09 DIFFUSION

„Wie bist du an diese Villa geraten“, dass Jahre später zu einem Sanatorium wurde, fragte ich, direkter als sonst.

Auch, um das Gerücht zu brechen, dass sie mit Mafia oder Geheimdienst zu tun haben könnte. Ich glaubte das nicht. Sie war zu offen.

„Ich musste wegen eures späten Fluges mehrmals umbuchen“, erklärte sie. „Das Jalta-Intourist war reserviert, kaum Plätze frei. Seminar.

Eine Umbuchung war nicht so einfach: Papiere, Erlaubnisse. Also rief ich Leute an. Die riefen wieder Leute an. Und irgendwie ergab sich diese Möglichkeit. Ich bin auch zum ersten Mal hier.“
„Aber das ist doch unsäglich teuer“, warf ich ein. „Ein Hotel wäre billiger.“
„Da irrst du dich“, lachte sie. „Die ganze Villa kostet am Tag nur 33 Dollar.“
„Warum gerade 33?“
„30 für die Villa. 3 fürs Schaschlik.“
Ich lachte. Und spazierte weiter.

„Ob ich wirklich die Firma führe?“ fragte sie nach einer Weile.
„Aber ja“, erklärte ich
„So jung– bist du nicht stolz?“
„Stolz? Ein bisschen vielleicht. Hilft, hübsche Frauen kennenzulernen.“
Sie errötete leicht.

Ein Mitarbeiter von Natascha gesellte sich zu uns – Valera, der am Vortag den Mercedes gefahren hatte. Er gab mir, Juri und Christian die Hand, grüßte und trat zurück. Verwunderlich, diese Geste. Einerseits war er nur Fahrer. Andererseits gab er jedem Mann die Hand – den Frauen nicht.

Reichte man in der Ukraine einer Frau die Hand, war man sofort als Europäer enttarnt – und erlebte eine irritierte Reaktion. Ich erlebte es tausendmal, und jedes Mal erstaunte es mich aufs Neue. Traf man einen Bekannten oder Freund, und stand daneben auch ein Bekannter des Bekannten, so ergriff man auch dessen Hand. Ein stilles Ritual.

Juri, der Valera eine Zigarette reichte, spielte den Hausherrn. Mit der Hand wies er nach rechts, nach links: „Hier sind die Delfine, dort wird gegessen, dort die Sauna…“

Erst da begriff ich die Dimension. Das Areal umfasste sicher ein, zwei Hektar.
Nach einem russischen Frühstück – Fisch, Tee, altbackene Brötchen – in einem endlos scheinenden Saal wurde uns das Programm der nächsten zwei Tage vorgestellt:
Jalta.
Livadia.
Sewastopol.
Bachtschissarai.
Ai-Petri.
Das Schwalbennest.

Auf meinen schwachen Einwand, dass wir uns doch zum Arbeiten getroffen hätten, erhielt ich nur ein freundliches:
„Wir sind doch auf der Krim.“

Und angesichts der versprochenen Schönheiten verlor ich jedes Interesse an „Business“.

Vom Hotel Oreanda – einem wunderschönen, stilvollen Intourist-Haus, nur fünfzig Meter vom Meer entfernt – setzten wir uns ein paar Stunden später auf einen Espresso. Den hatte ich dringend gesucht, und er war wohl der einzige auf der Krim.

Von hier aus flanierten wir am Kai entlang, durch Jalta – der südlichsten Stadt, kaum dreihundert Kilometer nördlich der Türkei.
Nur wenige Menschen kreuzten unsere Kette von fünf. Offensichtlich Einheimische. Hier ein Café, dort ein Souvenirladen, da Palmen, die den Eingang zu einem kleinen Park markierten.
Ein tatarisches Café sah ich nicht. Verwunderlich, waren doch viele der 1944 Deportierten inzwischen zurückgekehrt.

Und doch: mein Eindruck war ein harmonisches Bild. Gelungen. Fast mediterran. So gar nicht sowjetisch.

Die Wellen schlugen gegen Mauern und Stiegen des Kais – als atmete die Stadt selbst. Fischerboote, Segelboote, Touristenschiffe schaukelten im Rhythmus der Wellen, warfen das Bild der Küste aus der Balance.
Nach gut zwei Kilometern erreichten wir den Lenin-Platz. Mit ausgestreckter Hand erhob sich Lenin – wie eine Mahnung: Ich bin noch hier.
Ein paar rote Nelken lagen davor.

Ich fragte mich, ob viele hier den Kommunismus noch in sich trugen. Nicht dass ich richten wollte. Dazu wusste ich zu wenig. Es war die Suche – vor Ort.
Für mich blieb nur ein Eindruck zurück: Etwas hatte hier nicht zusammengefunden. Nicht die Landschaft, nicht die Menschen, nicht die Schönheit – sondern das, was man ihnen darübergelegt hatte.

Ich sah alte Männer auf Bänken, ruhig, geschniegelt, mit Medaillen an den Jacken. Frauen mit festen Frisuren, sorgfältig gekleidet, als gäbe es noch etwas zu verteidigen. Und daneben Lenin, unbewegt, mit ausgestreckter Hand, als zeige er auf etwas, das längst verschwunden war.
Es war kein Hass, den ich spürte. Eher eine Gewohnheit.
Als hätte man sich an etwas gewöhnt, das nie ganz gepasst hatte – und es dennoch behalten.

„Jalta – und die Krim – sind besonders“, sagte Natascha leise, als hätte sie meine Gedanken gehört.
„Vielleicht auch wegen der Nostalgie. Über fünfhunderttausend Pensionisten leben hier. Viele ehemalige Militärs, Funktionäre. Sie verbringen hier ihre letzten Jahre.“
Sie zuckte kaum merklich mit den Schultern.
„Kein Wunder also, wenn Blumen bei Lenin liegen.“
Ich sah noch einmal hin.
Die Blumen waren frisch.