NATASCHA
Nicht alles an ihr war für mich zu verstehen.
Vor allem zu Beginn.
Es gab Momente, in denen sie still wurde und das Gespräch in eine andere Richtung lenkte, so leicht, dass man es erst später bemerkte. Nie so weit, dass zu viel gesagt wurde. Und ich habe gelernt, das stehen zu lassen.
Als ich sie zum ersten Mal traf, war sie 28.
Sie war schön. Etwas daran ist geblieben. Auf eine Weise, die nichts erklärte.
Früher sagte ich fesch.
Es traf sie, ohne dass ich wusste, warum.
Nichts daran drängte sich auf, nichts wollte gefallen.
Sie war einfach da. Und gerade deshalb blieb man länger, als man es vorhatte.
Sie erinnerte mich an die Krim – nicht wegen etwas Bestimmtem,
sondern wegen dieser Ruhe, die nichts von einem wollte.
Eigenständig. Sicher in sich. Und nie ganz das, was man erwartete.
Sie wusste, dass sie gesehen wurde. Mehr brauchte sie nicht.
Etwas an ihr entzog sich den Kategorien. Nicht russisch, nicht ukrainisch. Oder vielleicht beides, ohne sich darin festlegen zu lassen.
Respekt war bei ihr keine Geste. Er entstand. Oder er blieb aus. Und man spürte den Unterschied sofort, ohne dass sie ihn markieren musste.
Sie sprach klar, und selten belanglos. Ein Satz von ihr konnte etwas verschieben, ohne dass er darauf angelegt war. Es war diese Mischung aus Klarheit und einem leichten, kaum merklichen Spott, der nie verletzen wollte, aber auch nichts schonte.
Sie konnte scharf sein. Und warmherzig, im selben Moment.
Als wäre beides kein Widerspruch, sondern Bedingung.
In ihr lag etwas, das sich nicht festlegen ließ, so wie ihr Lächeln, das nicht dem Betrachter gehörte, sondern dem Moment. Sie hatte Deutsch studiert, eine Sprache, die hier lange keinen Platz hatte.
Es passte zu ihr, zu dieser leisen Disziplin, die man erst bemerkte, wenn man länger in ihre Augen sah. Dann zeigte sich etwas darunter, eine Unsicherheit, die nicht verschwand, sondern immer einen Schritt voraus war. So wirkte sie sicher und hielt andere auf Abstand, ohne es je aussprechen zu müssen.
Sie bereitete sich auf fast alles vor, auf Gespräche, auf Blicke, auf das, was kommen konnte. Nur bei mir ließ sie es. Da war nichts voraus, kein Schritt vor sich selbst. Da war sie einfach da.
Sie wusste, wie man mit Menschen umgeht, wie man Dinge ins Gute wendet.
Ich mochte alles an ihr, nicht weil es vollkommen war, sondern weil nichts daran so tat, als wäre es das.
Nicht das Offensichtliche zuerst. Eher das, was blieb, wenn man genauer hinsah: der Blick, der einen nicht festhielt, die Art, wie sie sprach, ohne sich zu erklären, wie sie ging, ohne irgendwo anzukommen.
Selbst das, was offen blieb, hatte Form. Und genau darin lag das Schöne.
Vielleicht gerade deshalb. Man sah ihr nicht an, was hinter ihr lag.
Als ich mich 1994 von ihr verabschiedete, wussten wir es beide. Nicht als Entscheidung. Eher als etwas, das schon da war.
Wir gehören zusammen.
Sie sagte oft, halb im Scherz, halb nicht: Im Team sind wir gut. Intim auch. Und dann lachte sie.
Von außen klang es anders. Man fragte mich, ob ich verrückt sei. General Manager, zweihundert Tonnen Aluminium im Monat, auf dem Weg nach oben – und ich verliere mich in eine Frau, die wahrscheinlich vom KGB ist.
Wenn überhaupt, sagten sie, dann soll sie zu dir kommen. Hierher.
Das kam für sie nicht in Frage. Und für mich auch nicht.
Sie wollte dort bleiben. Dort, wo alles im Entstehen war. Wo man noch glaubte, dass sich etwas aufbauen lässt.
Sie sprach davon, wonach ihre Kunden plötzlich suchten: Kaffee. Zwanzig Tonnen. Butter. Maschinen. Von einer Firma, die sie aus Trotz gegründet hatte und die inzwischen zehn Leute trug.
Wir könnten viel bewegen, sagte sie. Ost und West. Gemeinsam.
Ich hing noch am Metall. Kaltgewalzter Stahl. Warmgewalzter Stahl. Kunden aus Korea, aus Europa, aus den USA.
Sie machte mit.
Ein paar Monate später kamen sie.
Sie klopften nicht. Sie setzten sich. Und sagten nur, dass man zahlen müsse.
Wofür, fragte sie.
Für den Umsatz, der kommen würde. Oder auch nicht.
Es spielte keine Rolle. Man war Teil von etwas, das man sich nicht ausgesucht hatte.
Sie verstanden es, das ruhig zu sagen. Und genau darin lag die Macht.
Friedhof. Familie. Erinnerung. Alles fiel in einen einzigen Satz.
Selbst ihr „Dach“ entzog sich ihr.
Es hielt – aber es schützte nicht.
Sie zahlte dafür. Verkaufte, was sie hatte. Was sie sich selbst aufgebaut hatte. Und nahm Schulden auf. Zwanzig Prozent im Monat. So war das damals. Am Ende blieben ein Faxgerät und ein alter Computer. Mehr brauchte sie nicht.
Eineinhalb Jahre hielten wir Kontakt. Täglich. Mit Kosten, für die man sich einen Mercedes hätte kaufen können.
Dann wusste ich, dass ich gehen musste. Zu ihr. Nicht als Plan. Eher als das, was blieb.
Und ich wollte es nicht mehr getrennt tragen.
Ich ging.
Selbst wenn es nur Monate gewesen wären – die Erfahrung hätte mir niemand nehmen können.
Es war keine Frage von Sicherheit. Sondern von Wahrheit.
Erst später verstand ich, dass ich mich nicht nur in sie verliebt hatte. Auch in das Land.
In ihr war es schon da.