TRÜMMER, TAUSCH, TECHNIK DES ÜBERLEBENS
Man sagt, Geschäfte mache man mit dem Kopf. In Wahrheit macht man sie mit den Nerven. Mit Mut. Manchmal mit Übermut. Zahlen kann man lernen. Kontakte knüpfen auch. Doch das Wagnis, etwas zu tun, das auf keinem Papier steht, trägt man entweder in sich – oder man bleibt Zuschauer.
Als wir hier ankamen, war die Wirtschaft ein Trümmerfeld. Regeln existierten kaum, Vertrauen noch weniger. Und trotzdem wuchs etwas. Störrisch. Unaufhaltsam. Wie Unkraut, das sich durch Asphalt frisst. Geschäfte fanden ihren Weg – erlaubt oder verboten –, sie tasteten sich voran.
Nichts stand von selbst im Lot. Alles musste gestützt, geflickt, nachgezogen werden. Schrott wurde gesammelt und eingeschmolzen.
Für mich waren Wirtschaft und Geschäft zwei überlappende Kreise. Dort, wo sie sich schnitten, lag ein Raum ohne Regeln. Unruhig. Schwankend. Mal Versprechen, mal Falle, oft Betrug. Der eine Kreis suchte Halt, der andere Beweglichkeit.
Dazwischen die Politik. Sie verwaltete, was es noch gab, und scheiterte daran, etwas Neues zu ermöglichen. Ein Dirigent ohne Partitur. Der Einsatz kam – ob Musik folgen würde, wusste niemand.
Und doch saß ein Publikum im Raum. Zögernd. Tastend. Manche blieben. Andere gingen. Die, die blieben, saßen still – und wurden nicht gehört.
Wir hielten Ordnung für selbstverständlich. Weil sie bei uns gewachsen war. Schicht um Schicht. Über Jahrzehnte. Hier aber fehlte diese Verwurzelung. Hier galt eine andere Währung: Beziehungen. Ein kleines Adressbuch wog mehr als jede Kreditkarte.
Was oben Legitimität hieß, war unten längst Alltag. Tricks. Schon in den achtziger Jahren zweite Natur. Wein wurde gestreckt. Benzin verdünnt. In Restaurants glänzte die Oberfläche, während Fliegenfallen für Sauberkeit sorgten. Wer Milch ausfuhr, zapfte sich ein paar Liter ab. Für sich. Für Nachbarn. Für das Ungesagte.
Wer Beton bestellte, bekam manchmal Parkett. Meine Schwiegermutter erzählte von Betonwagen, die bei Hotelbauten plötzlich die Straße wechselten – und im Fundament einer Datscha endeten. Der fehlende Beton war einkalkuliert. Von Anfang an. Hauptsache, die Papiere stimmten.
Und wer einen Mantel nicht wollte, wurde so lange bedient, bis er ihn doch nahm. Man sagte spöttisch:
„Warum gefällt Ihnen der Mantel nicht? Alle nehmen ihn.“
So lief der Markt. Kleine Tricks. Große Absurditäten. Und trotzdem lief er weiter. Wer hätte ihn auch stoppen sollen.
Unsere Nachbarin brachte Ware aus ihrem Betrieb mit. Tomaten. Apfelsaft in Fünf-Liter-Gläsern. Frauen zogen Einkaufstaschen auf Rollen in den siebten Stock. Ohne Lift. Wenn kein Gehalt kam, bekam man Ware. Die musste man selbst verkaufen.
Man konnte über die Jahre sehen, wie sich die Menschen trennten. Bürger. Händler. Vermittler. Nicht nach Worten, sondern nach Haltung. Nach Blicken. Nach der Art, wie man ging, wie man schwieg. Daneben jene, die warteten. Lehrer. Techniker. Menschen aus Instituten. Monatelang ohne Gehalt. Und wenn doch, dann siebzig oder achtzig Dollar. In einer Währung, die sich selbst nicht traute.
Gleichzeitig teilten Marschrutkas die Stadt in Linien. Reviere. Wer sie kontrollierte, kontrollierte Bargeld. Täglich. Viel davon. Alles, was Masse hatte und regelmäßig Geld brachte, stand unter Zugriff. Manchmal offen. Manchmal geteilt. Manchmal vollständig.
Ich begann zu ahnen, dass die Miliz nicht Hüter dieser Ordnung war, sondern ihr Werkzeug. Nicht Recht war das Ziel, sondern Berechenbarkeit. Und Berechenbarkeit hieß jetzt: Politik.
Vielleicht war dieses Chaos kein Unfall. Vielleicht war es Methode. Denn je chaotischer das Neue wirkte, desto vertrauter erschien das Alte. Einige verstanden das früh. Sie kannten die Wege, die Schlupflöcher, die Sprache der Übergänge. Sie passten sich an – und blieben oben.
Ich kannte einen von ihnen. Einen Parteifunktionär. Den höchsten auf der Krim. Freundlich. Höflich. Zurückhaltend. Wir begegneten uns beim Spazierengehen mit dem Hund. Er wohnte zwei Straßen weiter. Sein Haus sprach eine andere Sprache. Kapital. Ruhe. Sicherheit. Sein Einsatz bestand aus Zustimmung und Unterschriften. Immer im richtigen Moment.
Mir war das gleich. Vielleicht gönnte ich ihm sogar seine Rente. Und doch blieb das Bild. Was mochten jene denken, die jahrzehntelang an etwas geglaubt hatten, das sich nun in Häusern und Grundstücken materialisierte?
Korruption war keine Ausnahme. Sie war der Ablauf. Eine Stafette von oben nach unten. Jeder nahm sich seinen Teil. Wer nicht zugriff, fiel zurück. Und wurde ersetzt.
Man nannte es Notwehr. Eine Technik des Überlebens. Nicht zu nehmen hieß, sich selbst zu schwächen. Und Schwäche konnte man sich nicht leisten.
Korruption war nichts Neues. Indem man sie benutzte und sich an ihr ergötzte, verlor sie ihren Ausnahmecharakter.
Man nahm den Deckel vom kochenden Topf. Der Druck entwich – erleichternd, beinahe genussvoll. Und mit ihm die Gewissheit, anders zu sein.
Korruption wurde zum Öl im Getriebe, das trocken gelaufen war.
Nicht aus Gier allein, sondern aus Mangel.
Man griff auf das zurück, was man kannte – über Jahre gewachsen –, ein System, dem man misstraute und auf das man sich dennoch verließ.
Recht und Gesetz wurden nicht bekämpft. Sie wurden ersetzt.
Und selbst hier bedankte man sich bei der Obrigkeit. Nicht für Geschenke. Sondern dafür, dass sie nicht alles genommen hatte.
Hier endete das Improvisieren. Denn aus dem Überleben begann etwas anderes zu wachsen.