06 DIFFUSION

Zwei Jahre später traf ich ihn wieder – in Salzburg. Mit Freunden war er zum Skifahren da. In einem Gletscherrestaurant, auf 2.500 Metern Höhe, unterschrieb er mit unserer Firma einen Vertrag über die Lieferung von Metall.

Heute weiß ich: Er wurde vor einigen Jahren erschossen. Und das erste Werk, das wir damals besuchten, wurde längst feindlich übernommen.
Was bleibt, beim Erinnern, beim Festschreiben, ist sein Hass auf Moskau – wie eine leise Warnung. Und die Erinnerung daran, wie man damals Geschäfte machte.

Am nächsten Tag – ohne großes Kopfweh – versuchten wir es auf eigene Faust. Wir stützten unsere Hoffnung auf einen Namen, den uns Alexander Aleksejewitsch genannt hatte.

Wir organisierten einen Fahrer und machten uns auf eine Reise von 200 Kilometern. Mit jedem Kilometer verschlechterte sich die Straße. Kleine Dörfer tauchten auf, wirkten völlig verlassen. Einige Babuschkas lehnten vor ihren dunklen Holzhäusern – eines wie das andere.

Stromleitungen hingen von den Masten herunter, lagen auf der Straße. Verwunderte niemanden. Geschäfte? Keine.
Je tiefer wir in den Ural fuhren, desto düsterer wirkte das Bild. Tankstellen gab es nicht. Unser Fahrer musste zweimal Kanister aus dem Kofferraum holen und nachtanken. Selbst Essen hatte er mitgebracht.

Abenteuerlich wurde es, als er eine Decke auf die Motorhaube seines Wolga legte – und servierte: hausgemachter Tomatensaft, Speck, eingelegte Gurken, ein paar Scheiben Brot. So standen wir essend am Straßenrand, während LKWs – russische Kamaz – hupend vorbeirumpelten und Dreck ausspuckten.
Mitten in der Pampa, bei minus zwölf Grad. Die Kälte spürte man kaum. „Das liegt an der Trockenheit“, meinte Wassilij. „Man erträgt sie besser.“

Nach einer Stunde im Kreisfahren hielt er plötzlich einen Traktor an, stieg aus, fragte nach dem Weg. Aus dem Auto heraus sah ich nur Gesten: einfach diese Richtung, dann käme man schon hin.

Wassilij, voller Hoffnung, fuhr los. Zwei Kilometer später: keine Straße mehr. Ende. „Man hat mir gesagt, man muss einfach weiter“, meinte er.
Hundert Meter weiter steckten wir fest. Mein Chef, Galina und ich – alle in Geschäftskleidung – mussten schieben. Viermal.

Dann endlich: ein Dorf. Hundert Häuser vielleicht, keine Menschen. Nach fünf Minuten Hupen kam ein zahnloser Bauer auf einem klapprigen Fahrrad. Er bestätigte den Weg. Nur noch zwei Kilometer.

Das Dorf aber erschütterte mich. Alles weg. Niemand da. Verlassen. Die Jungen alle in die Stadt. Keine Schule, kein Geschäft, kein Kindergarten, kein Bus, kein Strom – erzählte der Alte, während Wassilij ihm Zigaretten anbot.
„Was ist hier passiert?“ fragte ich Wassilij.

Er wusste es nicht. „Normal“, meinte er. Dann hob er die Schultern: „Russia.“
Wie ein Zauberwort.
Wir schafften den Weg – und ich war dankbar dem russischen „Navigationssystem“. Nur das Treffen kam nicht zustande; der Kontakt musste dringend weg.

Am nächsten Tag hatten wir schon den Rückflug nach Moskau. Wir nahmen diesmal einen Umweg über etwas bessere Straßen und erreichten das Hotel ohne Schrammen, um die Sachen zu packen.
Doch die Erinnerung an das Dorf – nur wenige hundert Kilometer vom Zentrum entfernt – erschütterte mich. Sie zeigte mir die Grenzen dieses Landes.

Plötzlich wurde mir klar: Wer nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben konnte, musste zwangsläufig depressiv werden. So wurde mir die „russische Seele“ verständlicher.

Aber ein Land, das solch einen Reichtum aufwies und zugleich unter solchen Umständen lebte, ließ nur einen Schluss zu: Missmanagement. Gesteuert von Moskau. Plan statt Bedarf.

Und Moskau ist nicht Russland.
Nie war mir das bewusster als in diesem Moment – beim Resümee auf dem Flug nach Moskau und weiter nach Simferopol. Diesmal mit einer Tupolew.