NEBEN DER ZEIT
Die Unterschiede fielen nicht sofort auf.
Die Menschen gingen, kauften ein, gingen zur Arbeit. Alles lief. Und doch lag etwas darüber – wie ein Grau, das sich nicht benennen ließ. Man sah es nicht zuerst in den Gesichtern, eher in der Haltung. Die Köpfe leicht gesenkt, als hätte man sich daran gewöhnt, nicht nach oben zu sehen. Es wurde gelächelt, aber nie so, dass es blieb.
Im Vergleich zu Russland wirkte es lebendiger, weicher. Ein paar Blumen vor einem Haus, ein Blick, der einen Moment länger hielt. Die Krim lag dabei wie außerhalb der Zeit, ruhiger, langsamer. Während sich andere Städte ordneten, schien hier alles noch zu warten.
Nur im Sommer änderte sich das. Dann kamen sie, Millionen. Die Küste füllte sich, die Straßen wurden eng, die Stimmen lauter. Für einen Moment war Bewegung da. Dann gingen sie wieder. Zurück blieb dieses leise Erschöpftsein.
Aber die Schönheit hatte ihren Preis. Man war schnell satt. Die Hotels ausgebucht, die Stände leergekauft. Alles da, manchmal zu viel.
Andrey verstand das früh. Ein Mann um die vierzig, einer, der schnell begriff und noch schneller umsetzte.
Ich lernte ihn auf dem Markt kennen. Er stand neben mir. Im selben Moment läuteten unsere Mobiltelefone. Derselbe Ton. Eine Seltenheit damals. Ein Zeichen für Geld. Ein Zeichen für Macht. Wir sahen einander an, jeder überzeugt, es sei seines. Erst dann begriffen wir, dass wir beide gemeint waren.
Wir lachten.
Einen Augenblick später fiel mir die Verkäuferin auf. Sie sah uns an, erstaunt, dass da zwei standen, mit den Händen zeigten, was sie wollten, während sie telefonierten. Noch dazu ich – auf Deutsch. Wohl wissend, dass sie die Tomaten etwas teurer verkaufen konnte, weil wir nicht auf die Waage sahen.
Später kamen wir ins Gespräch.
Er hatte ein Grundstück gepachtet, für neunundneunzig Jahre, und mit ein paar Freunden ein kleines Hotel gebaut. Nichts Großes. Vier Häuser, unverputzt. Er setzte auf Kolorit, auf krimtatarische Küche, auf das, was da war.
„Kommt vorbei“, sagte er. „Einfach so.“
Wir kamen. Bevor wir ankamen, wurden wir von der Polizei gestoppt. Ein Schlag mit dem Stock auf das Auto, ein Zeichen nach rechts. Ich hielt an. Er sah meinen europäischen Führerschein, und ich hatte sofort das Gefühl, dass es um Geld ging. Ich gab ihm keines. Fünfzehn Minuten Diskussion, auf Englisch, das er nicht sprach. Er blieb stehen, ich auch. Dann gab er auf. Wir fuhren weiter. Es war heiß, wirklich heiß. Der Motor aus, die Luft stand.
Am Straßenrand kauften wir später Zwiebeln, ein paar Früchte. Speck und Brot hatten wir dabei. Für den Fall. Wir wurden eines Besseren belehrt.
Bei ihm angekommen: ein Grundstück, vielleicht ein Hektar. Häuser aus Muschelstein, porös, kühlend. Keine Klimaanlagen. Fenster neu, nach GOST, Linoleum am Boden, Türen aus Holz, schnell lackiert. Alles einfach. Man sah das Meer. Hinter dem Haus Kühe. Luft. Weite. Und ein Hausherr, der einen wirklich empfing.
Fünfundzwanzig Dollar die Nacht. Wir blieben zwei Tage.
Dort lernten wir Rustjem kennen. Ein Tatar, groß, bärtig. Man sah ihm an, dass er mehr erlebt hatte, als er erzählte. Als Kind nach Kasachstan deportiert, später zurückgekommen. Er hörte, dass ich Europäer war, und brachte Bier. Ich trank keines, ich mochte es nicht. Natascha dafür umso mehr. Sie hielt das Gespräch, übersetzte – und sprach zugleich für sich.
Ich hatte den Eindruck, er wollte vor allem mit mir sprechen, aber sie ließ sich nicht darauf reduzieren, erzählte von sich, von uns. Dass sie Firmenbesitzerin war, nicht nur auf dem Papier, überraschte ihn. Sie war schnell.
Abends saßen wir auf Plastiksesseln, mit ihm, dem Koch, mit Tee.
Er machte Pausen. Nicht nur im Sprechen. Auch im Blick. Er blieb manchmal stehen, als hätte er den Faden verloren, und nahm ihn erst später wieder auf. Natascha griff das auf, fragte, führte weiter.
Ich kannte diese Art zu sprechen. Dieses Stocken. Dieses Abreißen und wieder Ansetzen.
Und wir sprachen darüber, wie es werden würde. Nicht darüber, wie es war. So kam das Gespräch voran. Nicht gleichmäßig. Aber doch.
Später kam Andrey dazu, setzte sich kurz, fragte nach meinem Eindruck. Man machte Komplimente, aber es war klar, worum es ging. Er wollte mehr. Mehr Gäste, mehr Bewegung. Europäer. Neugierig. Und zahlungsbereit. Ich bremste ihn, nicht offen, und ließ ihm doch den Gedanken.
Wir machten das oft. Nutzten das Wochenende. Fuhren im Kreis über die Krim. In einer Stunde am Sandstrand bei Evpatoria, eine andere in Jalta, wieder eine andere in Belbek, zwischen Felsen, Höhlen und Schluchten. Und je mehr Bekannte und Freunde wir fanden, desto öfter wurden wir eingeladen. Als österreichisches Paar. Fast wie Ehrengäste. Es war etwas Besonderes, und man wollte zeigen, wie schön es hier war.
Oft geschah das spontan. Mit Säcken im Auto, ein paar Dinge eingepackt, Schaschlik irgendwo unterwegs. Zu Orten, die niemand kannte. Zu alten Mauern, zu Flussläufen, in denen man im eiskalten Wasser barfuß stand, während die Sonne brannte.
Ein anderes Mal wollten wir nur ans Meer. Nichts weiter. Eine Reling, fünf Meter vom Wasser. Ein langer Betonbau, vielleicht hundert Meter, Zelle neben Zelle, drei Meter breit, eng, im Sommer heiß begehrt. Man lag dort und hörte nur die Wellen, Kiesel auf Stein, immer gleich.