urlaub. Krim.